Sinologie

Geschichtliches

Als ein herausragender Auftakt für die Tübinger China-Studien darf Max Webers berühmter "Konfuzianismus"-Aufsatz betrachtet werden, 1916 publiziert im Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik des Wissenschaftsverlags J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen.

1964 gründete Werner Eichhorn (1899-1990), seit 1960 Honorarprofessor an der Philosophischen Fakultät, das "Seminar für Ostasiatische Philologie" (SOP), das er bis zu seinem Ausscheiden 1970 als Geschäftsführender Direktor leiten sollte. Das SOP bestand - schon damals - aus zwei Abteilungen: "Abteilung für Sinologie" und "Abteilung für Japanologie und Koreanistik". Galt Werner Eichhorns Forschungsinteresse vornehmlich der Religions- und Kulturgeschichte des Alten China, setzte Otto Ladstätter (1933-2005) einen neuen Akzent: "Eigenprägung und Fremdeinfluß in der chinesischen Sprache des Atomzeitalters" (1971).

Dem Nachfolger Ladstätters, Tilemann Grimm (1921-2002), von 1974 bis zu seiner Emeritierung 1989 Ordinarius für Ostasiatische Philologie, verdankten die Ostasienwissenschaften einen ersten, umfassenden Ausbau, wurden doch unter seiner Ägide drei C3-Professuren geschaffen: Japanologie 1975 (Professor Roland Schneider), Koreanistik 1979 (Professor Dieter Eikemeier), und in der Sinologie die Professur "Literatur und Geistesgeschichte Chinas", 1987 bis 1992 besetzt mit Professor Karl-Heinz Pohl. Während Professor Pohl sich dem Themenfeld Chinesische Geistesgeschichte, Ethik und Ästhetik des modernen und vormodernen China widmete, umspannten Professor Grimms Arbeiten den Großbereich von der Geschichte der Ming-Dynastie (1368-1644) über Mao Zedong (1893-1976) bis hin zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in China und Ostasien. Beide hier angelegten Themengebiete – Geschichte und Literatur – sind weiterhin eigenständige professorale Arbeitsbereiche der Sinologie.

Professoren

1960-1974 Prof. Dr. Werner Eichhorn (†1991) Ostasiatische Philologie
1970-1973 Prof. Dr. Otto Ladstätter (†2005) Ostasiatische Philologie
1974-1989 Prof. Dr. Tilemann Grimm (†2002) Ostasiatische Philologie
1987-1992 Prof. Dr. Karl-Heinz Pohl Literatur und Geistesgeschichte
1994-2005 Prof. Dr. Hermann Kogelschatz Sprache, Literatur, Philosophie
1994-

Prof. Dr. Hans Ulrich Vogel

Geschichte und Gesellschaft I
2004- Prof. Dr. Gunter Schubert Greater China Studies
2005- Prof. Dr. Achim Mittag Sprache, Literatur, Philosophie
2014- Jun.-Prof. Dr. HUANG Fei Geschichte und Gesellschaft II
2014- Jun.-Prof. Dr. Matthias Niedenführ Wirtschaftsethik
2018- Jun.-Prof. Dr. TSENG Yu-chin Moderne Taiwan-Studien

Nach der Emeritierung von Professor Grimm 1989 bzw. Professor Pohls Wechsel auf den sinologischen Lehrstuhl der Universität Trier 1992 begann 1994 mit den zeitgleichen Berufungen von Professor Hans Ulrich Vogel und Professor Hermann Kogelschatz ein neues Kapitel der Tübinger Sinologie. Als Professor Grimms Nachfolger hat Professor Vogel den Lehrstuhl für Geschichte und Gesellschaft Chinas inne und war während langer Jahre geschäftsführender Direktor der Abteilung Sinologie und Koreanistik inne. In letzterer Eigenschaft gelang es Professor Vogel 2010, die Wiedereinrichtung der zwischenzeitlich abgeschafften Professur für Koreanistik zu erwirken und somit das Fach Koreanistik zu reaktivieren. Zu den wissenschaftlichen Hauptarbeitsgebieten von Professor Vogel zählen Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Geschichte von Technik und Naturwissenschaften im vormodernen China.

Professor Kogelschatz' Forschungsinteressen schlossen die Sphäre des interkulturellen Dialogs (Wang Guowei und Schopenhauer) ebenso ein wie die Geschichte der chinesischen Mathematik. Professor Achim Mittag, der 2005 die Professur für Sprache, Literatur und Philosophie Chinas übernahm, konzipiert und koordiniert die gesamte Sprachausbildung modernes und klassisches Chinesisch; in seinen Forschungsbeiträgen erschließt er vorwiegend Dimensionen des Geschichtsdenkens und die Historiographie im alten und im neuen China.

Sprachunterricht in der Herrenberger Straße, 1994. Foto: Ulrich Theobald.

Durch vier zusätzliche Professuren wurde das Forschungs- und Themenspektrum der Tübinger Sinologie/Chinese Studies bahnbrechend erweitert. Dank Professor Vogels Initiative entstand 2003 der neue, sozialwissenschaftlich ausgerichtete Lehrstuhl Greater China Studies, den Professor Gunter Schubert innehat. In Zentrum seines Interesses stehen Politik und Gesellschaft in China, Taiwan und Hong Kong, wobei sich seine Forschungsprojekte auf die Politische Ökonomie der sino-taiwanesischen Beziehungen, den chinesischen Politikprozess im lokalen Raum, die Beziehungen zwischen Staat und Privatunternehmertum in der VR China und Migrationspolitik in Ostasien konzentrieren.

Frau Professor Huang Fei, seit 2014 Junior-Professorin für das Gebiet Geschichte und Gesellschaft Chinas, widmet sich in ihrer Forschung hauptsächlich der Anthropologischen Landschaftskunde, Kulturgeografie und Historischen Anthropologie im spätkaiserlichen China, mit besonderem Fokus auf das Grenzgebiet Südwestchina.

Auf der im selben Jahr auf Initiative von Professor Mittag neueingerichteten Junior-Professor Wirtschaftsethik im modernen China erforscht Professor Matthias Niedenführ konfuzianisches Unternehmertum sowie Nachhaltigkeitsdebatten.

Als neueste Entwicklung ist die Einrichtung einer Juniorprofessur für Modern Taiwan Studies auf Initiative von Professor Gunter Schubert zu nennen, die paritätisch vom taiwanischen Bildungsministerium und der Universität Tübingen gefördert wird. Die Besetzung ist für das SS 2018 vorgesehen.

Bereichert und komplettiert wird das Profil der Tübinger China-Wissenschaft durch diese drei, mit der Abteilung Sinologie eng vernetzten Institute:

  • ECCS: Professor Grimms Idee einer sinologischen „Außenstelle“ in Peking wurde 2001 durch maßgebliche Initiative von Professor Vogel verwirklicht. Das „European Centre for Chinese Studies“ ist eine von der Universität Tübingen gemeinsam mit anderen europäischen Universitäten betriebene Lehr- und Forschungsstelle. Das in den Studienplan integrierte Studiensemester am ECCS ist ein besonderes Alleinstellungsmerkmal des Tübinger Sinologiestudiums. Seit 2005 obliegt die Leitung des ECCS Professor Mittag.
  • ERRCT: 2008 gründete Professor Schubert das von der Chiang Ching-kuo Foundation geförderte European Research Center on Contemporary Taiwan, eine europaweit einzigartige zentrale Einrichtung der Universität Tübingen zur Förderung der gegenwartsbezogenen Taiwanforschung sowie zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
  • CCT: Professor Niedenführ gelang 2016 mit Gründung des China Centrums Tübingen (CCT) ein weiterer Meilenstein: Gefördert von der Karl Schlecht Stiftung versteht das CCT sich als Brückeneinrichtung zur Verknüpfung von Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, vor allem in den drei Handlungsfeldern China-Kompetenz, Wirtschaftskultur und China im Schulunterricht: Tübingen ist, dies sei hier hervorgehoben, dank des Einsatzes von Professor Mittag, erste Universität in Baden-Württemberg, die Lehrerinnen und Lehrer im Fach Chinesisch ausbildet.

Ab 2018 sind im Bereich Sinologie/Chinese Studies der Universität Tübingen insgesamt 21 WissenschaftlerInnen tätig: drei hauptamtliche W3-Professoren, drei Junior-ProfessorInnen, zwei außerplanmäßige ProfessorInnen, ein Akademischer Rat, zehn Wissenschaftliche MitarbeiterInnen und drei Lektorinnen, ebenso nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter in Sekretariat und Bibliothek – eine beeindruckende personelle Ausstattung, die das "kleine Fach" der Tübinger Sinologie zu einer der größten Einrichtungen deutschlandweit macht, mit einem breiten Angebot an Bachelor-, Master- und Lehramts-Studiengängen. Die Bestände der Sinologischen Bibliothek, welche die thematischen Kernbereiche des Faches in Geschichte und Gegenwart abdecken, belaufen sich derzeit auf ca. 50.000 Titel.

Von der Tübinger Sinologie/Chinese Studies wurden und werden stets Drittmittel in beachtlicher Höhe eingeworben, etwa in den beiden großen DFG-Forschungsprojekten "Monies, Markets and Finance" (2005-2012; Hans Ulrich Vogel) und dem "Kompetenznetzwerk Regieren in China" (2010-2016; Gunter Schubert).

Seit 2008 ist die Sinologie Teil des Asien-Orient-Institutes (AOI) der Universität Tübingen, welches die Vernetzung und Kooperation der beteiligten Fächer koordiniert und ihre Interessen als eigener Fachbereich in der Philosophischen Fakultät vertritt. Mit dem für 2020/2021 geplanten Umzug in die renovierte "Alte Augenklinik" werden die Ostasienwissenschaften Japanologie, Koreanistik und Sinologie dann auch räumlich (wieder) zusammengeführt, dies mit den Abteilungen für Orient- und Islamwissenschaft, Indologie und Ethnologie.

In den verschiedenen Bachelor-, Master- und Lehramtsstudiengängen, die von der Tübinger Sinologie angeboten werden, waren im SS 2017 über 250 Hauptfach- und Nebenfachstudierende eingeschrieben.

Peter Kuhfus, Sascha Zhivkov