Prof. Dr. Wiltrud Mihatsch

Forschungsschwerpunkte und Projekte

 

Im Zentrum meiner Forschungsinteressen steht die Frage nach der Interaktion von kognitiven, kommunikativen und semantischen und morphosyntaktischen Aspekten im Zuge von Bedeutungs- bzw. Funktionswandel. Mein theoretischer Schwerpunkt liegt dabei auf funktionalen Ansätzen, insbesondere auf Modellen, die in der Grammatikalisierungsforschung und in der Sprachtypologie entwickelt wurden – und natürlich auf dem Potential der romanistischen Tradition, die die synchronische, diachronische und romanistisch-komparative Perspektive kombiniert.

In letzter Zeit untersuche ich schwach grammatikalisierte bzw. pragmatikalisierte Ausdrücke, dabei interessiert mich besonders die Frage nach den Übergängen zwischen Lexikon und Grammatik.

Aktuell beschäftige ich mich mit zwei Themenkomplexen:

 

1) Verfahren der Approximation und der Abschwächung

  • Die Entstehung von semantischen Approximationsverfahren in romanischen Sprachen (insbesondere frz. comme, espèce de, genre, it. come, specie di, tipo, port. como, espécie de, tipo, span. como, especie de, tipo).
  • Die Übergänge zwischen Approximation und pragmatischer Abschwächung und der Intensivierung und die damit zusammenhängenden Pragmatikalisierungsprozesse. Während Approximationsmarker wie eine Art, ungefähr oder etwa wahrheitsfunktional sind, erzeugen sie in zahlreichen Kontexten rein pragmatische Effekte, vor allem illokutionäre Abschwächung, die dann konventionalisiert werden kann (der bekannteste Fall ist engl. like). Überhaupt sind viele Approximationsverfahren Ausgangspunkt für eine ganze Reihe pragmatischer Funktionen wie Fokusmarker, Quotativmarker, Verzögerungssignale und Gliederungssignale.
  • Die Entstehung von Postdeterminierern aus Binomialkonstruktionen. Taxonomische Kategorienbezeichnungen wie fr. sorte, type, genre entwickeln nicht nur in romanischen Sprachen eine ganze Reihe von Funktionen, neben den approximativen Funktionen können diese ausgehend von Binomialkonstruktionen Negation, universelle Quantifikation, „free choice“ und eine Reihe identifizierender Funktionen besonders expressiv ausdrücken, einige dieser Ausdrücke scheinen sich ebenfalls auf dem Weg der Grammatikalisierung zu befinden.

Ich kooperiere zu diesen Themen insbesondere mit Miriam Voghera (Salerno) und Marta Albelda und Antonio Briz (Valencia). Ich bin Mitglied im Projektnetzwerk Es.Var.Atenuación (http://esvaratenuacion.es/miembros-del-proyecto/) in Valencia.

 

2) Substantive und Nominalphrase

Ein wichtiger Schwerpunkt ist die Untersuchung „menschlicher“ Substantive, die eine Reihe von semantischen, aber auch pragmatischen und morphosyntaktischen Besonderheiten aufweisen, die sie von anderen Konkreta unterscheiden. Diese Besonderheiten, die in der Forschung bisher kaum berücksichtigt wurden, stehen im Mittelpunkt des Netzwerks Nhuma : linguistique des noms d’humains in Kooperation mit Catherine Schnedecker (Straßburg), das aus einer Kooperation im Rahmen eines von Catherine Schnedecker (Straßburg) und mir geleiteten PROCOPE (DAAD/EGIDE)-Projekts „Les noms d’entités humaines entre lexique et grammaire” 2011 und 2012 hervorging. Die derzeitigen Mitglieder dieser Gruppe sind neben Doktoranden und fortgeschrittenen Masterstudierenden der beteiligten Universitäten Angelina Aleksandrova (Straßburg), Fabienne Baider (Zypern), Delphine Bernhard (Straßburg), Paul Cappeau (Poitiers), Nelly Flaux (Arras), Laurent Gosselin (Rouen), Véronique Lagae (Valenciennes), Stéphanie Lignon (Lorraine), Jean-Paul Meyer (Straßburg), Vassil Mostrov (Valenciennes), Fiammetta Namer (Lothringen), Dejan Stosic (Toulouse), Amalia Todirascu (Straßburg) und Eduardo Amaral (Belo Horizonte).

  • Im Zentrum meiner Untersuchungen stehen hier Substantive romanischer Sprachen auf einem hohen Generalisierungsgrad wie Mensch, Leute, Personen, die sich in einer Grauzone zwischen Lexikon und Grammatik befinden und in manchen Fällen partiell pronominalisiert sind. Dieser Arbeitsbereich ist auch Gegenstand meiner Kooperation mit der UFMG Belo Horizonte, insbesondere Eduardo Amaral.
  • Im Rahmen des von Sarah Dessì Schmid und mir geleiteten Projekts C7: Verbal and Nominal Aspectuality between Lexicon and Grammar (http://www.uni-tuebingen.de/de/92270) des SFB 833 arbeite ich derzeit zur Interaktion zwischen der Nominalsemantik und Morphosyntax im Bereich der Numerusmarkierung. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der vergleichenden und diachronen Untersuchung von sogenannten object mass nouns (Kleidung, Kleider, Geschirr) in romanischen Sprachen und Kreolsprachen, Substantiven, die sich im Spannungsfeld zwischen semantischen Eigenschaften von Massennomina und ihrer Referenz auf Individuen befinden.