Prof. Dr. Dorothee Kimmich

Sommersemester 2012

Proseminar

Kulturwissenschaftliche Filmanalyse am Beispiel des deutsch-türkischen Films

Filmanalysen gehören mittlerweile zu einem immer häufiger auftretenden Inventar kulturwissenschaftlicher Reflexionen. Jedoch passiert es nicht selten, dass Filme dabei eins zu eins wie literarische Texte gelesen werden, die sich in den Analysen dann oft in Plot- und Szenenbeschreibungen erschöpfen. In diesem Proseminar soll es hingegen darum gehen, Grundlagen zu entwickeln, um dem komplexen Medium Film narrativ (Sequenzanalysen), aber besonders auch seiner audiovisuellen (Ton, Bild) und technischen Seiten (Einstellungen, Schnitt) analytisch gerecht zu werden. Davon ausgehend werden wir versuchen zu eruieren, welche Komponenten für eine gelungene kulturwissenschaftliche Filmanalyse erforderlich sind. Dabei wird uns der Fokus auf deutsch-türkische Filme hilfreich sein.

Filme zu diesem Seminar werden gezeigt 14-tg. am Mittwoch, 20-22 Uhr, in Raum 027.

Literatur:
Krützen, Michaela. Dramaturgie des Films. Frankfurt a. M.; Fischer Verlag 2004, S. 63-124.
Monaco, James. „Film als Kunst“. In: ders. Film verstehen. Rowohlt 2000, S. 15-64.
Göktürk, Deniz. „Migration und Kino. Subnationale Mitleidskultur oder transnationale Rollenspiele?“. In: Charmine Chiellino (Hg.). Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart/Weimar: Metzler 2000, S. 329-347.

Zeit: Do, 8-10 (14-tg.)
Raum: 315
Leistungsnachweis und Credits: nach Prüfungsordnung

Hauptseminar

Moderne Autobiographien zwischen Okzident und Orient aus transkultureller Perspektive

Von Anfang bis zum Ende des 20. Jahrhunderts galt in der Literaturwissenschaft und in der Orientalistik der Befund, dass die Gattung der Autobiographie ein explizit westeuropäisches Phänomen und in arabischen und türkischen Texttraditionen kaum zu finden sei. Grund hierfür sei die Tatsache, dass arabische und türkische Gesellschaften noch keine Säkularisierung und Modernisierung durchlaufen haben. Jedoch ist neben dem Roman die Form der Selbstbeschreibung seit Beginn und spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts mit eine der beliebtesten literarischen Artikulationsformen, die es in der arabischen und türkischen Literatur gibt. Dieses asymmetrische Verhältnis zwischen Theorie und Praxis werden wir im Hauptseminar „Autobiographien aus transkultureller Perspektive“ mit komparativen Theorie- und Textanalysen aus dem okzidentalischen und orientalischen Raum nachgehen und problematisieren. Dabei werden wir auch nach den Grundlagen kultureller Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen fragen und versuchen zu eruieren, welche Nähe- und Distanzverhältnisse zwischen Orient und Okzident bestehen. Da Originallektüren nicht von allen Teilnehmern geleistet werden können, werden wir, was die türkischen und arabischen Texte betrifft, auf gute Übersetzungen zurückgreifen.

Literatur:

Foucault, Michel: Technologien des Selbst. In: Luther H. Martin u.a. (Hrsg.), Technologien des Selbst. Frankfurt am Main 1993a. S. 24-62 (Orig. 1988).

Brockmeier, Jens: Erinnerung, Identität und autobiographischer Prozeß, in: Journal für Psychologie, 1/1999, 22-42.

Ezli, Özkan. Grenzen der Kultur. Autobiographien und Reisebeschreibungen zwischen Okzident und Orient. Konstanz: Konstanz University Press, S. 9-40; S. 179-184.

Enderwitz, Susanne. Gibt es eine arabische Autobiographie? Verena Klemm/Beatrice Gruendler (eds.): Understanding Near Eastern Literatures. A Spectrum of Interdisciplinary Approaches. Reichert Verlag, Wiesbaden 2000, 189-201.

Zeit: Mi, 16-18
Raum: 315
Leistungsnachweis und Credits: nach Prüfungsordnung

Hauptseminar

Montesquieus Persische Briefe und Goethes West-Östlicher Divan

Die Persischen Briefe (1721) Montesquieus, Ein Muslim entdeckt Europa (1834) des ägyptischen Gelehrten Rifāˋa at-Tahtāwī und der West-Östliche Divan (1819) von Goethe sind zentrale Texte im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, die mit unterschiedlichen Gattungsformen und Narrativen Kontaktzonen zwischen Orient und Okzident beschreiben und verhandeln. Wenn Goethes Divan mit seinem Fokus auf Sprache und Geschichte als ein Akt des Verbindens gelesen wird, finden wir in Montesquieus und at-Tahtāwīs Texten Reflexionen über Verhaltensweisen, Strukturen des Sozialen und von Gesellschaften, die Trennendes und Verbindendes unterschiedlicher kultureller und sozialer Prägungen zusammenführen. Der Vergleich dieser drei Texte soll uns vor Augen führen, wie unterschiedlich und ähnlich Skizzierungen inter- und transkultureller Kontaktzonen zu Beginn der europäischen Moderne zwischen Ästhetik und Praxis ausfallen können. Gegen Ende des Seminars werden wir diese Erkenntnisse an der gesellschaftspolitischen Debatte von 2011 zu Goethes Divan, die mit der Sarrazin–Debatte eng in Relation stand, erproben. Da Originallektüren nicht von allen Teilnehmern geleistet werden können, werden wir, was die französischen und arabischen Texte betrifft, auf deutsche Übersetzungen zurückgreifen.

Literatur:

Bhatti, Anil. „Der Orient als Experimentierfeld. Goethes »Divan« und der Aneignungsprozess kolonialen Wissens“. In: Frick, Werner u a. (Hg.). Goethe-Jahrbuch. Wallstein Verlag 2009, S. 115-128.

Ezli, Özkan. „Reisen und Beschreibungen des Fremden. Die Konstitution des Kultursubjekts“. In: ders. Grenzen der Kultur. Autobiographien und Reisebeschreibungen zwischen Okzident und Orient. Konstanz: Konstanz University Press, S. 103-133.

Montesquieu, Charles de. Persische Briefe. Reclam 1991.

Zeit: Do, 10-12
Raum: 029
Leistungsnachweis und Credits: nach Prüfungsordnung

Hauptseminar

Narrative des Sozialen und Politischen in der deutsch-türkischen Literatur und im Film

Er sei ein Kind der Globalisierung, erwiderte Fatih Akın 2007 anlässlich der Premiere seines Films Auf der anderen Seite auf die Frage, wie es denn sei, zwischen zwei Kulturen zu stehen. Die Annahme, dass es sich bei der nunmehr über fünfzigjährigen deutsch-türkischen Migrationsgeschichte schon immer um eine Geschichte zweier differenter Kulturen gehandelt habe und noch handle, hängt mit dem wechselseitigen Bezug der Mehrheits – und Minderheitsgesellschaft auf ihre identitätsstiftenden Größen Nation (Türkei/Deutschland) und – immer stärker – Religion (Islam/Christentum) zusammen, die in ihrer medial vermittelten gesellschaftspolitischen Präsenz den politischen Diskurs der Integration und Desintegration dominieren. Dieser wirkt(e) sich auch auf die deutsch-türkische Kunstproduktion in ihrer gesellschaftlichen Funktions- und Standortbestimmung aus. Entweder galten die Texte und Filme bis Anfang der Neunziger als Darstellungen leidvoller Migrantenexistenzen oder sie werden neuerdings vereinnahmend als deutsche Literatur (Zaimoğlu) oder als deutscher Film (Akın) mit dem Mehrwert eines Migrationshintergrunds verhandelt. Jenseits dieser starren Narrative in Politik, Debatte und Rezeption sind die literarischen Texte und Filme Orte von flexiblen und multivokalen Narrativen, deren gesellschaftspolitischer Wert unterschätzt wird. Sie zeigen vorhandene und mögliche Verhandlungsformen von Sozialem und Politischem auf, die asymmetrisch zu Debatten und politischen Entscheidungen stehen. In dem Seminar Narrative des Sozialen und Politischen möchten wir in Texten und Filmen deutsch-türkischer Provenienz der 1990er und des 21. Jahrhunderts den narrativen Konstitutionen und Problematisierungen von Kultur in Relation zu Integrationsdebatten nachgehen und ihre unterschiedlichen und vielfältigen Positionen ausloten, die auf unterschiedliche Organisationsweisen des Sozialen und Politischen aufmerksam machen.

Filmvorführungen zu diesem Seminar finden 14-tägig am Mittwoch, 20-22 Uhr, in Raum 027 statt.

Literatur:
Adelson, Leslie. Against Between: A Manifesto, In: New Perspectives on Turkey, Spring-Fall 2003, 28-29, pp. 19-36.
Ezli, Özkan. Von der interkulturellen zur kulturellen Kompetenz: Fatih Akıns globalisiertes Kino, In: Ezli/Kimmich/Werberger (Hg.): Wider den Kulturenzwang: Migration, Kulturalisierung und Weltliteratur, transcript 2009, S. 207-230.
Koschorke, Albrecht. Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. Fischer 2012. Zeit:

Do, 14-16

Raum: 415
Leistungsnachweis und Credits: nach Prüfungsordnung

Hauptseminar

Kulturtheorien der Moderne

Definitionen, Funktionen und Wirkmächtigkeiten des Begriffs ‚Kultur’ sind in der westeuropäischen Moderne seit dem 18. Jahrhundert von Vielfalt und einer gleichzeitigen Unbestimmtheit geprägt. Dennoch fungiert dieser Begriff als eine der zentralen intellektuellen Leitwährungen in Europa, dessen Wert und Funktion besonders im 20. Jahrhundert dokumentiert ist. In dieser Zeit, die von vielen gesellschaftspolitischen Veränderungen geprägt war, hat der Begriff unterschiedliche theoretische Ausformulierungen erfahren, denen wir im Seminar „Kulturtheorien der Moderne“ nachgehen möchten. Im Seminar wird es zunächst darum gehen, den Prozesscharakter und Unbestimmtheitsgrad des Begriffs durch Interpretationen kanonischer Texte herauszuarbeiten und diesen gegen Ende des Seminars an aktuellen gesellschaftspolitischen Themen (Integrationsdebatten) und ästhetischen Narrativen zu erproben.

Literatur:
Kimmich, Dorothee (Hg.): „Herausforderungen der Moderne“. In: dies./Schahadat, Schamma/Hauschild, Thomas. Kulturtheorie. Bielefeld: transcript 2010, S. 229-296.
Luhmann, Niklas. „Kultur als historischer Begriff“. In: ders. Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft Band 4. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999, S. 31-54.

Zeit: Mi, 14-16; Sa, 10-13 (20.07.2013)
Raum: 315
Leistungsnachweis und Credits: nach Prüfungsordnung