Stefan Leicht

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Projektbeschreibung

Politische Philosophie und natürliche Theologie bei Hugo Grotius (1583-1645)

Mein Dissertationsprojekt versucht Hugo Grotius als Philosophen ernst zu nehmen und zu rehabilitieren. Dies soll dadurch erreicht werden, indem die Heterogenität der Adressaten von Grotius Aussagen verfolgt, deren innere Kohärenz aufgezeigt und Grotius eigene Intention klar herausgearbeitet wird.

Zunächst wird der explizit politisch-theologische Komplex bei Grotius in seiner Schrift De imperio potestatum circa sacra (veröffentlicht 1647) untersucht, wobei die Rezeption von Marsilius von Padua bei Grotius eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Die leitende Frage hierbei ist, inwiefern es sich bei Grotius um eine Politische Theologie oder um eine Politische Philosophie handelt. Dabei sollen u.a. folgende Fragen beantwortet werden: Gibt es für Grotius eine klare Hierarchie und Differenz zwischen Vernunft und Offenbarung? Spielt Offenbarung überhaupt eine Rolle für Grotius Argumentation? Inwiefern knüpft Grotius an die funktionale Auffassung der Religion bei Platon an? Wie unterscheidet sich die theologische von der philosophischen Lebensweise?

Anhand seiner bekannten Schrift De veritate religionis Christianae (1627), soll nach der Klärung seiner explizit politisch-theologischen Schrift, eruiert werden, ob es sich bei der Wahrheit der christlichen Religion nur um eine funktionale Wahrheit handelt bzw. für wen diese Wahrheit Bestand hat. Schon die Umarbeitungen und Anfänge dieser Schrift geben Anhaltspunkte für die Differenzierung von Adressaten. So hat Grotius seine früheste theologische Schrift – Meletius (1611) – in der Form eines Briefes abgefasst, womit er offensichtlich an Seneca anknüpft. Aus dieser frühen Schrift hat er dann ein holländisches Gedicht entwickelt und erst daran anschließend die lateinische Abhandlung abgefasst, die er später wiederum durch Anmerkungen erweitert hat. Es soll gezeigt werden, dass Grotius nicht nur durch die Umarbeitung und Herausgabe verschiedene Adressaten erreichen wollte, sondern diese sind bereits in den Schriften selbst von ihm angelegt. Besonders deutlich wird diese Multiperspektivität anhand des Gottesbegriffes und der zu beantwortenden Frage: Quid sit deus? Um diese Adressaten herauszuarbeiten ist eine minutiöse Analyse der Zitationstechnik und der formalen Gestaltung der Texte von Grotius notwendig, da er absichtlich viele unorthodoxe bzw. antitheologische Aussagen kaschieren oder abschwächen will. Auch der Beachtung der Ironie von Grotius kommt bei meiner Untersuchung ein großes Gewicht zu, um seine Intention zu erhellen. Weitere leitende Fragen des zweiten Teils sind: Inwiefern knüpft Grotius an die epikureische Theologie an? Stellt er sich absichtlich in die Tradition des philosophischen Lehrgedichtes à la Lukrez? Entspricht die Herstellung eines globalen theologischen und politischen Konsenses wirklich Grotius Intention oder gehört dieser dem Mythos des Goldenen Zeitalters an und will Grotius deshalb nicht eher an die antike Tradition anknüpfen?

Abschließend werden einzelne Rezeptionsstränge von Grotius u.a. bei Hobbes, Spinoza, Locke und Wolff skizziert.