Philosophisches Seminar

Zwei Treppen für zwei Traditionen

Wie sich ein lebendiger Grundsatzstreit des philosophischen Denkens in einer Gebäudestruktur manifestieren kann, das zeigen die beiden separaten Eingänge der Burse, die durch zwei in gegenläufiger Richtung angelegte Treppen erreichbar sind. Diese architektonische Pointe geht zurück auf den frühneuzeitlichen Universalienstreit, der in Tübingen dazu führte, daß man die Burse von oben bis unten durch eine im Gebäude errichtete Mauer in zwei Hälften unterteilte und für die auseinanderführenden »Wege«, die Via antiqua und die Via moderna, jeweils einen separaten Eingang schuf, links für die »Nominalisten«, rechts für die »Realisten«. Erst als mit der Reformation weiter ausgreifende und umwälzende Konflikte aufbrachen, wurde die Mauer wieder entfernt. Die beiden Eingänge aber sind geblieben, ein Denkmal für in unversöhnlichem Streit liegende Auffassungen von Wissenschaftlichkeit - ein Streit, der auch heute keineswegs als geschlichtet gelten kann.

Die Via antiqua wurde vertreten von den sogenannten Realisten (von »res« im Sinne von Sache), die davon ausgingen, daß in unseren Begriffen etwas Sachhaltiges von den Dingen selbst repräsentiert ist. Die Dinge selbst erscheinen als Besonderungen des Allgemeinen', so daß durch entsprechende Begriffsanalyse den Dingen auf ihren allgemeinen Grund zu kommen ist. Die Via moderna oder der Nominalismus konnte diese auf Platon zurückgehende Konzeption nicht akzeptieren und ging stattdessen davon aus, daß alles, was wir begrifflich fassen, letztlich nur Namen in Gestalt willkürlich gesetzter Bezeichnungen sind, in denen sich kein Wesen der Dinge spiegelt. Die Wesenheiten der Dinge in Gestalt der Universalien erscheinen hier nur als Konstrukte unseres Verstandesvermögens und besitzen keine eigenständige Wirklichkeit. Indem der Nominalismus die Erkenntnis nicht auf dem Prozeß eines sich entfaltenden Denkens beruhen läßt - eines Denkens, das sich immer schon mit seiner Sache vermittelt weiß -, er vielmehr seine »Einsichten« von Allgemeinem auf die »experientia«, auf die Erfahrungen mit existierenden Ein-zeldingen gründet, verhilft er im Laufe der Jahrhunderte dem naturwissenschaftlichen Denken mit zum Durchbruch. Und dieser »neue Weg«, der sich geistesgeschichtlich mit der Lehre des Wilhelm von Ockham (1285-1350) verbindet, wird in Tübingen durch Gabriel Biel (1418-1495), einen der bedeutendsten Theologen seiner Zeit, vermittelt. Auch Biel wurde von Graf Eberhard berufen, allerdings nicht als akademischer Lehrer, sondern als Vertreter einer modernen Frömmigkeitsrichtung, der Devotio moderna. Und in dieser Eigenschaft wurde er zunächst Gründungsprobst der »Brüder vom Gemeinsamen Leben« und erst 1482 akademischer Lehrer an der Burse.

Aber auch die Via antiqua wurde durch repräsentative Lehrer vertreten, die sich in Tübingen weniger an der Lehre des Thomas von Aquin orientierten, als vielmehr an dem Franziskanertheologen Johannes Duns Scotus, der den Beinamen »doctor subtilis« trug. Der bedeutendste unter ihnen war Konrad Summenhart (1455-1502), ein im scholastischen Sinne äußerst unkonventioneller Denker, der alles für in möglichen Welten existierend hielt, was keinen logischen Widerspruch enthält, und auf dieser Grundlage an der Bursa Lehrinhalte vermittelte, die die festgefügten Denkschemata der Spätscholastik durchbrachen.

Dieses »freie« Denken wird aber schon 1534 durch die inWürttemberg durchgesetzte Reformation keineswegs gestärkt, sondern im Gegenteil wieder eingeschränkt, weil im lutherischen Aufstand gegen die Autorität der Römischen Kirche alle akademischen Lehrer - in Württemberg strenger als anderswo - auf den neuen Glauben verpflichtet werden. Tübingen entwickelt sich immer mehr zu einem Zentrum der protestantischen Orthodoxie, so daß die philosophische Spekulation hier bald keine Basis mehr hat. Statt dessen kommen nun die Einzelwissenschaften auf, die mit ihrem Akzent auf der »experientia« dem protestantischen Geist eher entsprechen und damit jenen Aufbruch vorbereiten, aus dem dann im 19. Jahrhundert die technischen Universitäten hervorgehen mit einem neuen, nunmehr außerhalb der Artistenfakultät angesiedelten Fächerkanon.

Im einzelnen sind hier Chemie, Physik, Ingenieurwissenschaften, Militärwesen, Logistik, Staatswirtschaft usw. zu nennen - »unfreie Künste«, die sich durch ihren obligatorischen Praxisbezug nicht mehr als »artes liberales« betreiben lassen. In Tübingen ist es vor allem die Astronomie, die hier eine große, wiederum mit der Burse verbundene Tradition begründet: zunächst mit dem großen Lehrer Petrus Apianus (1495-1552), Johannes Stöffler, der den ersten Lehrstuhl bekommt, dann Michael Maestlin, der noch nicht wagt, das Kopernikanische System öffentlich zu vertreten, und natürlich sein faustischer Schüler Johannes Kepler (1571-1630), der seinerseits befreundet ist mit Wilhelm Schickard (1592-1635), dem Erfinder der ersten Rechenmaschine und einem der führenden Hebraisten und Orientalisten seiner Zeit.