Sinologie

Studieren in Corona-Zeiten

Warum es sich lohnt, auch im WiSe 2020/21 ein Sinologiestudium in Tübingen zu beginnen

  1. garantiertes Studium: digital und/oder im Seminarraum
  2. um auch in der Krise nicht den Anschluss ans Leben zu verlieren
  3. eine große Chance, denn unter wenigen bekommt man mehr, z. B. Stipendien
  4. China ist und bleibt ein wichtiger Globalplayer.
  5. ein mutiges Zeichen für die Völkerverständigung gegen Schuldzuweisungen
  6. Wer in Tübingen chinesische Schriftzeichen zu beherrschen lernt, weiß, wie man kämpft und siegt.
  7. Sinologie in Tübingen ist Perspektivenvielfalt!
  8. Sinologie in Tübingen ist chinesische Kultur im deutschen Ländle!
  9. Was bleibt, wenn man vorübergehend nicht nach China reisen kann und schwer an Fernweh erkrankt ist? - Sinologie in Tübingen!
  10. für das Motto der Uni Tübingen: attempto! “ich wag's!"

Unterrichten im Corona-Zeitalter – Erfahrungsberichte Ihrer "digitalen" DozentInnen

Prof. Achim Mittag – Professor für Chinesische Sprache, Literatur und Philosophie

Zu Beginn gab es regelmäßig Desaster, und ohne die geduldige Nachhilfe zweier unserer Mitarbeiterinnen wäre ich verzweifelt. Inzwischen habe ich Lernfortschritte gemacht und bin ganz stolz, dass die Studierenden mir sagen, dass es auch online insgesamt gut klappt. Es gab auch Momente knapp von "Sternstunden"-Format. Nur bin ich nachher immer platt und brauche eine Buttermilch. 

Jun.-Prof. TSENG Yu-chin – Junior-Professorin für Moderne Taiwan-Studien

Overall, online teaching during the pandemic is challenging for both students and teachers and requires adjustments in ways of conducting and designing the course and the ways students learn and interact in the class. In my experience, students do not have on-site interactions but the synchronicity and the conversation function in the cyber space allow students to communicate their ideas, opinions and questions to the whole class more easily and increase the overall student participation, especially for those who tend to talk less in class. Of course, the assumption is, you have a good internet connection.

Vivien Markert, M.A. – Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Greater China Studies

Zoom Fatigue – vermutlich leiden die meisten von uns inzwischen darunter, ich eingeschlossen. Die Online-Lehre ist zeitaufwändig und ermüdend, und ja, wir waren nicht ausreichend darauf vorbereitet. Das gilt vermutlich für DozentInnen genauso wie für Studierende. Umso erleichterter war ich, als ich die erste Unterrichtsstunde ohne größere technische Schwierigkeiten hinter mich gebracht hatte. Anstelle von dem befürchteten Chaos traten Hilfsbereitschaft und Unterstützung.  Meine KollegInnen und ich testeten regelmäßig verschiedene Plattformen für die Online-Lehre und hatten teilweise regeren Austausch als zuvor. Vor allem war ich jedoch von den Studierenden positiv überrascht, die den Unterricht aktiv mitgestalten, eigene Ideen zur Verbesserung der Online-Lehre miteinbringen und vor allem aber viel Geduld zeigen und unaufgefordert mithelfen, wenn doch mal technische Schwierigkeiten auftreten. Ihre Zoom Fatigue lassen sie sich kaum anmerken, auch wenn diese inzwischen gewiss bei den meisten eingetreten ist. Die Präsenzlehre kann dadurch zwar nicht ersetzt werden und ich freue mich darauf, wieder in den regulären Unterricht zurückzukehren. Dennoch denke ich, dass wir das gemeinsam bisher ganz gut gemeistert haben.

Salome Foltin, M.A. – Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Geschichte und Gesellschaft Chinas I

20. April 2020 – meine Existenz als digitale Lebensform begann. Ich verlor mein einst präsentes Ich im faszinierenden Spiel ungeahnter Gestaltungsmöglichkeiten: Zoom, Podcasts, Screencasts, eine Odyssee durch ILIAS, (neue) Wege digitaler Kommunikation, während der Ausgang der Corona-Krise ungewiss vor uns lag. Ende Juli 2020 – der Ausgang der Corona-Krise liegt ungewiss vor uns…

Der Verschwörung auf der Spur – Theorien Ihrer zukünftigen KommilitonInnen, warum die Viertsemester im Frühjahr 2020 nicht wie geplant nach China einreisen durften

你们都认识韓國瑜吧? 他是台湾高雄市的市长。今年他在台湾的总统选举失败了,所以他非常生气。虽然有百分之三十八的台湾人投票支持他,但是他却觉得他被台湾人骗了,所以他想办法进行报复。
Ihr kennt doch alle Han Guoyu. Er ist der Bürgermeister von Kaohsiung auf Taiwan. Als er dieses Jahr die taiwanische Präsidentschaftswahl verlor, wurde er sehr wütend. Obwohl er immerhin die Unterstützung von 38 % aller Taiwaner in der Wahl erhielt, fühlte er sich dennoch von den Taiwanesen betrogen und ersann einen Plan, wie er sich an allen rächen könnte… (Alexander)

真正的原因是外星人。[…] 因为外星人跟别的星球有种族战争。为了战争它们需要我们的帮忙。
Der wahre Grund sind die Außerirdischen. […] Weil diese Außerirdischen mit den Bewohnern anderer Sterne einen Krieg der Welten führen, benötigen sie für den Sieg unsere Hilfe… (Fee)

因为美国总统对中国人和中国经济很不满意…
Da der amerikanische Präsident in Hinblick auf die Chinesen und vor allem die chinesische Wirtschaft sehr verdrossen war… (Cristian-Jacques)

去年二月我开始在超市打工。我跟我的老板成为好朋友。因为我工作很快也很独立,所以她常常说我是一个好雇员。[…]所以我的阴谋论是我以前的老板创造了COVID19,因为她不想让我去中国。[…] 她觉得如果中国有一个严重的疫情, 那我就去不了了, 只好待在德国。但是她没想到,中国的政府发现了是她造出这个疫情,就要拘押她。这就是为什么她隐没不见了。
Letztes Jahr im Februar begann ich, in einem Supermarkt zu arbeiten. Ich und meine Chefin wurden sehr gute Freundinnen. Da ich schnell und selbstständig arbeite, sagte sie mir oft, was für eine gute Mitarbeiterin ich sei. […] Meiner Verschwörungstheorie nach hat meine ehemalige Chefin Covid-19 in Umlauf gebracht, um mich an einer Abreise nach China zu hindern. […] Sie dachte, falls in China eine schwere Epidemie ausbräche, müsste ich in Deutschland bleiben. Doch was sie nicht bedachte, ist, dass die chinesische Regierung den Verursacher der Epidemie (natürlich) ermitteln und inhaftieren lässt. Das ist der Grund, warum sie seither verschwunden ist.  (Nora)

这个政党目前的情况非常不好。因此他们想出一个伤天害理的计划。 他们想创造一个社会危机状态,然后就可以出来当世界的救主。他们的一个党员先坐飞机去武汉,然后把税收分发给中国,让他们制造病毒,蔓延世界。
Gegenwärtig ist diese [deutsche] Partei bei Wahlumfragen sehr schlecht aufgestellt. Daher dachte sich [ihre Führungsriege] einen skandalösen Plan aus: Indem sie erst eine Gefährdung der sozialen Ordnung verursachten, könnten sie sich hinterher zum Weltenretter aufschwingen. Eines ihrer Parteimitglieder reiste mit dem Flugzeug nach Wuhan. Aus Steuergeldern bezahlten sie die Entwicklung eines Virus, das sich bald in der ganzen Welt verbreitete… (Leonard)

我的阴谋论里,我男朋友是阴谋家。 去年九月我的男朋友开始想这个主意。因为那时我去台湾留学,他很想我。
In meiner Verschwörungstheorie ist [der Virus Folge] einer Intrige meines Freunds. Letztes Jahr im September begann mein Freund diesen Plan auszuhecken, denn als ich damals zum Studium nach Taiwan ging, hatte er mich schrecklich vermisst… (Cathrin)

Geisteswissenschaftliche Ursachenforschung – nicht ganz ernstgemeint, oder "Was wir von den alten Chinesen über Covid-19 lernen können"

Während die erste Pandemie des dritten Jahrtausends unter Virologen und Politikern noch viele Fragen und Schuldzuweisungen aufwirft, fand im Alten China der Östlichen Zhou (Pseudo-) Han Fei binnen kürzester Zeit eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung einer vergleichbaren Katastrophe: Ein scheues, aber todbringendes Schuppentier namens „Pandämolin“ oder die asiatische Büchse der Pandora.

Der Pandämolin bei (Pseudo-) Han Fei

Der aufgeklärte Herrscher hält sich die sieben Abartigkeiten vom Leib, denn wenn er sich die sieben Abartigkeiten nicht vom Leib hält, sind sie es, durch die er geschwind wie ein Wintersturm seine Position verliert und ins Dunkel verfrachtet wird.

Die sieben Abartigkeiten sind: Erstens übermäßiger Weingenuss, zweitens übermäßiger Fleischgenuss, drittens übermäßige Bequemheit des Körpers, viertens übermäßige Freude, fünftens übermäßiger Tatendrang, sechstens übermäßige Untätigkeit des Geistes, und siebtens übermäßige Betätigung im inneren Gemach. Jede einzelne dieser Abartigkeiten kann alleine schon dazu führen, dass der Herrscher umnachtet wird und seine Position vergisst. [...]

Übermäßiger Fleischgenuss bedeutet, dass der Herrscher zu viel Fleisch von allen oder einzelnen Sorten oder von Sorten zu sich nimmt, die von Natur aus dem menschlichen Körper unzuträglich sind, denn all dies kann dazu führen, dass der Herrscher dem übermäßigen Genuss von Fleisch so verfällt, dass er nicht nur seiner Pflicht nicht mehr nachkommt, die Ordnung im Reich herzustellen und die Balance der zehntausend Dinge zu wahren, sondern auch in seinem eigenen Körper Ordnung und Balance durcheinanderbringt und ihn so in den vorzeitigen Ruin führen kann. Der vorzeitige Ruin des Körpers eines Herrschers jedoch endet unweigerlich im vorzeitigen Ruin des Reiches. [...]

König Xiang von Wei 魏襄王 hatte einen Meisterkoch namens Wu Cuan 吾爨 (Kommentar von Xun Yue 荀悦: Geng Zhuo 耿桌 meint hierzu, Wu Cuan sei kein Name, sondern König Xiang habe selbst gekocht. Dies ist falsch.). Dieser Koch verstand es, die tausend Geschmacksrichtungen unter dem Himmel mit den vier Soßen (Kommentar von Xun Yue: Die vier Soßen sind Sauce Hollandaise, Chilisoße, Sojasoße und Austernsoße.) auf eine Weise zu kombinieren, dass seine Speisen König Xiang derart mundeten, dass er den ganzen Tag nur noch ans Mahl denken konnte. Mit ganz besonderer Raffinesse verstand sich Wu Cuan auf die Zubereitung des Pandämolins (Kommentar von Xun Yue: Der Pandämolin stammt ursprünglich aus Chu 楚. Dass der Genuss seines Fleisches krank macht, ist schon im Buch der Lieder [Shijing 诗经], Ode "Mahlzeit!" [Manshi 慢食] erwähnt.). Schon bei der Morgentoilette fragte König Xiang den Haushofmeister, was Wu Cuan denn zum Morgenbrei kochen würde. Die Morgenaudienzen verbrachte König Xiang mit seinen Gedanken nur damit, welch erlesene Speise Wu Cuan denn heute aus den am Vortag frisch gefangenen Pandämolinen zaubern würde, und während er am Abend gelangweilt den nackten Tänzerinnen aus Chu zuschaute, überlegte er in seinem Innern, wie man es bewerkstelligen könnte, den köstlichen Pandämolin zu importieren, wenn im Reiche Wei eines Tages keiner mehr erbeutet würde. Die köstlichsten Pandämoline wuchsen im Reiche Chu.

Nun war es aber so, dass der Pandämolin aus Chu eine Krankheit in sich trug, die bei seinem Verzehr zu einem langsamen Erstickungstod führte. Besessen vom edlen Geschmack des Pandämolins, schlug König Xiang jegliche Warnung in den Wind und ließ Pandämoline aus Chu herbeibringen. Nach nur wenigen Wochen erkrankte König Xiang und mit ihm das ganze Reich Wei. Nicht nur die höchsten Minister, sondern auch alle Höflinge, Großmeister und Dienstmannen begannen zu husten und zu fiebern. Alsbald war das ganze Reich Wei von der Krankheit befallen, und unter zehn Leuten starben drei den elenden Erstickungstod. Die Gelegenheit wurde vom König von Han 韩 ausgenutzt. General Liang Jiang 良将 von Han belagerte die Hauptstadt Liang 梁, die nach zwei Wochen aufgab. König Xiang von Wei war in der Zwischenzeit am Erstickungstod gestorben, und da er nur einen zweijährigen Bastard mit einer Tänzerin gezeugt hatte, gab es niemanden in Wei, der die Regierung bilden könnte. Alle Minister und Großmeister waren krank, so dass es keinen Regenten gab. Die alte Königinmutter war ebenfalls an der Seuche gestorben.

Dies war der Grund, warum die Abartigkeit des übermäßigen Fleischgenusses den Untergang des Reiches Wei herbeigeführt hatte. Jeder erleuchtete Herrscher sollte sich davor hüten, der Abartigkeit des übermäßigen Fleischgenusses nachzugeben, denn in seinem Körper werden Ordnung und Balance durcheinandergebracht, so dass sein Reich in Finsternis versinkt.

Dies ist, was man die Abartigkeit des übermäßigen Fleischgenusses nennt. (Wei Hanfeizi 伪韩非子, Kap. Qinüe 七疟, übers. Theobald 2020; Illustrationen Foltin 2020.)