Philosophisches Seminar

09.04.2026

Institutskolloquium mit Dr. Anna-Vanadis Faix (Herrenberg): "Emotion als epidemische Marker geteilter Rationalität"

Zeit und Ort: Mittwoch, 22.04.26, 12 Uhr, Raum X, Alte Burse

Der Vortrag setzt bei einer grundlegenden Spannung moderner Rationalitätstheorien an: Das vorherrschende Modell (RCP) von Rationalität geht davon aus, dass Menschen vernünftig handeln, wenn ihre Wünsche zusammenpassen und sie danach die beste Entscheidung treffen. Doch sobald mehrere Personen beteiligt sind (spieltheoretisches Verständnis), zeigt sich dass diese Konzeption von Rationalität systematisch unterbestimmt ist – insbesondere mit Blick auf Kooperation, aber auch in Fällen der Koordination. Kooperation erscheint innerhalb der Standardauffassung entweder als irrational oder nur durch externe Zusatzannahmen erklärbar. Eine Diskussion alternativer Lösungsansätze verdeutlicht, dass Kooperation typischerweise über Anpassungen von Wünschen oder Zielen, Wiederholungsstrukturen oder starke Annahmen kollektiver Intentionalität rekonstruiert wird. Diese Ansätze bleiben jedoch entweder theoretisch problematisch oder erfassen schwächere Formen von Kooperation unseres Alltags nicht hinreichend. Zentral ist dabei die epistemische Grundlage der Standardauffassung: Sie operiert mit starken Annahmen gemeinsamen Wissens, die sowohl empirisch als auch konzeptionell kaum haltbar sind. Ansätze, die schwächere Bedingungen einführen legen demgegenüber nahe, dass kooperative Praxis auf graduellen epistemischen Strukturen beruht. Ausgehend solcher abgeschwächter Annahmen von Rationalität argumentiert der Vortrag, dass interpersonale und epistemische Strukturen angemessen erfasst werden können und rekonstruiert Kooperation als paradigmatischen Fall geteilter Rationalität.  Vor diesem Hintergrund abgeschwächter Bedingungen gemeinsamen Wissens entwickelt der Vortrag erste Argumente dafür, dass Emotionen in diesem Spannungsfeld der Rationalität dabei helfen können, solche gemeinsamen Wissensstrukturen zu erkennen.