Prof. Dr. Jörg Robert

Gudrun Bamberger

Kontakt: gudrun-ingeborg.bambergerspam prevention@uni-tuebingen.de

Projektbeschreibung

,Dann also was das liedlin gemacht‘. Poetologisches Wissen im Prosaroman (Fortunatus, Jörg Wickrams Prosaoeuvre, Faustbuch)

Im Zentrum der Dissertation stehen volkssprachliche Texte des 16. Jahrhunderts (‚Prosaromane‘), die durch eine gemeinsame Form (Prosa), aber nicht durch eine explizite Norm- oder Regelpoetik gekennzeichnet sind. Davon ausgehend ist die grundlegende These der Arbeit, die neue Gattung des volkssprachlichen Prosaromans bemühe sich auf zwei Ebenen um ihre literarische Legitimierung im Kanonen der etablierten Gattungen: zum einen durch den Rückgriff auf spezifisch poetologisches Wissen, das sich aus textuellen Phänomenen wie dem Zusammenwirken aus Paratexten, intermedialer Gestaltung und der Erzählung ergibt, aber auch explizite und implizite Äußerungen zum Status der Erzählung als bewusste Auseinandersetzung mit literarischer Kunst. Beobachten lässt sich dadurch eine Poetik im Vollzug. Der Prosaroman wird so zum Ort ‚poetologischen Wissens‘ und gibt darüber hinaus anhand seiner Strukturen sowie seiner textuellen und intermedialen Gestaltung Aufschluss über Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Literatur. Es geht also um literarische Konventionen, die sich als eine implizite Poetik und das Wissen über Literatur im Prosaroman des 16. Jahrhunderts fassen lassen.
Darüber hinaus werden Phänomene der Romanproduktion untersucht, die Rückschlüsse auf deren Status und Sinndimensionen in einer Epoche geben, die durch die vom Buchdruck ausgelöste Medienrevolution geprägt ist und die literarische Form des Romans in Prosa neu entwickeln muss. Dazu gehören Paratexte, Integration und Verhandlung von literarischer Kunst in den Romanen, Spiegelungen auf sich und Brechungen mit sich selbst. Zum anderen wird der exemplarische Anspruch der Handlungen durch die Vermittlung von religiösem und historischem Wissen unterstrichen.
Das verhandelte und erzeugte Wissen über Literatur unterliegt nicht nur Pluralisierungen, sondern auch daraus resultierenden Stabilisierungen literarischer Autoritäten – zu denen auch die Bibel gehört. Für eine implizite Poetik bedeutet das, diese Dynamik im Literatursystem ebenfalls zu berücksichtigen. Wichtig war daher zu zeigen, dass Intermedialität eine große Rolle spielt, da die Holzschnitte mit den Paratexten und der Erzählung in produktive Spannungsverhältnisse unterschiedlicher Intensität geraten. Diese Produktivität erzeugt Verständnisoptionen, die gleichzeitig – aber nicht immer – miteinander vereinbar sind.
Das Textkorpus umfasst beispielsweise Fortunatus, den ersten deutschen ‚Originalroman‘ in Prosa, die Historia von D. Johann Fausten, als ein Beispiel des reformatorischen Romans, und die Romane Jörg Wickrams.

(Die Arbeit wurde am 9. Februar 2017 an der Philosophischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen als Dissertation im Fach Neuere deutsche Literaturwissenschaft eingereicht.

Sie erscheint unter dem Titel

Poetologie im Prosaroman. Fortunatus-Wickram-Faustbuch. Poetik und Episteme, Band 2.

im Verlag Königshausen & Neumann. Weitere Informationen zum Buch finden Sie auch hier)