Philosophisches Seminar

Annäherung an die Burse

Wer vom Bahnhof kommend den Fußweg in die Stadt nimmt, dabei den Europa-Platz überquert, dann am Anlagensee und am Uhland-Denkmal vorbei über eine schmale Brücke in die auf der Neckarinsel gelegene Platanenallee gelangt, der steht vor einer historischen Häuserfront, einem dichten, zwischen Stiftskirche und Schloß terrassenförmig aufsteigenden Gewirr altstädtischer Giebel, Fenster, Dächer und Erker, das sich seit vierhundert Jahren im still fließenden Wasser spiegelt. Ein Anblick, der einst den spätromantischen Dichter Mörike veranlaßte, wie er selbst sagt, »unwillkürlich die Hände zu falten«. Besonders auffallend ist zwischen Tübinger Stift und Hölderlinturm ein langgestrecktes, altrosa getünchtes Gebäude mit symmetrisch gegliederter Fassade, burgunderfarbenen Fensterläden, Frontgiebel und Walmdach: die Burse, das Domizil der Philosophischen Fakultät der Universität Tübingen.

»Bursa«, so ist in Zedlers Universallexikon von 1733 zu lesen, »heißt eigentlich Beutel, in denen mittleren Zeiten aber ein kleines Collegium oder Hauß auf Universitäten, darinnen sich etliche Studenten aufhielten, welche deswegen bursales' und noch heutigen Tags Bursche' genennet werden.«

Im Innern der Burse bestimmen lange Flure den Charakter des Gebäudes. Hier begegnen sich Studierende, Lehrende und Angestellte der Fakultät auf ihrem Weg in die einzelnen Seminar-, Bibliotheks- und Verwaltungsräume. Die rückwärtigen Fenster der Burse gehen nach Norden auf die stille Clinikumsgasse und die gegenüberliegende Stützmauer für die Häuser der höhergelegenen Münzgasse mit den alten Universitätsgebäuden und dem Karzer. In östlicher Richtung, zur Neckarbrücke und zum Österberg hin, sieht man den Hölderlinturm, die Alte Aula und die Stiftskirche, deren Glockenschläge zu jeder Viertelstunde zur Burse herübertönen. Nach Süden geht der Blick auf den in unmittelbarer Nähe gemächlich strömenden Neckar, auf dem im Sommer die Stocherkähne vorbeiziehen und auf die Baumriesen der zweihundert Jahre alten Platanenallee. Nach Westen hin ist hoch über dem Neckar das Schloß zu sehen und in enger Nachbarschaft eine der Geburtsstätten des deutschen Idealismus, das Tübinger Stift, mit dem sich die Namen Hegel, Hölderlin und Schelling verbinden, ein Triumvirat, dessen Einfluß auf den heutigen Lehrplan der Burse also ganz naheliegend erscheint.