Prof. Dr. Eckart Goebel

Aglaia Kister, M.A.

E-Mail: aglaia.kisterspam prevention@student.uni-tuebingen.de

ab 04/2018

Stipendiatin des Promotionsverbundes "Theorie der Balance – Formen und Figuren des Gleichgewichts in Medien-, Kunst- und Literaturwissenschaft"

04/2013-04/2018

Empfängerin des Deutschlandstipendiums

10/2016-01/2017

Hilfskraft bei Prof. Dr. Dorothee Kimmich

04/2016-01/2017

Hilfskraft und Tutorin bei Dr. Christoph Kleinschmidt

04/2014-04/2016

Hilfskraft und Tutorin bei Prof. Dr. Barbara Thums

10/2015-10/2017

Studium der Literatur- und Kulturtheorie (M.A.) in Tübingen und Zürich

10/2012-10/2015

Studium der Germanistik und Philosophie (B.A.) in Tübingen

06/2012

Abitur (Karlsgymnasium Stuttgart)

Dissertationsprojekt

"Ich bin ein Mann des Gleichgewichts" - Schwindel, Balance und Grazie im Werk von Thomas Mann [Arbeitstitel]

Über die genaue Analyse von Schwindelerfahrungen, Gleichgewichtsidealen und Figuren der Grazie im Werk Thomas Manns will das Dissertationsprojekt einen Beitrag zu einer Theorie der Balance in der Moderne leisten. Wenn Literatur und Kunst generell als Orte des Nachdenkens über Balance und „Archive eines Ausgleichswissens“ (Zumbusch) gelten können, trifft dies – so die These – in besonderem Maße auf das Werk Thomas Manns zu, der sich selbst mehrfach als „Mann des Gleichgewichts“ bezeichnete und aus dessen Romanen, Erzählungen und Essays zahlreiche Erkenntnisse über Balance im Allgemeinen und speziell über Balance in der Moderne geschöpft werden können – so lassen Manns Werke etwa den Zusammenhang zwischen Bewusstseinsgewinn und Balanceverlust sichtbar werden, den Status der Balance als psychophysisches Grenzphänomen, die somatischen Wurzeln von Gleichgewichtsidealen, die poetische Produktivität des Balanceverlusts, die stets spannungsvoll und bedroht bleibende Fragilität einmal erreichter Gleichgewichtszustände sowie die Schwierigkeit, in der zentrumslosen, vom „Verlust der Mitte“ (Sedlmayr), dem „Wanken“ aller Werte (Nietzsche) und dem Wegfall jeglicher transzendenten Stützen geprägten Moderne die Balance zu halten. Während Mann in seinen Essays die Ideale eines „klassischen“ bzw. „humanen Gleichgewichts“ formuliert, erzählen seine Romane Fallgeschichten, die oftmals mit dem physischen und psychischen Balanceverlust ihrer Protagonisten enden und in welchen der Schwindel „in des Wortes schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug“ (Zauberberg) eine herausragende, von der bisherigen Forschung jedoch vernachlässigte Bedeutung besitzt. Der Schwindel – ein seit der Romantik in medizinischen, ästhetischen, philosophischen und literarischen Schriften gleichermaßen intensiv diskutiertes psychophysisches Grenzphänomen, das um 1900 zur modernen Zivilisationskrankheit aufsteigt – spielt in Thomas Manns Werken, wie gezeigt werden soll, sowohl auf der Ebene der histoire als auch auf der Ebene des discours eine zentrale Rolle: Nicht nur der kleine Herr Friedemann, Thomas Buddenbrook, Gustav von Aschenbach, Hans Castorp, Lotte Kestner, Adrian Leverkühn, Felix Krull sowie der in den bodenlosen Brunnen der Vergangenheit blickende Erzähler der Josephsromane werden von mal lust-, mal angstvoll erlebtem Schwindel ergriffen, sondern auch dem Leser teilt sich durch die kreisenden Wiederholungsstrukturen, die abgründigen mise-en-abyme-Konstruktionen, die verwirrenden Äquivokationen und das In-Bewegung-Geraten vermeintlich fester Standpunkte die Schwindelerfahrung mit. Dass Thomas Manns Texte einer Poetik des Schwindels folgen, bietet ein weiteres Indiz für ihren in der jüngeren Forschung hervorgehobenen „apokryphen Avantgardismus“ (Börnchen/Liebrand), wurde ‚das Schwindelerregende‘ doch immer wieder – etwa von Adorno, Lacan, Derrida oder de Man – zum zentralen Merkmal moderner Dichtung erklärt.