Indologie & Vergleichende Religionswissenschaft

Das Sanskrittheater Kūṭiyāṭṭam – eine kurze Einführung

Artikel in ATTEMPTO 39, 2015, S. 32-37: Indisches Theater aus dem vorigen Jahrtausend / Indian theater from the first millennium

Im Kūṭiyāṭṭam-Projekt (GIF Oberlin / Shulman) entstandene Filme:

 

Aufführungen und Workshops in Tübingen

2015

2017


 


 

Kūṭiyāṭṭam wird das traditionelle Sanskrittheater des heutigen indischen Bundesstaates Kerala genannt. "Kūṭi-āṭṭam" bedeutet wörtlich "Zusammen-Spiel", die gängigste Deutung bezieht sich auf das gemeinsame Spiel mehrerer Rollenfiguren zum Ende einer mehrtägigen Einheit. Die Aufführenden stammen aus den an den Tempeldienst gebundenen Ampalavāsi-Gruppierungen der Cākyār und Nampyār / Naṅṅyār. Erstere stellen die Schauspieler; die Nampyār spielen die großen Trommeln Miḻāvu˘, die Frauen der Gemeinschaft (Naṅṅyār) übernehmen zum einen die weiblichen Rollen und zum anderen halten sie an der Bühnenseite sitzend den Grundrhythmus mit kleinen Zimbeln (Kuḻitāḷam). Dieses 'Zusammenspiel' von Männern und Frauen auf der Bühne gilt für den indischen Kontext als außergewöhnlich. Auch könnte das gemeinsame Agieren von Cākyār und Nampyār / Naṅṅyār als 'Kūṭiyāṭṭam' verstanden werden, da eventuell beide Gruppen bis zur Zeit Kulaśēkhara Varmmans (11. / 12. Jh.) eigene, voneinander unabhängige Performanzformen gepflegt haben.

Foto 1: Aufführung von Kalyāṇasaugandhikam in Kōṭṭayam, Tirunakkara-Tempel der Gruppe des Ammannūr-Gurukulams am 8.12.1996 (Foto: Moser, I.96.30-24)

Kūṭiyāṭṭam kann im Rahmen seiner südindischen Heimat als "groß angelegtes Übersetzungsprojekt sanskritischer Kultur" (Brückner 2000: 508), ihrer Sprache, Werte und Inhalte verstanden werden: nicht nur der in der Regionalsprache Malayāḷam sprechende Vidūṣaka (siehe Abb. 2) mit all den von ihm eingeschobenen Vergleichen und Anekdoten, auch die ausgefeilte Handgestensprache, die Sanskrittexte während der Rezitation spiegelt, bieten eindeutig Hilfsmittel.

Foto 2: Aufführung von Subhadrādhanañjayam in Tṛppūṇittuṟa mit Mārgi Rāman als Nāyakan und Koccukuṭṭan Cākyār als Vidūṣaka, 1996 (Foto: P.L. Shaji, Sammlung Moser)

Kūṭiyāṭṭam-Aufführungen finden traditionellerweise in eigens für dieses Theater unterhaltenen, Kūttampalam genannten Theaterhäusern innerhalb der Tempelumfriedung statt (siehe Abb. 3-6: Abb. 3 und 4 zeigen das Theatergebäude des Vaṭakunnāthan-Tempels in Tṛśśūr, Abb. 5 und 6 das von Pēruvanam). In kleineren Tempeln ohne Kūttampalam gibt es für das Schauspiel ausgebaute Bühnen im die Schreine wie einen Innenhof umgebenden Säulengang. Zugelassene Zuschauer der in erster Linie als für die Gottheit des jeweiligen Tempels verstandenen Aufführung waren noch bis vor ca. 50 Jahren lediglich Priesterstand und Adel – ein gebildetes Publikum, bei dem die Kenntnis des Sanskrit und der Handgestensprache vorausgesetzt werden konnte.

Foto 3: Das Kūttampalam-Theatergebäude des Vaṭakkunāthan-Tempels in Tṛśśūr, aufgenommen 1995 (Foto Moser, I.95.5-30a) Foto 4: Die Bühne im Kūttampalam-Theatergebäude des Vaṭakkunāthan-Tempels in Tṛśśūr, aufgenommen 1995 (Foto: Moser, I.95.04-24)
Foto 5: Das Kūttampalam-Theatergebäude des Peruvanam-Tempels bei Tṛśśūr, aufgenommen 1995 (Foto: Moser, I.95.1-34a) Foto 6: Die Bühne im Kūttampalam-Theatergebäude des Peruvanam-Tempels bei Tṛśśūr, aufgenommen 1995 (Foto: Moser, I.95.04-32)

Während die männlichen Rollenfiguren von Männern der Cākyār-Gemeinschaft und die weiblichen Rollen von Frauen der Naṅṅyār-Gemeinschaft dargestellt werden, bildet die Dämonin Śūrpanakhā eine Ausnahme – diese häßliche Gestalt wird von Cākyār-Schauspielern übernommen (siehe Abb. 7).

Foto 7: Die Dämonin Śūrphanaka, dargestellt von Paiṅkuḷam Rāma Cākyār, aufgenommen vor 1980 (Foto: evtl. Krishna Nair Studio, Sammlung Moser)

Die männlichen Rollenfiguren sind erkennbar an Kostüm und Makeup, königliche Charaktere zeichnen sich beispielsweise durch hohe Kronen und grüne Gesichtsfarbe aus (siehe Abb. 8); weibliche Rollenfiuren haben durchweg dasselbe Erscheinungsbild, erst neuerdings wird versucht anhand kleiner Abweichungen wie einer andersfarbigen Bluse oder einem anderen Stirnsymbol Unterschiede zu schaffen (siehe Abb. 9). Eine Eigenheit der Schminkmasken der meisten männlichen Rollenfiguren ist neben der Betonung von Augen, Augenbrauen und Mundwinkeln ein Cuṭṭi genannter 'Reisbart', der als dreidimensionales Gebilde die untere Gesichtshälfte einrahmt und so das Auge des Zuschauers auf die Mimik konzentriert (siehe Abb. 10).

Foto 8: Aufführung von Tōraṇayuddham im Paḷuṅkil Śivanārāyaṇakṣētram in Kiḷḷimaṅgalam am 11.2.1997 mit Kalāmaṇḍalam Rāma Cākyār als Dämonenkönig Rāvaṇa (Foto: Unni / Moser, I.97.03-18A)
Foto 9: Typisches reformiertes Kostüm und Makeup einer Frauenrolle, aufgenommen 1988 an der Schule Kēraḷa Kalāmaṇḍalam (Foto: Kunju Vasudevan, Sammlung Moser) Foto 10: Makeup einer männlichen Rollenfigur mit Reisbart Cuṭṭi (Kalāmaṇḍalam Rāma Cākyār als Bhrānatan in Mantrāṅkam im Paḷuṅkil Śivanārāyaṇakṣētram in Kiḷḷimaṅgalam am 26.5.1996) (Foto: Moser, I.96.08-05)

Der Dramentext wird in verschiedenen Tonlagen, meist svara genannt, vorgetragen. Es handelt sich dabei um Sprechgesänge, die an den Vedavortrag der Nampūtiri-Brahmanen erinnern. Je nach Schule und Zählung werden 21 bis 24 Rezitationsweisen unterschieden. Welche Tonlage gewählt wird richtet sich nach Charakter und Stimmung des Sprechers, ein verliebter König beispielsweise trägt seinen Text in einer anderen Tonlage vor als ein verliebter Dämon.

Eine wichtige Rolle spielen neben dem stimmlichen Vortrag eine äußerst detaillierte Handgestensprache sowie eine hochstilisierte Mimik mit besonderer Betonung der ausdrucksstarken, 'sprechenden' Augen (siehe Abb. 11). Die Handgesten basieren auf den 24 Grundgesten des Leitfadens Hastalakṣaṇadīpikā, welcher auch die Grundlage der Gesten für andere Aufführungstraditionen Keralas wie Kathakaḷi und Mōhiniyāṭṭam bildet.

Foto 11: Handgesten in Kūṭiyāṭṭam – hier ein Genitiv, gezeigt von Kapila (Aufführung von Kalyāṇasaugandhikam in Kōṭṭayam, Tirunakkara-Tempel der Gruppe des Ammannūr-Gurukulams am 8.12.1996) (Foto: Moser, I.96.30-05)

Eine Aufführung wird heute von reinen Rhythmusinstrumenten begleitet: Das Hauptinstrument ist die Miḻāvu˘, eine große, bauchige Kupfertrommel, die in einem Holzrahmen steht, auf welchem der Nampyār-Trommelspieler sitzt (siehe Abb. 12). Sie wird mit beiden Händen geschlagen und ausschließlich für Kūṭiyāṭṭam gespielt. Des weiteren gibt es eine kleine, mit einem Stab geschlagene Trommel (Iṭakka) sowie ein oder zwei kleine Zimbeln, Kuḻitāḷam genannt (siehe Abb. 13); beim ersten Auftritt wichtiger Figuren ertönt zusätzlich ein Muschelhorn (Śaṅku˘). Bis vor einigen Jahrzehnten wurde noch Kuṟuṅkuḻal gespielt, ein oboenähnliches Blasinstrument.

Foto 12: Die Kupfertrommel Miḻāvu in ihrem Holzgestell (Kalāmaṇḍalam Uṇṇikṛṣṇan Nampyār in Mārgi / Tiruvanantapuram) (Foto: Mārgi / Sammlung Moser) Foto 13: Die kleinen Zimbeln Tāḷam (Heike Moser und Kalāmaṇḍalam Lata bei der Aufführung von Dūtavākyam im Paḷuṅkil Śivanārāyaṇakṣētram in Kiḷḷimaṅgalam am 29.9.96 (Foto: Brückner)

Kūṭiyāṭṭam neigt zu äußerst elaborierten, gestisch-mimischen Ausführungen des Schauspieltextes bis hin zu mehrere Tage dauernden Rückblicken in die Vorgeschichte (Nirvvahaṇam). Eine Aufführung wird um des ästhetischen Genusses willen besucht, am überlieferten Repertoire, das u.a. die dem Bhāsa zugeschriebenen Schauspiele sowie Dramen von Harṣa, Kulaśēkharavarmma, Śaktibhadra, Nīlakaṇṭha und Mahēndravikramavarmma umfaßt, wird bislang festgehalten.

Der knapp 6-minütige Filmausschnitt im Quicktime-Format führt die grundlegende Aufführungstechnik des Kūṭiyāṭṭam vor: Der Textrezitation mit gleichzeitiger Umsetzung der einzelnen Worte samt grammatischer Spezifikationen in die bereits erwähnte Handgestensprache folgt in der Regel ein rein pantomimisch vermittelter Kommentar. Beispielhaft wird ein Ausschnitt aus dem 2. Akt des Schauspiels Āścaryacūḍāmaṇi, dem Śūrppaṇkhāṅkam, vorgestellt.

[Modifizierter Auszug aus: Moser, Heike. 2008. Naṅṅyār-Kūttu – ein Teilaspekt des Sanskrittheaterkomplexes Kūṭiyāṭṭam. Historische Entwicklung und performative Textumsetzung. Wiesbaden: Harrassowitz (Drama und Theater in Südasien; 6)]


 

Film-Clip (mov / Quicktime-Format): Ausschnitt aus dem 2. Akt des Schauspiels Āścaryacūḍāmaṇi, Śūrppaṇkhāṅkam

Laufend aktualisierte Bibliographie zum Thema Kūṭiyāṭṭam

Kūṭiyāṭṭam: 10 Years after the UNESCO-Declaration. Guest-Editor: Heike Moser. Chennai: National Folklore Support Centre (Indian Folklife 38), 2011. Vollversion online (open source): https://indianfolklore.org/journals/index.php/IFL/issue/view/109/showToc