Philosophisches Seminar

Ort des Geistes und großer Geister

Springen wir an dieser Stelle ein oder zwei Jahrzehnte zurück und flechten ein Wort zum Evangelischen Stift, zu den »Stiftlern« - zu denen ja Hegel, Hölderlin und Schelling in dieser Zeit gehörten - und deren Beziehung zur Universität ein. Im Evangelischen Stift gab es fünf Jahrgänge, die sogenannten Promotionen. Jede Promotion war »durchloziert« und jede nach ihrem Primus benannt. Hegel etwa gehörte zur Renzischen Promotion, Schelling war Primus, das heißt, es gab eine Schellingsche Promotion. Die beiden untersten Jahrgänge - die Novizen und die Kandidaten - studierten Philosophie an der Universität. Nach zwei Jahren wurde man zum »doctor seu magister philosophiae« promoviert, man nannte sich aber Magister, nicht Doktor. In einem Rescriptum des damaligen Rektors der Universität erfährt man hierzu: »Es ist Unser ernstlicher Befehl, daß die neu ankommenden studiosi, wenigstens die von Unserem Herzogtum, ad facultates superiores nicht admittiert werden, bis sie den nötigen Grund, wo sie ihn nicht schon mitbringen, in lectionibus philosophiam moralem et metaphysicam studieret, und dieserwegen entweder disputando ein specimen abgeleget, oder doch sonsten dem decano der oberen Fakultät ein glaubwürdiges Zeugnuß von dem de-cano philosophico vorgezeiget haben werden.«

Nach dem Magisterexamen begann das dreijährige theologische Studium, an dessen Ende das kirchliche Konsistorialexamen in Stuttgart stand. Wer dann keine Stelle als Repetent im Stift, als Schloßprediger, Stiftssubbibliothekar, Vikar oder Hauslehrer fand, konnte zunächst als »Senior« ins Stift zurückkehren bzw. dort bleiben und etwa die Aufsicht über eine Stube übernehmen. Der Ephorus des Stifts war zugleich Professor an der Universität. Zu Hegels Studienzeit war es Christian Friedrich Schnurrer, ein Gräzist und bedeutender Orientalist, der zusammen mit Gottfried Ploucquet, später mit dem bereits erwähnten Jakob Friedrich Abel (Theoretische Philosophie), mit August Friedrich Bök (Praktische Philosophie) und Friedrich Rösler (Geschichte) zur Philosophischen Fakultät gehörte. Dem Ephorus des Stiftes waren als Superattendenten oder Inspektoren je ein Professor der Theologie und der Philosophie beigegeben, den Superattendenten dienten wiederum zehn Repetenden.

Die Vorlesungen fanden in der Regel vormittags zwischen 8 und 11 Uhr (publicum) und nachmittags zwischen 14 und 17 Uhr (privatum) statt. Die Stipendiaten belegten - wie ein zeitgenössischer Kritiker zu berichten weiß - die universitären Veranstaltungen oft nur, um aus dem Stift herauszukommen und »ihre besten Stunden mit Vagiren oder gar in Wirthshäussern oder andern verdächtigen Orthen unter vielfältig verübenden gröblichen Excessibus zuzubringen«.