Prof. Dr. Dorothee Kimmich

Lehrveranstaltungen

Sommersemester 2016

PS II: Körperdiskurse bei Kleist (GLW Teil II und III)

Im Seminar nähern wir uns dem Werk Heinrich von Kleists über die Analyse von Körper- und Körperlichkeitsdiskursen. Zum einen lassen sich anhand der „Lektüre des Körpers als Zeichen“ (Eybl) zentrale Fragen Kleists nach Möglichkeiten und Grenzen von Darstellung und Sprache, Identitäts- und Subjektkonzeptionen offenlegen. Zum anderen verhandeln die Texte zahlreiche zeitgenössische Diskurse, so etwa über Medizin, Sexualität und Geschlechterrollen. Körper, ihre Erscheinungsformen und Symptome werden gelesen, gedeutet und immer wieder missverstanden.

Wir lesen u.a. Über das Marionettentheater (1810), Die Verlobung in St. Domingo, (1811) Die Marquise von O. (1810); Amphitryon (1807); Penthesilea (1808).

Anmeldung ab 1.3.2016 per Mail an caroline.merkel[at]uni-tuebingen.de

Wintersemester 2015/2016

PS II: Eisenbahnen in Literatur und Film (19./20. Jh.)

Als eine der wichtigsten Innovationen des 19. Jahrhunderts ist die Eisenbahn Phänomen und Motor der Industrialisierung zugleich. Heinrich Heine bezeichnete die Eisenbahn als ein „providenzielles Ereigniß“, das den Raum verschwinden lassen würde. Das Reisen mit dem Zug bedeutete eine Revolutionierung gewohnter Raum- und Zeitbegriffe: Während einerseits sich der erreichbare Raum zunehmend erweiterte, schrumpfte andererseits mit dem neuen, schnellen Reisemittel der durchreiste Raum, der Raum des „Zwischen“ (Wolfgang Schivelbusch). Verändert wurden aber auch Landschaften und Städte, in deren Mitte Bahnhöfe als neue urbane Transitorte entstanden. In Feuilleton, Literatur – und später auch im Film – werden im 19. und frühen 20. Jahrhundert anhand von zahlreichen Zugreisen, Eisenbahnlinien und fast ebenso vielen Eisenbahnunglücken die Verheißungen und Ängste der Moderne verhandelt und immer wieder mit neuen erzählerischen Formen verbunden. Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts lassen sich aber ebenso Kriege, Kolonialismus und schließlich die Shoa kaum ohne die unerbittliche Rationalität des Eisenbahnnetzes vorstellen. Eisenbahnen und Bahnhöfe spielen als Transitorte auch am Ende des 20. Jahrhunderts weiterhin eine Rolle, so beschreibt Michel de Certeau Züge als absolut geordnete, kontemplative Orte „des Müßiggangs und des Denkens“, während sie für Marc Augé Paradebeispiel der „Nicht-Orte“ in der Übermoderne werden.

Zur Einführung: Schivelbusch, Wolfgang: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. München 1977.

Wir lesen im Seminar u.a. Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel (1888), Thomas Mann: Das Eisenbahnunglück (1909), Robert Müller, Irmelin Rose. Die Mythe der großen Stadt (1914), Joseph Roth, Die Tücke des Vehikels, in: Unter dem Bülowbogen (1920),Friedrich Dürrenmatt: Der Tunnel(1952), Wenedikt Jerofejew, Die Reise nach Petuschki (1972), Michel de Certeau: Schiff und Kerker, in: Kunst des Handelns (1988), Marc Augé:Nicht-Orte (1992), Peter Høeg: Reise in ein dunkles Herz, in: Die Liebe und ihre Bedingungen in der Nacht des 19. März 1929 (1998).

Sommersemester 2015

PS II: Drama und Dramentheorie im 20. Jahrhundert

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts steckt das Drama in einer "Krise": Avantgardebewegungen proklamieren eine "Befreiung des Theaters von den Fesseln der Literatur" (Fischer-Lichte), Leitvorstellungen des bürgerlichen, aber auch des naturalistischen Illusionstheaters wie Dialog, Einheit der Handlung und insbesondere ihr Subjektbegriff werden hinterfragt oder doch zumindest erweitert, die Frage auch nach dem politischen Charakter des Dramas immer wieder aufgeworfen. Neue Formen und Konzepte bilden sich mit dem epischen Theater Brechts, dem "Theater der Grausamkeit" (Artaud) oder dem absurden Theater. Seit den 1960er Jahren werden neue szenische Formen etwa bei Heiner Müller oder Peter Handke weitergeführt und verdichten sich am Ende des Jahrhunderts zu dem, was Hans-Thies Lehman schließlich als "postdramatisches Theater" beschreibt.

Im Seminar werden wir diese Entwicklung nachverfolgen anhand von Dramen, Theatertexten und dramentheoretische Texten vom Ende des 19. bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.

Wir lesen u.a. Texte von Georg Kaiser, Bertold Brecht, Wolfgang Borchert, Samuel Beckett, Peter Handke, Friedrich Dürrenmatt, Elfriede Jelinek und René Pollesch.

Wintersemester 2014/2015

PS II "Festhalten an unserer Sprache"? Nachdenken über Sprachwechsel im Exil

dienstags, 8-10 Uhr, R 032

Die Flucht aus Nazi-Deutschland bedeutete für viele EmigrantInnen notgedrungen eine Auseinandersetzung mit der eigenen Muttersprache - den Abschied aus der gewohnten Sprachgemeinschaft auf der einen, die Ankunft in einer neuen Fremdsprache auf der anderen Seite. Insbesondere für diejenigen Exilanten, deren Sprache die Grundlage ihres künstlerischen und wissenschaftlichen Schaffens bildete, stellte dieser Sprachwechsel oft eine Erschütterung der eigenen Existenz und Identität dar. Viele SchriftstellerInnen hielten trotz allem an der deutschen Sprache fest - nicht zuletzt, um sich so auch gegen Manipulation und Besetzung kultureller Identität durch die Nazis zu wehren. Andere wiederum zogen die Konsequenz eines vollen oder wenigstens zeitweisen Sprachwechsels und publizierten fortan in der neuen Sprache. In beiden Fällen wurde die Bedeutung der Sprachwahl für das eigene Schreiben und Denken, aber auch für die eigene kulturelle Identität immer wieder reflektiert.

Im Seminar sollen Texte und Dokumente zu Sprache und Sprachwechsel von u.a. von Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch, Peter Weiss, Theodor W. Adorno und Hannah Arendt im Lichte aktueller Ansätze zu Übersetzen und Mehrsprachigkeit gelesen werden.

Anmeldung per Mail an caroline.merkel[at]uni-tuebingen.de

Sommersemester 2014

PS II Vorstadtliteratur. Themen und Zugangsweisen zu einem Stadtraum des 20. Jahrhunderts

Am Rande der Städte finden sich heute sehr unterschiedliche Landschaften: nicht nur idyllische Schlafstädte, auch sozial oder ethnisch segregierte 'Problemviertel', verlassene Plattenbausiedlungen, Einkaufzentren und dörfliche Reststrukturen. Es ist vielleicht dieses heterogene, sich stetig verändernde Erscheinungsbild, gepaart mit einer scheinbaren Geschichtslosigkeit, das die Vorstädte als kulturelles Phänomen im deutschsprachigen Raum weniger fassbar und präsent macht als in den USA oder Großbritannien, wo sich die suburban studies bereits als eigenes Forschungsfeld etabliert haben.

Für literarische Texte, insbesondere solche junger, nicht-etablierter AutorInnen erweisen sich diese relativ unbesetzten Stadtränder jedoch als äußerst produktive neue Räume - insbesondere in einem komparatistisch erweiterten Blick. In so unterschiedlichen Werken wie Georg Kleins Roman unserer Kindheit (2010) oder in Feridun Zaimoglus Debüt Kanak Sprak (1995) stellen sich die vermeintlichen Nicht-Orte (Marc Augé) so als Kontaktzonen und Grenzgebiete dar, in denen Verdrängtes und Fremdes eindringt und stört, territoriale Zugehörigkeiten und kulturelle Identitäten übersetzt, neu verhandelt und integriert werden.

Im Seminar erarbeiten wir diese Bilder, Themen und Schreibweisen von Vorstadttexten jüngerer Zeit. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auch auf methodische Möglichkeiten und Grenzen raumtheoretischer Zugänge (Augé, Lotman, de Certeau u.a.) für die literaturwissenschaftliche Arbeit gelegt werden.

Literatur:

Wir lesen neben deutschsprachigen Texten auch solche aus dem anglo-amerikanischen und skandinavischen Raum (Deutsch/Englisch im Original, Schwedisch/Norwegisch in Übersetzung, optional im Original)

Auswahl: Feridun Zaimoglu Kanak Sprak (1995), Georg Klein Roman unserer Kindheit (2010); John Ajvide Lindqvist: So finster die Nacht/Låt den rätte komma in (2004, Hanif Kureishi: The Buddha of Suburbia (1990)

Eine endgültige Literaturliste wird Ihnen in der ersten Sitzung zur Verfügung gestellt.

Anmeldung per Mail.

Sommersemester 2012

PS II: Erinnerungsorte (in) der Literatur (GLW2 Teil III)

Theorien zu Gedächtnis und Erinnerung haben in den Kulturwissenschaften spätestens seit Aleida und Jan Assmanns Forschungen zum "Kulturellen Gedächtnis" Konjunktur. Praktiken und Narrative kollektiven Erinnerns wurden ebenso thematisiert wie die Autobiographieforschung, die sich mit dem individuellen Erinnern und den damit einhergehenden Konstruktionsprozessen beschäftigt hat ('doing biography'). Literatur wurde in diesem breiten Themenfeld nicht nur als "Ort" des kulturellen Gedächtnisses entdeckt (Pierre Nora, Les Lieux de Mémoire, Assmann, Erinnerungsräume) - vielmehr leistet die Literatur eigene Beiträge zum Verständnis von Erinnerung, indem sie u.a. Erinnerungsorte schafft und inszeniert. Im Seminar wollen wir uns anhand von Texten der letzten 15 Jahre Erinnerungsorten in der Literatur und der Literatur als Erinnerungsort annähern. Wir lesen u.a. W. G. Sebalds Austerlitz, Uwe Timms Rot, Kathrin Schmidts Du stirbst nicht, Georg Kleins Roman unserer Kindheit und Peter Wawerzineks Rabenliebe.

(zusammen mit Claudia Zilk)