Prof. Dr. Jörg Robert

C06: Augentrug, Traum und Täuschung – Der dämonologische Ursprung der Illusion

Projektleiter: Prof. Dr. Susanne Goumegou (Romanistik), Prof. Dr. Jörg Robert (Germanistik, Neuere deutsche Literatur)
Mitarbeiter: Ann-Kristin Fenske; Paula Furrer
Offizielle Homepage zum SFB 1391 C06 Augentrug, Traum und Täuschung

Teilprojekt C06 zeichnet nach, wie sich ein Grundbegriff der modernen Ästhetik – „Illusion“ – im Kontext frühneuzeitlicher Dämonologie (‚Hexentheorie’) herausbildet. Seit der Spätantike bezeichnet illusio jenen Augentrug, den Teufel oder Dämonen (genii maligni) im Traum wie im Wachen hervorrufen können. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert erfolgt jedoch, parallel zur Aufwertung der Augentäuschung in Kunst und Malerei, eine Verschiebung des Konzepts ‚Illusion’ von der Dämonologie zur Ästhetik (z.B. im Feld der Magia optica). Das interdisziplinäre, germanistisch-romanistische Projekt konzentriert sich auf den deutschen und französischen Sprach- und Kulturraum, da hier aufgrund der im Untersuchungszeitraum (ca. 1550-1650) intensiven Hexenverfolgungen eine rege Produktion und Rezeption dämonologischen Schrifttums einsetzt. Es geht von ausgewählten, besonders wirkmächtigen Traktaten (z.B. Kramer: Hexenhammer, Weyer: De praestigiis daemonum, Bodin: Daemonomania) aus und untersucht, wie zentrale dämonologische Begriffe (z.B. fascinatio, praestigia/ praestigator, suggestio, frz. „illusion“, „tromperie“, „prestiges“, dt. „Verblendung“, „Gaukelspiel“) zu ästhetischen Reflexionsfiguren ausgebildet werden. Zwei fachspezifisch angelegte Arbeitsbereiche, die komplementäre Aspekte und Gattungen untersuchen.
Der romanistische Arbeitsbereich zu Theater, Traum und Illusion in Frankreich konzentriert sich auf das vorklassische Theater (ca 1570-1640), das über ein breites und noch nicht durch die doctrine classique normativ eingeschränktes Spektrum von Darstellungsmöglichkeiten verfügt. Unter Rückgriff auf die Theaterkritik, die sich in den dämonologischen Traktaten manifestiert und das Theater in den Kontext dämonischer Illusion stellt, soll untersucht werden, wie das Theater dämonische Illusion und Traum inszeniert und sich dabei selbst in seinen medialen und gattungsspezifischen Möglichkeiten reflektiert.
Der germanistische Arbeitsbereich zu Illusion und Narration in Deutschland untersucht ausgehend von der Historia von D. Johann Fausten (1587) Wechselwirkungen zwischen dämonologischem Wissen und literarischer Inszenierung in epischen Texten. Solche Wechselwirkungen zeigen sich in fließenden Übergängen zwischen den Textsorten: Während die erzählenden Formen dämonologisches Wissen integrieren, finden sich in den dämonologischen Traktaten vielfach exempla und narrative Formen (bis hin zu regelrechter Novellistik). Gesucht wird hier nach Figuren und Narrationen, in denen Erscheinungen dämonischer Illusion bzw. dämonischer Einwirkung auf Imagination und Traum verhandelt werden.