Indologie & Vergleichende Religionswissenschaft

Evidentialität, epistemische Modalität und Sprecherhaltung im Ladakischen - Modalität und die Semantik-Pragmatik-Grammatik-Schnittstelle / Evidentiality, epistemic modality, and speaker attitude in Ladakhi - Modality and the interface for semantics, pragmatics, and grammar (II/2016-I/2019)

Zusammenfassung:

Das Ladakische ist eine tibetische Sprache, die in Nordindien (Jammu & Kashmir) gesprochen wird. Sie besteht aus zwei Hauptdialektgruppen, die sich in ihrer Grammatik deutlich unterscheiden. Hinsichtlich des Untersuchungsschwerpunktes verhalten sie sich jedoch ähnlich. Die tibetischen Sprachen und einige weitere tibeto-burmanische Sprachen haben ein besonderes System evidentieller Markierung mittels Hilfsverben, das in der Sprachtypologie bislang nicht vollständig berücksichtigt wird, da es offenbar nicht ausreichend analysiert ist. Im allgemeinen wird zwischen direkten und indirekten Wissensquellen unterschieden. Erstere erfaßt die Selbstwahrnehmung des Sprechers in bezug auf eigene Handlungen und Fremdsituationen, die er unmittelbar wahrnimmt. Aussagen aus diesem Bereich kommt automatisch ein hoher Wahrheitsgehalt zu. Zu den indirekten Wissensquellen zählen Hörensagen und Schlußfolgerung. Beide können, müssen aber nicht mit einem geringeren Wahrheitsgehalt assoziert werden. In den tibetischen Sprachen liegt der Hauptunterschied jedoch zwischen autoritativ bekräftigbaren Situationen, einschließlich eigener Handlungen, und bloß beobachteten Situationen, für die sich der Sprecher keine Autorität anmaßen will, kann oder darf. Das System ist sehr flexibel und die Auswahl der Hilfsverben ist stark pragmatisch kondizioniert. Ziel des Projektes ist die adäquate Beschreibung des komplexen grammatischen Systems evidentieller und im weitesten Sinne epistemischer Markierungen in den ladakischen Dialekten aufgrund einer qualitativen und, so weit möglich, quantitativen Untersuchung. Um Dialektvarianten von individuellem Sprechverhalten abzugrenzen, sollen möglichst viele Sprecher aus möglichst vielen Dialekten systematisch befragt werden. Insgesamt trägt das Projekt zur Erforschung der Semantik-Pragmatik-Grammatik-Schnittstelle im Bereich Modalität bei. Es dient der genaueren Unterscheidung von Evidentialität und epistemischer Modalität einerseits sowie der Abgrenzung von Sprecherhaltung (speaker attitude, stance) als eigenständiger Perspektivierung oder Profilierung von Aussagen andererseits und fördert das Verständnis von Evidentialität und Sprecherhaltung als grammatische Kategorien. Dies erlaubt auch ein besseres Verständnis entsprechender modale Strategien, d.h., sekundärer Verwendungen modaler Verben und Partikeln. Gleichzeitig dient das Projekt der Dokumentation einer langfristig gefährdeten und bisher noch wenig erforschten Sprache.

Summary:

Ladakhi is a Tibetic language, spoken in North India (Jammu & Kashmir). It consists of two major dialect groups, which differ considerably in their grammar. With respect to the object of investigation, however, they behave rather similar. The Tibetic languages and a few other Tibeto-Burman languages have a particular system of evidential marking through auxiliary verbs, which is not fully taken into account in the cross-linguistic discussion, most probably, because it is not yet fully analysed. Generally, one discriminates between direct and indirect sources of knowledge. The former consist of self-awareness with respect to one's own actions and the immediate or direct observation of situations of others. Statements concerning this domain automatically have a high truthvalue. Indirect knowledge consists of hearsay and inferences. Both may, but need not, go along with connotations of a decreased truthvalue. In the Tibetic languages, however, the main opposition is between situations the speaker can assert with authority and merely observed situations, for which the speaker cannot, does not want to, or is not allowed to assume authority. The system is highly flexible, and the choice of auxiliaries is pragmatically conditioned. The project aims at the adequate description of the complex grammatical system of evidential and in the widest sense epistemic markers used in the Ladakhi dialects on the base of a qualitative and, as far as possible, quantitative investigation. In order to delimit dialect variation from individual language use, as many speakers from as many dialects as possible should be interviewed systematically. The project will contribute to research into the semantic, pragmatic, and grammatical interface in the domain of modality. It will lead to a more precise differentiation between evidentiality and epistemic modality, and will further establish speaker attitude (or stance) as an independent perspectivisation or profiling of statements. It will thus contribute to a better understanding of evidentiality and speaker attitude as grammatical categories as well as a better understanding of evidential and attitudinal strategies, that is, secondary usages of modal verbs and particles. At the same time, the project aims at the documentation of a, in the long run, endangered and until now not yet well-studied language.

Dialektkarte / Map of dialects

Abgeschlossene Projekte / Completed projects

Verbsemantik und Argumentstruktur, Valenzwörterbuch der ladakischen Verben (IV/2010-III/2013 u. I/2014-VI/2014)

Mitarbeiter: Fabian Kliebhan (Softwareentwicklung), Rebecca Norman (Ladakh, beratend)

Mitarbeiter im Feld (Informanten):
2010: Tshomo Menggyur, Tshering Dolkar, Jigmet Angchuk, Sonam Rinchen
2011: Jigmet Yangdrol, Jigmet Angchuk
2012: Tshomo Menggyur, Tshering Dolkar, Jigmet Angchuk
Zusätzlicher Aufenthalt 2013: Tshomo Menggyur, Tshering Tshomo, Jigmet Angchuk, Sonam Rinchen
Zusätzlicher Aufenthalt 2014: Tshering Tshomo, Tshomo Menggyur, Tshering Dolkar
Zusätzlicher Aufenthalt 2015: Jigmet Yangdol, Tshering Tshomo, Tshomo Menggyur, Tshering Dolkar

Projektskizze

Dialektkarte

Ziel dieses im April 2010 begonnenen DFG-Projektes ist die Beschreibung der Verbvalenz sowie der Kasusrahmen und deren Bezug zur Verbsemantik für jeweils einen repräsentativen Dialekt aus beiden Gruppen sowie die Publikation eines entsprechenden Valenzwörterbuches. Kasusrahmen (oder Satzbaupläne) spezifizieren die Anzahl und Art der Argumente (auch Aktanten oder Partizipanten) eines Verbs, die Notwendigkeit ihres kontextunabhängigen Auftretens, die bevorzugte Position im Satz, die jeweiligen Kasus sowie mögliche Alternationen in Stellung und/oder Kasusmarkierung. Die Möglichkeit derartiger Alternationen, deren semantische oder pragmatische Implikationen sowie die Dokumentation von Kollokationen bilden besondere Schwerpunkte.


Zum Wörterbuch (eingeschränkte Betaversion)

Semantische Rollen, Kasusrelationen und satzübergreifende Referenz im Tibetischen (I/2002-XII/2008)

Im Rahmen des SFB 441 'Linguistische Datenstrukturen: Theoretische und empirische Grundlagen der Grammatikforschung'

Im Mittelpunkt des Projekts stand die Formulierung von Regeln für die Identifikation von Antezedentien leerer Argumente im Tibetischen. Dabei war im einzelnen auf die Verbsemantik einzugehen, d.h. auf die Argument- und Ereignisstruktur der Verben und auf die Einteilung der Verben nach ihrer Aktorenart ([±Kontrolle]). Die Perspektive des Projekts ist primär eine empirische und deskriptive, sekundär eine allgemein vergleichende und theoretische. Das Projekt basierte auf der Auswertung der zu erstellenden Textkorpora schriftlicher und mündlicher Erzählliteratur verschiedener Epochen, der Auswertung der durch Befragung und Elizitation gewonnen Daten sowie auf der einheimischen grammatischen Literatur. Durch die verschiedenen Datenklassen (Korpusdaten, Beurteilungsdaten, Elizitationsdaten, deskriptive historische und rezente Daten sowie normative Daten tibetischer Grammatiker) und durch die Zusammenführung verschiedener methodischer Ansätze (Philologie, Linguistik, historische Sprachwissenschaft und einheimische tibetische Grammatik) trug das Projekt zur Leitfrage des SFBs bei: der Klärung des Verhältnisses von Theorie und Empirie im Hinblick auf unterschiedliche Datentypen und deren Bewertung.

Zu den Korpora

OTC: Alttibetische Chronik, Kapitel I (ca. 9. Jh.)

TVP: Die Tibetische Version des Papageienbuchs (ca. 15. Jh.)

LLV: Gšamyulna bšadpaḥi Kesargyi sgruŋs bžugs. A Lower Ladakhi Version of the Kesar Saga (um 1900 gesammelt)

(siehe auch Metadaten, Dokumentation & Definitionen, Aufbau der Präsentation

auf den alten Projektseiten (weiter aktualisiert)

alternativ: Metadaten, Dokumentation & Definitionen, Aufbau der Präsentation

auf den archivierten Seiten (Stand 2009))