Philosophisches Seminar

Das erste Jahrhundert

Das stattliche Gebäude, das nach der rückwärtigen Clinikumsgasse hin zweigeschossig ist, an der Frontseite aber mit vier Stockwerken in eine imposante Höhe ragt, ist mit seinen mehr als fünfhundert Jahren so alt wie die Universität selbst. Es diente zunächst als Internat für Studienanfänger, die sich hier an den »unteren Fakultäten« einer Grundausbildung unterziehen mußten und dabei zusammen mit ihren Professoren aus einer vom Landesfürsten aufgefüllten »Börse« lebten.

Gelehrt wurden die »septem artes liberales«: Grammatik, Logik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik. Nur wer in diesen »freien«, das heißt nicht unmittelbar auf praktische Anwendung bezogenen, Wissenschaften den »Magister artium« erlangte, konnte zum Studium an den drei »oberen Fakultäten«, Medizin, Jura oder Theologie, zugelassen werden.

Für die zeitweise bis zu 130 Scholaren galt ein strenges Reglement. Die Statuten von 1508 verbieten den freien Ausgang in die Stadt. Besonders nach dem Abendläuten durfte niemand ohne Erlaubnis das Gebäude verlassen. Wer es dennoch wagte und erwischt wurde, mußte für zwei Wochen in den Karzer. Verboten waren weiterhin Würfelspiel, Trinkgelage und tätliche Angriffe auf Professoren. Sommers wurde um fünf Uhr aufgestanden, im Winter erst um sechs. Nach gemeinsamer Morgenandacht begann der Unterricht, der sich bis zur Mittagszeit hinzog. Bei Tisch rezitierte ein Vorleser lateinische Schriften. Auch außerhalb des Unterrichts mußte, überwacht von eigens dafür eingeteilten »Lupi«, als Umgangssprache das Lateinische praktiziert werden. Das eigenwillige Idiom, das unter diesen Umständen tatsächlich gesprochen wurde, muß allerdings, soviel wissen wir aus den scharfzüngigen Bemerkungen Heinrich Bebels, dem Schwäbischen näher gestanden haben als irgendetwas anderem.

Zu den großen Lehrern der frühen Jahre gehören Jakob Locher (1471-1528), genannt Philomusus, der Sebastian Brants »Narrenschiff« ins Lateinische übersetzte, und der Humanist Nikodemus Frischlin (1547-1590), der 1568 Professor in Tübingen wurde und sich als Autor von Komödien einen Namen machte. Ihre Blütezeit erlebte die Burse unmittelbar nach der Universitätsgründung, die in eine Zeit größter politischer, religiöser und gesellschaftlicher Umwälzungen fiel.

An der Wende vom Mittelalter zur Renaissance entwickelt das aufstrebende Bürgertum in den Städten mit den neuen Produktionsformen auch ein neues Selbstbewußtsein. Das europaweit aufkommende humanistische Denken kämpft gegen die religiösen Glaubensbarrieren der Scholastik und stellt soziale und politische Ordnungen in Frage. Damals macht Graf Eberhard im Barte, Graf zu Württemberg und Mömpelgard, mit seiner Universitätsgründung das große Weinbauerndorf zur kleinen Universitätsstadt, »deren Schönheit, Fruchtbarkeit und Gesundheit lieber mit Augen angeschauet als von uns empfohlen werden mag«, wie es in seiner Gründungsurkunde vom 3. Juli 1477 heißt.

Auf Anregung seiner humanistisch gebildeten Ratgeber beruft der Ren-naissancefürst nur angesehene akademische Lehrer, die zuvor an italienischen und französischen Universitäten erfolgreich tätig waren. Aus Florenz, Padua, Bologna und Paris bringen sie ein neues, undogmatisches Denken nach Tübingen, das an der Burse als präreformatorischer Geist des Humanismus zur Entfaltung kommt. Ein bildungsorientiertes Menschenbild drängt auf freie Selbstbestimmung und auf moralische Verbindlichkeit eines ohne Dogmatik erworbenen Wissens. In den neu übersetzten Texten der Antike, in Polemiken, Dialogen und Briefen wird eine unerhört kraftvolle Sprache erprobt.

Diese glanzvolle Aufbruchphase an der Burse dauert von 1497, als der von Kaiser Maximilian mit dem Dichter-Lorbeer bekränzte »Poeta laureatus« Heinrich Bebel (1472-1518) die poetische Lektur übernimmt, bis 1522, dem Todesjahr Johannes Reuchlins (geb. 1455), einem der fortschrittlichsten Gelehrten des 16. Jahrhunderts, der Griechisch und Hebräisch unterrichtet. Reuchlin wohnt in der Handwerkergasse »unter der Burs«, wo heute ein steinerner Löwe an der Hausfassade an den streitbaren, dem Judenhaß entgegentretenden Hebraisten erinnert. Johannes Reuchlin ist der Großonkel von Philipp Melanchthon (1497-1560), der von 1512 bis 1518 hier lebt, lernt und lehrt, bevor er einem Ruf an die Universität Wittenberg folgt, wo er bald Luthers Aufmerksamkeit auf sich lenkt und dessen wichtigster Mitstreiter wird. Heute erinnert eine Steintafel an den großen Humanisten, der an der Burse über aristotelische Philosophie, die griechischen und lateinischen Klassiker las und aus diesen Quellen zusammen mit seinen Studenten jene neuartigen Perspektiven entwickelte, die dazu beitrugen, eine »neue Zeit« heraufzuführen.