Orient- und Islamwissenschaft

Arabisch für den medizinischen Bereich – ein interkultureller Dialogleitfaden (AmBiD)

AmBiD ist eine im Rahmen des DAAD-geförderten Programmes „Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“ entstandene Kooperation zwischen AOI und der Psychiatrie und Psychiotherapie im Kindes- und Jugendalter (Prof. Renner).


AmBiD möchte besonders auf die neuen Herausforderungen im Kontext von medizinischen Berufen eingehen und richtet sich daher insbesondere an Studierende der medizinischen Fakultät, steht jedoch allen Personen offen, die im medizinischen Bereich tätig sind oder es werden wollen.

Seit Ende 2015 besteht dieses Sprachtandemprojekt für Geflüchtete (AmBiD9. Deutschsprachige Studierende mit Interesse am Spracherwerb aus den Herkunftsländern der studierfähigen geflüchteten Personen (zunächst primär Arabisch) werden mit diesen zusammengeführt. Dabei steht die mündliche Aktivierung von Sprachkenntnissen durch interaktiven und gleichgestellten Sprachaustausch im Zentrum. Flüchtlinge können hier ihre Deutschkenntnisse einüben und verbessern, zudem machen sie die Erfahrung, dass ihre eigenen Sprachkenntnisse und ihr regionales Wissen bei den Studierenden hochgeschätzte Kompetenzen sind. Dabei fungieren sie in einer aktiven, gleichwertigen und gleichgestellten Rolle auch als "LehrerInnen" ihrer eigenen Muttersprache.

Die Maßnahme zielt auf eine nachhaltige Vernetzung studierfähiger Flüchtlinge und deutschsprachiger Studierender und wird durch eine Reihe strukturierender Maßnahmen begleitet, um einen regelmäßigen Kommunikationsfluss sicherzustellen und über den Sprachaustausch hinaus interkulturelle Aspekte zu vermitteln.

Das Projekt besteht aus zwei Modulen: „Arabisch für den Klinikalltag“ und „Interkulturalität im
Klinikalltag“. Die Module können sowohl zusammen als auch getrennt belegt werden.

1. Arabisch für den Klinikalltag

Für Studierende der medizinischen Fakultät (primär im klinischen Abschnitt) wird ein Arabischkurs angeboten, der sich besonders an berufsspezifischen Interessen und dem Sprachgebrauch der medizinischen Fächer orientiert. Dieser Sprachkurs soll auch dazu dienen, deutschsprachige TandempartnerInnen aus dem Umfeld medizinischer Fächer zu rekrutieren, um den studierfähigen arabischen Flüchtlingen entsprechende Netzwerke anbieten zu können. Dabei wird jede/r TeilnehmerIn von einer/einem ArabischmuttersprachlerIn aus dem Umfeld studierfähiger Geflüchteter eng begleitet. In einem wöchentlichen Tandemtreffen der einzelnen TandempartnerInnen wird das im Arabischkurs Gelernte eingeübt. Die Tandemeinheiten für die Flüchtlinge werden individuell dem bisherigen Deutsch-Niveau angepasst. Die Tandempartnerschaft beinhaltet auch die enge Einbindung der Geflüchteten in die Arabischkurse ihrer SprachpartnerInnen. Unter anderem für den Fall, dass ein/e TeilnehmerIn der Medizin aus Gründen der Schichtstruktur des Klinikalltags an einer Unterrichtseinheit nicht teilnehmen kann, wird versäumtes Unterrichtsmaterial ausgehändigt und im Tandem nachgearbeitet werden. So ist gewährleistet, dass die Inhalte auch bei eventueller Abwesenheit der deutschsprachigen KursteilnehmerInnen aufgeholt werden. Die Geflüchteten werden durch ihre Rolle als Lehrende der eigenen Muttersprache gestärkt und zu Partnern mit wichtigen Kompetenzen, von denen das Gegenüber profitiert.

2. Interkulturalität im Klinikalltag

Ergänzt wird der Sprachkurs durch ein medizinanthropologisches Blockseminar. Die TeilnehmerInnen dieses Seminars lernen Gesundheit und Krankheit als biosoziale Phänomene kennen, die sich in Zeit und Ort unterschiedlich konkretisieren. Weltbilder und Körperbilder, Ansichten über Hierarchien oder Geschlecht formen das Verständnis und Erleben von Gesundheit und Krankheit. Die daraus gebildeten Erklärungsmodelle nehmen, neben politischen und ökonomischen Faktoren, Einfluss auf die Gesundheitsstrategien von Patienten und Patientinnen. Auch die MedizinerInnen handeln unter dem Einfluss kultur- und milieuspezifischer Vorstellungen. Können allgemeine Aussagen zu Krankheitskonzepten und Gesundheitsstrategien von Patienten und Patientinnen aus arabischen Ländern gemacht werden, die sich von den hier bekannten unterscheiden? Mit welchen gesundheitlichen Problemen ist bei Geflüchteten aus diesem Raum zu rechnen? Welche Probleme identifizieren diese selbst in Hinblick auf ihre eigene Gesundheit und die Maßnahmen des deutschen Gesundheitssystems? Anhand medizinethnologischer Literatur und Austausch mit und Berichten von geflüchteten Menschen wird für solche Unterschiede und deren Folgen sensibilisiert, damit medizinische Maßnahmen besser auf den Einzelfall angepasst werden können.

Mehrwert für Geflüchtete

In Bezug auf das Gesamtprojekt ist es den beteiligten universitären Partnern und Partnerinnen besonders wichtig, dass die Flüchtlinge dabei in einen fach- und kompetenzbezogenen Austausch integriert werden. Der Hauptbestandteil soll für diese Gruppe die gesprochene Sprache sein. Dies dient insbesondere der Kontaktförderung zu ihren Kommilitonen und KommilitonInnen sowie im (Uni-)Alltag allgemein und ermöglicht gleichzeitig die damit einhergehende fächerübergreifende Vernetzung. Die Integration arabischsprachiger Geflüchteter in den Studienbetrieb steht dabei im Vordergrund. Darüber hinaus wird besonderer Wert gelegt auf deren enge Mitwirkung für den Erfolg des Erwerbs der arabischen Sprache seitens der deutschsprachigen MedizinerInnen.

Mehrwert für MedizinerInnen

Durch stetigen Aufbau basaler Sprachkenntnisse des Arabischen mit Bezug zum Klinikalltag, wird der Erstkontakt mit den PatientInnen erleichtert. Einfache Fragen, Anweisungen und Behandlungsschritte können kommuniziert werden. So wird Missverständnissen vorgebeugt, ein Vertrauensverhältnis kann aufgebaut werden und die Abläufe gewinnen an Struktur und Klarheit und eventuelle Stresssituationen können entspannt werden. Zudem werden sprachspezifische Eigenheiten erlernt, die mehr Verständnis für diese Phänomene schaffen. Dabei ist es nicht Ziel des Programms, Patientengespräche, Diagnosen und Behandlungsmaßnahmen vollständig auf Arabisch bewerkstelligen zu können, sondern auf einem niedrigen und praxisbezogenen Sprachniveau die Arzt-Patient-Beziehung zu vereinfachen. Für den weitergehenden und darüberhinausgehenden Bedarf stehen die Dolmetscherprogramme der Kliniken zur Verfügung.

Rahmenprogramm

In einem auf Austausch und Vernetzung ausgerichteten Rahmenprogramm werden in regelmäßigen Abständen strukturgebende gemeinsame Veranstaltungen organisiert. Bei Tandemstammtischen und Ausflügen (u.a. zu medizinhistorischen Orten in der Umgebung), sowie in Sprechstundenterminen mit Arabischdozent und Koordinatorin wird die Qualität des Programms und dessen Nachhaltigkeit gewährleistet und ferner das multikulturelle Gruppen- und Zugehörigkeitsgefühl gestärkt.

Zukünftig ist die Ausweitung der Kurse auf weitere relevante Sprachen wie Farsi/Dari, Kurdisch und Urdu angedacht. Ebenso ist eine Kooperation mit der Computerlinguistik in Vorbereitung.

Anmeldung

medizinarabisch.ambid[at]sgkno.uni-tuebingen.de

Kontakt

Nora Ateia, M.A., Projektkoordinatorin
Abteilung für Orient- und Islamwissenschaft
Wilhelmstr. 113, 72074 Tübingen
Raum 103
nora.ateia[at]uni-tuebingen.de
Tel.: +49 (0)7071-29 76705