Philosophisches Seminar

Vom Behelfslazarett zum klassizistischen Spital

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kommt es zum großen Einbruch des Dreißigjährigen Krieges, an dessen Folgen auch die Burse schwer zu tragen hat. Wo einst ein neuartiges Denken Lehrende und Lernende verband, werden jetzt geflohene Bauern und kriegsgefangene Franzosen einquartiert - Erschwernisse, von denen sich die Burse auch nach dem Krieg nicht recht erholen kann. Immer häufiger kommt es zu Unregelmäßigkeiten im Lehrbetrieb. Bestechungsskandale, Intrigen und Al-ko-holexzesse sind an der Tagesordnung. Selbst die Professoren kommen ihrer Trinkfreudigkeit wegen ins Gerede. In der Öffentlichkeit nimmt das Ansehen der Burse schweren Schaden.

Den Niedergang im Inneren spiegelt ein rapide fortschreitender baulicher Verfall. Zudem bekommt die Burse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts empfindliche Konkurrenz von der Hohen Karlsschule in Stuttgart, deren Gründer, der absolutistische Herzog Karl Eugen (1728-1793), die Beschäftigung mit alten Sprachen für obsolet hält und statt dessen die praktischen Seiten der Bildung wie zum Beispiel das Militärwesen besser zur Geltung gebracht sehen will. Es kommt teils unter Druck, teils aus freien Stücken zu einer starken Abwanderung nach Stuttgart, so daß in Tübingen bald nicht einmal mehr zweihundert Studenten eingeschrieben sind. Die Burse steht vor der Schließung, zu der es aber nicht kommt, weil nach dem Tode des Herzogs die Karlsschule aufgehoben wird. Deren prominentester Schüler, Friedrich Schiller (1759-1805), kommt im März 1794 für einige Tage nach Tübingen, wo er in der baufällig gewordenen Burse bei seinem Lehrer Jakob Friedrich Abel (1751-1829) zu Gast ist, den man nach Auflösung der Karlsschule nach Tübingen versetzt hat. Indessen, der wirtschaftliche Niedergang der einst angesehenen Lehranstalt scheint unaufhaltsam. Um 1800 gilt es sogar als Armutszeugnis, hier zu wohnen.

Die Zahl der in der Burse lebenden und also auch zahlenden Studenten bleibt stark rückläufig, und schließlich muß sie ganz geschlossen werden. Den Plänen, das mittlerweile über dreihundert Jahre alte Gebäude zu »abandonnieren«, entgeht die Burse nur deshalb, weil der amtierende Universitätskanzler und Professor der Medizin Ferdinand Autenrieth (1772-1835) 1805 die baufällige Burse übernimmt und den spätmittelalterlichen Fachwerkbau zum ersten Klinikum der Universität umbauen läßt. Dabei erhält die Burse mit dem halbrunden Fenster im Frontgiebel und dem Walmdach ihr klassizistisches, die Symmetrie betonendes Aussehen, das sie im Urteil der Zeitgenossen zu einem der schönsten Gebäude der Stadt macht.