Neuere Geschichte

Irina Saladin (geb. Pawlowsky)

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Kontakt

Universität Tübingen
Seminar für Neuere Geschichte
Wilhelmstr. 36
72074 Tübingen

Raum: Hegelbau, Wilhelmstr. 36, Raum 203
Email: irina.pawlowskyspam prevention@uni-tuebingen.de

Mitglied im DFG-Schwerpunktprogramm (SPP) 2130 "Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit"

Sprechstunde: Nach Vereinbarung

Vita Publikationen Lehrveranstaltungen

Dissertationsprojekt (abgeschlossen)

Dissertationsprojekt: „Karten und Mission. Die jesuitische Konstruktion des Amazonasraums im 17. und 18. Jahrhundert”

PhD Project: “Maps and Mission. The Jesuit Construction of the Amazon in the 17th and 18th Centuries”

Im Zentrum des abgeschlossenen Promotionsprojekts stehen Amazonaskarten von jesuitischen Missionaren, die im 17. und 18. Jahrhundert in der sog. Maynas-Mission (1638-1768) tätig waren. Die sowohl handgezeichneten als auch gedruckten Karten entstanden zum Teil in der Mission und zum Teil in Europa nach der Ausweisung der Jesuiten aus Spanisch-Amerika.

Im Rahmen des Projekts werden die vielschichtigen Zusammenhänge von Mission und kartographischer Wissensproduktion untersucht. Ausgangspunkt ist die These, dass die Interessen, Intentionen, religiösen und politischen Weltbilder der Missionare maßgeblich die Repräsentation des Amazonasraums in der Frühen Neuzeit beeinflussten. Untersucht werden zum einen die Bedingungen für die Wissensproduktion vor Ort wie etwa der intensive Kontakt der Missionare zur lokalen Bevölkerung und die damit einhergehende Rolle indigener Informanten und zum anderen die spezifischen Anforderungen an die missionarische Tätigkeit, wozu die Notwendigkeit gehörte, das Missionsgebiet ausgedehnt zu bereisen und sich in unbekannten Räumen orientieren zu können. Ihr kartographisches Wissen nutzten die Jesuiten aber auch zur Verteidigung der von ihnen beanspruchten Missionsgebiete, vornehmlich gegen portugiesische Ansprüche oberhalb der Río Negro-Mündung. Die Karten der Missionare fungierten somit als missionspropagandistisches Mittel, durch das politische und religiöse Räume erst konstruiert wurden. Eine gewichtige Rolle spielte hierbei die Repräsentation der lokalen Bevölkerung. Darüber hinaus suggerierten Karten die wissenschaftliche Verlässlichkeit der empirischen Beobachtungen von Missionaren. So wurde durch die Publikation jesuitischer Werke mit Blick auf das Interesse der europäischen Gelehrten immer auch auf die wissenschaftliche Bedeutung der Gesellschaft Jesu verwiesen und – in Anbetracht antijesuitischer Stimmungen – kartographisches Wissen gezielt als projesuitisches Argument eingesetzt.

Bislang wurden die jesuitischen Karten, die Gegenstand der Untersuchung waren, vor allem mit Blick auf nationalgeschichtliche Fragestellungen und als Zeugnisse wissenschaftlicher Leistungen jesuitischer Geistlicher interpretiert. Im vorliegenden Projekt hingegen wird der Schwerpunkt der Untersuchung auf die in ihnen behandelten politischen, religiösen, wissenschaftlichen und ordensinternen Diskurse gelegt. Von diesen wird angenommen, dass sie ebenso die kartographische Repräsentation des Amazonasraums bestimmten wie die verschiedenen Informationsquellen, die den Jesuiten als Grundlage für ihre geographischen Kenntnisse dienten. Das Projekt trägt damit zu einer neuen kulturgeschichtlichen Sicht auf die frühneuzeitliche Kartierung des Amazonas bei.

Postdoc-Projekt

Projekt im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms 2130 "Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit": "Kartographie als Übersetzung. Kartenproduktionen französischer 'Lehnstuhlgeographen' des 18. Jahrhunderts"

Die einflussreichen französischen Geographen Guillaume Delisle (1675-1726), Philippe Buache (1700 1773) und Jean-Baptiste Bourguignon d’Anville (1697-1782) bezeichneten sich selbst als géographes de cabinet. Ihnen war gemeinsam, dass sie ihre Karten auf der Grundlage umfangreicher Quellensammlungen anfertigten, statt die zu kartierenden Länder zu bereisen und zu vermessen. Die Arbeit der Geographen bestand zunächst im Sammeln von Informationen und Dokumenten verschiedener Art, darunter Karten, Reiseberichte, Geschichtswerke, Briefe und mündliche Aussagen von Reisenden, zu denen sie in persönlichem Kontakt standen. In einem weiteren Schritt werteten sie die gesammelten Quellen kritisch aus, indem sie sie verglichen, gegeneinander lasen und kombinierten. Hierbei spielten Übersetzungsprozesse auf verschiedenen Ebenen eine wichtige Rolle: Erstens mussten fremdsprachliche Texte, Namen und Begriffe, beispielsweise aus dem Lateinischen oder Spanischen, ins Französische übersetzt werden. Zweitens mussten Daten aus unterschiedlichen zeitlichen Epochen miteinander in Einklang gebracht werden, wobei ältere Darstellungen neueren Kenntnissen entsprechend übersetzt wurden. Drittens waren intersemiotische Übersetzungen vonnöten, denn das ausgewertete geographische Wissen stammte aus unterschiedlichen Medien, die erst einmal in eine gemeinsame ‚kartographische Sprache‘ übertragen werden mussten. Viertens war es notwendig, Wissen, das aus spezifischen lokalen Kontexten stammte, beispielsweise aus der Mission, den Interessen und Ansprüchen der französischen Geographen bzw. ihrer Auftraggeber anzupassen. Hierbei war insbesondere die Übersetzung indigenen Wissens eine Herausforderung für die Geographen.

Im Rahmen des Projekts sollen Übersetzungsprozesse in französischen Kartenproduktionen des 18. Jahrhunderts untersucht werden. Hierzu werden in Pariser Archiven die Materialsammlungen, Korrespondenzen und Mémoires der genannten ‚Lehnstuhlgeographen‘ ausgewertet. Vorrangiges Ziel ist es, mit dem Schwerpunkt auf Übersetzungsprozessen in der Kartographie, die Komplexität der in den Kartenproduktionen angewandten Kulturtechniken aufzuzeigen. Diese Komplexität gerät bislang durch die oftmals einseitige Konzentration auf mathematische und technische Faktoren schnell in den Hintergrund. Kartographie soll dabei nicht als ein von anderen Formen der Wissensproduktion generell getrennter Bereich verstanden werden, sondern als Bestandteil übergreifender frühneuzeitlicher Übersetzungskulturen.