Philosophisches Seminar

Wieder Philosophie

Zurück zur Burse, zu Autenrieth und seiner rasch prosperierenden Universitätsklinik. Hier wurden nicht allein Kranke und Schwangere versorgt, sondern zudem die erste psychiatrische Krankenabteilung Deutschlands eingerichtet, in der auch Friedrich Hölderlin als einer der ersten Patienten eine »Behandlung« erfuhr. Weil Autenrieth für seine Klientel mehr Licht, Luft und Sonne haben wollte, ließ er die gegenüberliegenden Häuser, Scheuern und Werkstätten kurzerhand abreißen. Seither öffnet sich vor der Burse der kleine freundliche Platz, der auf der Neckarseite durch die Reste der Stadtmauer begrenzt wird. Damals wurden hier die Platanen gepflanzt, die heute die Burse überragen und den nach Süden gelegenen Arbeitszimmern einen natürlichen Schatten spenden.

Damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, emanzipierten sich auch die Naturwissenschafen aus den Kategorien geisteswissenschaftlicher Betrachtung. Durch den rasanten Erkenntnisfortschritt und dank der neu gewonnenen Möglichkeiten der Diagnose und Therapie erwies sich das Klinikum bald als zu klein. Deshalb wurden vor den Toren der Stadt neue Krankenhäuser errichtet, und die einzelnen Abteilungen verließen nach und nach die Burse, bis nur noch die Abteilung für Geburtshilfe übrig blieb. Diese überließ, nachdem im Gebärsaal die Decke eingestürzt war, nach der Renovierung der Zahnmedizin das Feld, bis auch sie einen zweckdienlicheren Neubau beziehen konnte.

Eine fünf Jahre währende Generalüberholung ließ die Burse innen völlig neu entstehen, so daß dann 1972 Studierende und Lehrende der Philosophie und der Kunstgeschichte an diesen Ort der »freien Künste« zurückkehren konnten.

Vor ihrem Einzug in die Burse hatten die Philosophen ihren Hauptsitz direkt neben der Stiftskirche in der Alten Aula, einem nicht weniger traditionsreichen Universitätsgebäude. Dort war ihr wichtigster Seminarraum der hohe und helle, mit Parkett ausgelegte »Tanzsaal«, der in den fünfziger und sechziger Jahren zugleich für universitäre Feierlichkeiten und kleinere gesellschaftliche Veranstaltungen genutzt wurde.

Zu den universitären Ereignissen gehörten die Veranstaltungen von Otto Friedrich Bollnow, Ernst Bloch und Walter Schulz, die durch ihre Arbeit der aktuellen philosophischen Zeitströmung einen jeweils charakteristischen Akzent verliehen und das internationale Renomee der Universität Tübingen nach dem Krieg entscheidend mitprägten. So vertrat Otto Friedrich Bollnow (1903-1991) eine »Fortentwicklung« der Hermeneutik aus der Schule Wilhelm Diltheys und eine philosophische Anthropologie, die sich intensiv mit den philosophischen Grundlagen der Pädagogik auseinandersetzte. Hier führte Bollnow die Linie seines Vorgängers Eduard Spranger (1882-1963) unmittelbar weiter.

Der große Vermittler der Geschichte der Philosophie, gerade auch gegenüber einem breiteren Publikum, war Walter Schulz. Seine Vorlesungen wurden zu Hunderten von Hörern aller Fakultäten besucht, die er dadurch zu beeindrucken verstand, daß er, auf dem Katheder auf und ab gehend und dabei gestikulierend, völlig frei über Platon, den Deutschen Idealismus, Nikolaus Kusanus oder Wittgenstein »las«. Seine Publikationen von »Die Vollendung des Deutschen Idealismus in der Spätphilosophie Schellings« (1955) bis hin zu »Philosophie in der veränderten Welt« (1972), aber auch die späteren geschichtlich-systematischen Untersuchungen zur Ethik und Ästhetik wurden »Longseller« in der philosophischen Literatur der letzten Jahrzehnte.

Zu den großen populären Lehrern gehörte auch Ernst Bloch (1885-1977), der sich Anfang der 60er Jahre aufgrund der politischen Schwierigkeiten in Leipzig nach einem Gastvortrag entschloß, in Tübingen zu bleiben, wo er dann gleichsam in persona die Legitimation besaß, sich mit einer undogmatischen Lesart des Marxismus zu befassen. Seine Lehrtätigkeit fiel in eine zunehmend politisch aufgeladene Zeit. Alarmiert durch den Auschwitz-Prozeß machte man sich an die Befragung der Vätergeneration. Zusätzlich polarisierte der Vietnam-Krieg die Fronten, und als dann im Juni 1967 in Berlin der Student Benno Ohnesorg während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs erschossen wurde, kam es auch in Tübingen zu Unruhen und Streiks.

Das gesamte studentische Leben politisierte sich durch die Agitation der linken Studentengruppen. Tausende folgten ihren Demonstrationsaufrufen gegen das als reaktionär verschrieene »Establishment«. Und natürlich richteten sich die Proteste auch gegen die traditionelle Ordinarienuniversität und ihre Institutionen. Dabei ging es vor allem darum, linke Positionen in die offiziellen Lehrveranstaltungen einzubringen. Wo das nicht gelang, wurden studentische Parallelveranstaltungen abgehalten, so daß man teilweise an einer alternativen Universität studierte. Diese Veranstaltungen endeten nicht einfach nach der üblichen Zeit, es gehörte vielmehr ganz selbstverständlich dazu, sie in der Art eines platonischen Symposions bis in die frühen Morgenstunden hinein fortzusetzen. Es wurde ungeheuer viel gelesen - und nicht allein linke Theorie. In bohèmehaften Zirkeln gehörte die Philosophie zum »Lebensstil«, und wer sich in Literatur und Musik nicht auskannte, disqualifizierte sich.

Bloch wurde damals rasch zu einer internationalen Figur im philosophischen Leben, nicht zuletzt auch durch die berühmt gewordene Vorlesung, die den Ort der Handlung im Titel führt: die »Tübinger Einleitung in die Philosophie« mit ihren Eingangsworten: »Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.« Weithin bekannt war sein Oberseminar, das immer dienstags um 20 Uhr in jenem Tanzsaal der Alten Aula stattgefunden hat und ähnlich wie die Vorlesung von Walter Schulz eine ganz eigene Tübinger Institution war. Die Menschen drängten in dieses Seminar, wobei allerdings eine persönliche Anmeldung bei seinem Assistenten erforderlich war.

Blochs Auftritt selbst war geradezu ein Ritual. Er kam mit dem Taxi von der Neckarhalde her über die Münzgasse angefahren, stets in Begleitung seines Assistenten und seiner Frau. Der Einzug des Meisters in den Saal folgte immer derselben Dramaturgie: Zuerst kam sein Assistent gewissermaßen als sein Herold, dann kam Bloch selbst und hinter ihm Karola Bloch. Der Ablauf des Seminars sah vor, daß zunächst ein Referat gehalten wurde, über das man anschließend diskutierte. Bloch hörte sich das alles an und ergriff erst in der letzten Viertelstunde das Wort, wobei er sprach, wie er schrieb, das heißt in seinem assoziativen und geradezu expressionistischen Gestus.

Mit Klaus Hartmann, dem Nachfolger Otto Friedrich Bollnows, mit Rüdiger Bubner, der die Nachfolge von Walter Schulz angetreten hatte, und mit Josef Simon, der den Lehrstuhl III an der Philosophischen Fakultät innehatte, fand die Hegel-Renaissance in der deutschen Philosophie eine ihrer stärksten universitären Manifestationen. Dies geschah gegen Ende der siebziger und in den achtziger Jahren. Mit Wolfgang Schadewaldt - um an einen anderen Traditionsstrang anzuknüpfen - hatte die Altphilologie in Tübingen einen ihrer prominentesten Vertreter dieses Jahrhunderts. Aus dem Kreis seiner Schüler gingen auch für die Philosophie fruchtbare Impulse aus, die zur sogenannten »Tübinger Platonschule« führten. Verbunden ist diese weltweit bekannte Interpretationsrichtung vor allem mit den Namen Hans Joachim Krämer (Philosophische Fakultät) und Konrad Gaiser (Kulturwissenschaft-liche Fakultät). Diese Linie wird durch den Nachfolger Gaisers, Thomas A. Szlezák, der auch Mitglied der Philosophischen Fakultät ist, unmittelbar weitergeführt.

Die Tübinger Philosophische Fakultät zeichnete sich schon immer durch eine Konzentration auf klassische Themen der abendländischen Philosophie aus. Sieht man auf das heutige Bild, setzt sich diese Tradition fort: In Lehre und Forschung bestimmen die Philosophie der Antike, die des Deutschen Idealismus und die Praktische Philosophie in ihrer ganzen Breite das Profil der Philosophischen Fakultät. Daß dabei die Philosophische Anthropologie, die Religionsphilosophie, die Wissen-schaftstheorie, die Philosophie der Logik, die Hermeneutik Gadamers und Heideggers und die sprachanalytische Philosophie angelsächsischer Tradition - um nur einige Richtungen und Strömungen herauszugreifen - in Forschung und Lehre gleichermaßen zu Wort kommen, zeigt die Vielfalt, die Lebendigkeit und die Offenheit der Philosophischen Fakultät in ihrer gegenwärtigen Gestalt.

Die deutsche Sprache ist neben der griechischen diejenige, in der die meisten bedeutsamen Schriften der europäischen Philosophie verfaßt wurden. Aus diesem Grund legt die Philosophische Fakultät Wert darauf, dem wachsenden weltweiten Interesse an Forschungs- und Studienaufenthalten ausländischer Universitätsdozenten, Doktoranden und Studenten in Tübingen Rechnung zu tragen. Gerade mit der Öffnung der mittel- und osteuropäischen Länder sieht sich die Philosophische Fakultät aufgrund ihres Namens und ihrer Ausrichtung - neben den immer schon bestehenden Beziehungen zu ostasiatischen und nordamerikanischen Ländern - einem stetig zunehmenden Interesse an Forschungsaufenthalten von Dozenten und Doktoranden aus diesen Regionen gegenüber. Bleibendes Interesse der Fakultät ist es, die internationalen Kontakte sowohl hinsichtlich der Lehre wie auch der Forschung zu intensivieren. Stellvertretend seien hier nur die gemeinsamen Veranstaltungen mit dem Internationalen Zentrum der Universität Tübingen (Tagungen, Kolloquien, Finanzierung von Studienaufenthalten ausländischer Dozenten, Internationales Doktorandenkolloquium) genannt.

Philosophische Arbeit ist - hierin der des Künstlers verwandt - traditionell und aus guten Gründen Arbeit des Einzelnen, sie ist Wissensschöpfung durch den Einzelnen, mithin »Einzelfor-schung«. Daß diese Einzelforschung aber vom vielfältigen Gespräch mit Anderen lebt und Verbindung zu anderen »Gebieten« und deren philosophischer Grundlage sucht, liegt ebenso in der Natur der Sache. Die interdisziplinären Kontakte der Tübinger Philosophie sind im Gegensatz zu vielen anderen Instituten in Deutschland zahlreich. Sie sind durch sogenannte »Kooptationen« institutionalisiert, so mit der evangelischen Theologie (Eberhard Jüngel, Institut für Hermeneutik) und der katholischen Theologie (Georg Wieland, Abteilung für philosophische Grundfragen der Theologie), der Gräzistik (Thomas A. Szlezák), der Informatik (Peter Schroeder-Heister, Professur für Logik und Sprachphilosophie), der Biologie (Eve-Marie Engels, Lehrstuhl für Ethik in den Bio-wis-sen-schaften) und der Rechtswissenschaft (Otfried Höffe, Kooptation bei der Juristischen Fakultät). Auf dem Gebiet der Ethik und der Praktischen Philosophie ist die Zusammenarbeit mit dem interdisziplinär und interfakultär angelegten »Zentrum für Ethik in den Wissenschaften« und dem dort angeschlossenen Graduiertenkolleg (Reiner Wimmer) zu nennen. Intensive interdisziplinäre Arbeit findet in Form gemeinsamer Lehrveranstaltungen und wissenschaftlicher Kolloquien mit der Literaturwissenschaft, der Klassischen Philologie und der Theologie statt (Günter Figal), ebenso mit der modernen Sprachwissenschaft (Manfred Frank) und der Rechts- wie auch der Politikwissenschaft (Otfried Höffe).

1477 gründete der junge Graf Eberhard im Barte und spätere Herzog von Württemberg die Universität Tübingen und gab ausdrücklich der »Hohen Gemeinen Schule« auf: »helfen zu graben den Brunnen des Lebens, daraus von allen Enden der Welt unversieglich geschöpft werden mag tröstliche und heilsame Weisheit zur Erlöschung des verderblichen Feuers menschlicher Unvernunft und Blindheit.« Aus dieser Zeit sind in der Burse, einem der Gründungsgebäude, drei stattliche Eichensäulen erhalten geblieben. Die fünfhundert Jahre alten Zeitzeugen stehen jetzt in der Eingangshalle. Ihre geschnitzten Holzkapitelle zeigen Wappen und Schriftbänder. Dort ist auch der Wahlspruch des Universitätsgründers zu lesen »Attempto«, »Ich wag' es!« - eine Ermutigung für jeden, der dieses Gebäude betritt.

Text: Michael Schwelling Für Anregungen und Hinweise sei folgenden Personen gedankt: Herrn Dietmar Koch, Herrn Matthias Schatz, Herrn Wolfgang Urban, Herrn Prof. Dr. Volker Schäfer, Herrn Prof. Dr. Walter Schulz und Herrn Dr. Wischnath.