Philologisches Seminar

Aktuelle Projekte

Zeitdenken und Zeitmessung

In der römischen Antike stehen Orte und Perioden hoch geregelter Zeit und intensiven Instrumentengebrauchs eng neben Orten schwacher Zeitregulierung. Beide kulturellen Momente wurden ebenso wie ihre prägenden Umbrüche, die Einführung der Uhr und die Reformen des Kalenders, literarisch verhandelt. In der christlichen Literatur wird aus dem sozialpolitischen ein religiöser Diskurs, der in Anknüpfung v.a. an platonisches Denken die Absolutheit und Göttlichkeit der Zeit fokussiert. Meine Interessen gelten der Rekonstruktion des Diskurses um die richtige, die angemessene und die 'falsche' Ordnung der Zeit in der Vormoderne sowie der Darstellung alternativer bzw. utopischer Entwürfe der Zeitordnung. Im Moment konzentriere ich mich auf die Analyse einzelner Chronotope, d.h. literarisch stabiler und wirksamer Verbindungen geographischer (Land, Forum, Insel, Kloster) und kultureller Räume (Nacht, Schlaf, Alter) mit spezifischen Zeitordnungen.

Zur Einführung: A.W. Sonne und Mond, Kalender und Uhr. Studien zur Darstellung und poetischen Reflexion der Zeitordnung in der römischen Literatur, Berlin 2011 (UaLG 103).

2000 Jahre angewandter Mnemotechnik - Wissens- und Kulturgeschichte der lateinischen Merkversdichtung

Viele Teilbereiche der lateinischen Grammatik und Poetik werden auch heute noch mit Hilfe von 'Merkversen' erlernt. Manche erlauben den Einblick in antike mnemotechnische Strategien; andere tragen Züge des humanistischen Gymnasiums; alle sind von den sprachlichen Charakteristika mündlicher Überlieferung geprägt. Ihre Überlieferung und kontinuierliche Aktualisierung erfolgte im Lehrbetrieb, im Grenzbereich zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Autorschaft und Gemeingut. Ziel meiner Arbeit ist die wissenshistorische Erschließung und Dokumentation der lateinischen Merkversdichtung von der römischen Antike bis heute; für Lehrende biete ich Fortbildungen zum Thema an.

Zur Einführung: A.W., In die Semmel biss der Kater. Zur Kulturgeschichte des lateinischen Merkverses, in: Ianus. Informationen zum altsprachlichen Unterricht 35, 2914, 54-66.

Mediengeschichte der frühen Neuzeit

Im Zentrum meiner Arbeiten steht die Etablierung des Buchdrucks als eigenständiger Kunst- und Kommunikationsform der Frühen Neuzeit; getragen von Druckerverlegern und Humanisten wie Aldus Manutius, Johann Froben, Erasmus von Rotterdam, Thomas Morus oder Jodocus Badius, die die Bildungsinteressen des Humanismus mit den ökonomischen und politischen Möglichkeiten des Buchdrucks verbanden. Die Selbstbestimmung des Buchdrucks erfolgte vielfach über die Drucker- und Verlegerzeichen, die als älteste Form der gedruckten Werbung damals zuerst in großem Umfang eingesetzt wurden. Zur Zeit arbeite ich an zwei Sammelbänden zur Erschließung der Druckerzeichen: der eine, gemeinsam mit Michaela Scheibe (SPK Berlin) herausgegebene Band widmet sich der länderübergreifenden Katalogisierung der europäischen Druckermarken, der andere, mit Bernhard Scholz (Groningen) gemeinsam konzipierte Band gilt ihrer Verortung innerhalb der frühneuzeitlichen Literatur- und Medienlandschaft. Siehe: https://www.cerl.org/publications/cerl_papers/main (CERL-Papers), http://www.degruyter.com/view/product/458533 (typographorum emblemata).

Zur Einführung: A.W., Symbola ac emblemata: Perspektiven der Druckerzeichenforschung für die Frühe Neuzeit, in: Wolfenbütteler Rnaissance Mitteilungen (WRM) 36,1 (2015) 25-37.

Übersetzung und Edition der Bildepigramme des niederländischen Humanisten Franco Estius (flor. 1584-1597)

Am Lehrstuhl wird in enger Zusammenarbeit mit Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern eine kommentierte Edition und Übersetzung der Bildepigramme des niederländischen Humanisten Franco Estius vorbereitet. Estius gehörte dem Kreis um den Vergilübersetzer und Kunsttheoretiker Karel van Mander an; er arbeitet vielfach mit Hendrick Goltzius zusammen und trug zahlreiche lateinische Epigramme zu dessen Kupferstichen bei, die diesen an stilistischer Eleganz und inhaltlicher Komplexität gleichkommen. Daneben entstanden botanische und historische Lehrdichtungen, eine (offenbar verlorene) Tragödie "Procne" sowie zahlreiche Gelegenheitsgedichte. Erste Ergebnisse der Arbeit werden in die für 2017 geplante Ausstellung der Kupferstiche von Hendrick Goltzius in der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau eingehen.

Zur Einführung: A.W., Genese und Funktion von Epigrammen in der Druckgraphik des 16. Jahrhunderts am Beispiel einiger Stiche von Hendrick Goltzius, in: Künstler und Literat. Schrift- und Buchkultur in der europäischen Renaissance. Arbeitsgespräch des Wolfenbüttler AK für Renaissanceforschung, hrsg. v. B. Guthmüller, Wiesbaden 2006 (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 24) 327-345.

Latein im Stammbuch: Lehrforschungsprojekt in Zusammenarbeit mit den Stammbuchsammlungen der UB Tübingen und der Herzogin Anna Amalia Bibliothek (Weimar)

In Tübingen wird zur Zeit die weltweit größte Stammbuchsammlung erschlossen. Sie umfasst mehr als 1600 Stammbücher aus der Zeit von 1550 bis 1950. Der älteste Teil der Sammlung wird seit Januar 2008, zunächst durch die Förderung der H. u. J. Hector Stiftung zu Weinheim, seit 2012 im Rahmen des DFG-geförderten Projekts „Erschließung und Digitalisierung der Stammbuchsammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, der Universitätsbibliothek Tübingen und des Universitätsarchivs Tübingen: Die frühneuzeitlichen Stammbücher von 1550 bis 1740" (http://gepris.dfg.de/gepris/projekt/214052081) von Frau Dr. Eva Raffel (Klassik Stiftung Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek; Projektort: UB Tübingen) bibliographisch und prosopographisch aufgearbeitet. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind in der Stammbuchdatenbank der HAAB zugänglich (https://lhwei.gbv.de/DB=2.4/); einen ersten Einblick bietet ein digitaler Ausstellungskatalog (http://freundschaftsbuecher.klassik-stiftung.de/ausstellung/).

Aus der engen Zusammenarbeit mit Frau Dr. Raffel sind bislang ein Seminar und zwei Examensarbeiten hervorgegangen (A. Jäger, Latein im Stammbuch. Das Stammbuch des Nürnberger Studenten Andreas Merkel, 2014; J. Seifried, Littera publica, littera privata. Die beiden Stammbücher des Johann Georg Zunner, 2016); eine kommentierte Edition eines Stammbuches ist in Planung. Interessenten für Examensarbeiten, die sich z.B. für die ‚fachsprachlichen‘ Elemente der lateinischen Stammbuchkultur, ihre Zitierpraxis, den kulturellen und sprachlichen Horizont der Gelehrtenstammbücher oder die spezifische Funktionalisierung von ‚Antike‘ im Stammbuch interessieren, sind herzlich eingeladen, sich in der Sprechstunde zu melden.