Institut für Politikwissenschaft

Arbeitsschwerpunkte

3.1. Vergleichende Analyse der politischen Systeme und Kulturen Ostmitteleuropas (Polen, Tschechische und Slowakische Republik, Ungarn)

Ein erster Schwerpunkt des Arbeitsbereiches bildet die vergleichende Analyse der Demokratisierung von Machtstrukturen und politischen Kulturen in postkommunistischen Gesellschaften. Die Ergebnisse von inzwischen sechs internationalen Konferenzen mit TeilnehmerInnen aus neun ost(mittel-)europäischen Ländern sind in mehreren Sammelbänden veröffentlicht, die den Übergang von autoritären zu demokratischen politischen Kulturen und Parteiensystemen untersuchen.

Die Analyse der politischen Systeme der vier o.g. sog. Visegrad-Staaten im Kontext der postkommunistischer Transition unter der Leitfrage nach der Qualität der Demokratie umfasst folgende Themenschwerpunkte:

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3.2. Russland/ Russländische Föderation

Wie im Bereich der Visegrad-Staaten steht auch hier die Analyse von der Transformationsprozesse des politischen Systems "zwischen Demokratisierung und Autoritarismus" im Mittelpunkt. Themenschwerpunkte sind hier: das Herrschaftssystem und seine Mechanismen; Legitimitätsprobleme; Strukturen des "asymmetrischen Föderalismus"; Parteien, Wahlen und Wählerverhalten politische Kultur und das lebensweltliche Verständnis der Besonderheiten von Politik und Gesellschaft in Russland.

Auswahlbibliographie

 

3.3. Politische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland

Im Mittelpunkt stehen hier die Analyse der politischen Kultur des vereinten Deutschland, die Konvergenzen und Divergenzen zwischen Ost- und Westdeutschland in ihren historischen, systemischen und sozialpsychologischen Grundlagen. Themenschwerpunkte sind: Wahlen und Wählerverhalten, politische Partizipation und bürgerschaftliches Engagement. Die Studien werfen Fragen nach neuen Konzepten und Modellen für die Analyse des Postkommunismus und insbesondere für den Prozess der politischen Re-Orientierung in einer Periode radikaler Systemtransformation auf.

Auswahlbibliographie

 

3.4. Politische Psychologie

Im Fach Politikwissenschaft werden Themen der politischen Psychologie meist stark vernachlässigt. Am Beginn von Arbeiten zu diesem Forschungsgebiet stand in Tübingen die Mitarbeit an einer qualitativen empirischen Studie, die auf der Grundlage von E. Fromms kritischer Sozialpsychologie die gesellschaftlich geprägten Charakterorientierungen und Persönlichkeitsstrukturen ("Gesellschaftscharaktere") einer kleineren Gruppe von Ost- und Westdeutschen (PrimarschullehrerInnen) untersuchte. In dieser Pilotstudie eines Arbeitskreises der Internationalen Erich-Fromm-Gesellschaft werden Ähnlichkeiten und Unterschiede kollektiver Persönlichkeitsstrukturen durch Tiefeninterviews und psychoanalytische Interpretation herausgearbeitet. Das Verhältnis von Persönlichkeitsstrukturen und Politik im Postkommunismus (auch im Vergleich zur BRD) ist Gegenstand weiterer Publikationen und Projekte. Auch andere Aktivitäten in Forschung und Lehre haben zum Ziel, Entwicklungen in Ost- und Westeuropa mit Hilfe von Erklärungsansätze der Politischen Psychologie besser zu verstehen.

Eine Projektgruppe (J. Ueltzhöffer, R. Frankenberger; G. Meyer; bis 2005 R. Funk) hat inzwischen eine umfangreiche Studie zum Zusammenhang von Gesellschaft, Persönlichkeitsstruktur und Lebensweisen in der Postmoderne erarbeitet. (Nomos 2008) Das Autorenteam verbindet fünf analytische Zugänge:

Wir bemühen uns um ein mehrdimensionales, möglichst differenziertes Bild der Persönlichkeitsstruktur des postmodernen Menschen in psychologischer und soziologischer Sicht. In der empirischen Studie wollen wir die Eigenart und gesellschaftliche Verankerung typisch postmoderner Persönlichkeitsstrukturen und produktive Elemente postmoderner Lebensweise ermitteln. Unser Vorgehen ist theoretisch und konzeptuell durch mehrere Ansätze fundiert und verbindet deskriptive, interpretative und normativ-kritische Aussagen. Auch werden die Antworten von Probanden hinterfragt, um Grundmotivationen sowie Umfang und Mischungsverhältnisse produktiver und nichtproduktiver Anteile aufzuzeigen. Wir wollen psychische und soziale Realität nicht nur empirisch beschreiben und zentrale, sie prägende Einflussfaktoren ermitteln, sondern auch Denkweisen und Handlungsorientierungen von Subjekten verstehen und nach der humanen Qualität von Lebensvollzügen fragen.

Neben der Sozialpsychologie und der Gesellschaftstheorie bei Erich Fromm ist die Autoritarismusforschung ein weiteres wichtiges Forschungsthema des Arbeitsbereiches, einerseits im Blick auf die politische Kultur der BRD und der DDR (vgl. Paternalismus s.o.), zum anderen im Blick auf Systemwechsel und die spezifischen Konsolidierungsprobleme der neuen Demokratien in Ost(mittel)europa.

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3.5. Zivilcourage/sozialer Mut - Politische Partizipation - Bürgerengagement

Zivilcourage oder sozialer Mut ist in vielen Lebensbereichen gefragt, und dies auch nicht erst seit dem verstärkten Aufkommen von Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Zivilcourage ist als demokratisches Verhalten besonders auch am Arbeits- und Ausbildungsplatz gefragt, in privaten Betrieben wie in öffentlichen Verwaltungen, in Vereinen und Parteien wie in staatlichen Institutionen. Diese meist gewaltfreien Bereiche werden in der Diskussion um Zivilcourage weithin vernachlässigt. Die Analyse und Förderung von Zivilcourage darf sich daher nicht beschränken auf die aktuellen politischen Kontexte, auf manifeste Konflikte, auf vielfältige akute Notlagen und Bedrohungssituationen, in denen spontan gehandelt werden muss. Zivilcourage sollte verstanden werden als öffentliches Handeln im Alltag, als sozialer Mut in der Lebenswelt der Bürger, als Element der Zivilgesellschaft. Es geht um die alltägliche Meinungsfreiheit und die Akzeptanz von Widerspruch bis hin zur Anerkennung bzw. Nicht-Diskriminierung von Menschen, die sich einsetzen für Recht und Gerechtigkeit, für "aufrechten Gang" und die Achtung der Menschenwürde. Das Konzept der Zivilcourage oder des sozialen Muts wird hier in deutsch, spanisch, französisch, italienisch, russisch, polnisch, arabisch, chinesisch (kurze und lange Zeichen) näher erläutert.

Bereits 1996 wurde die Idee entwickelt, positive Handlungsmöglichkeiten gegen autoritäre und konformistische Einstellungen und Verhaltensweisen zu auszuloten. Der Arbeitsbereich wandte sich dem Themenkomplex "Zivilcourage im Alltag" zu. 1996-1998 wurde am Beispiel von BerufsschülerInnen untersucht, wie Zivilcourage oder sozialer Mut im Alltag, in der Lebenswelt konkret erlebt wird. Die zentrale Frage lautete: Was fördert, was hindert zivilcouragiertes Handeln oder sozialen Mut im Alltag von Beruf, Schule und Freizeit? Dafür wurde ein handlungs- und situationstheoretischer Ansatz gewählt, der individuelle, gruppenbezogene und gesamtgesellschaftliche Momente zu integrieren suchte. Die Ergebnisse dieser Studie erschienen 1999 in einer Monographie und anschließend in mehreren Aufsätzen. - Dieses Projekt stellte sich als ein Experiment ganz besonderer Art dar: Aus einem Seminar heraus entstand eine Forschungsgruppe, in der Studierende nicht nur in die Forschungsarbeit integriert wurden, sondern diese federführend leiteten. Bis zur Publikation wirkten die Studierenden und eine Mitarbeiterin an diesem Projekt mit.

„...normalerweise hätt' da schon jemand eingreifen müssen.“ Zivilcourage im Alltag von BerufsschülerInnen. Eine Pilotstudie. Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts. (mit Angela Hermann); 1999

(vergriffen, Text auf Anfrage erhältlich bei G.M.) (vergriffen; Zusammenfassung: Meyer, Gerd / Hermann, Angela (2000d): Zivilcourage im Alltag. Ergebnisse einer empirischen Studie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Bd. 7-8/2000, S. 3-13)

 

Das Interesse an diesem Thema setzte sich fort in einer Initiative für ein größeres Tagungs- und Publikationsprojekt zunächst mit der Bundeszentrale, in einer späteren Phase auch mit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, das im Jahre 2004 mit zwei größeren Publikationen beendet wurde.

Gerd Meyer/ Ulrich Dovermann/ Siegfried Frech/ Günther Gugel (Hrsg.): Zivilcourage lernen - Analysen, Modelle, Arbeitshilfen. Bundeszentrale für politische Bildung Bonn/Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg. Bonn 2004, 2. Auflage Bonn 2007, als Buch gegen Übernahme eines Unkostenbeitrags erhältlich unterwww.bpb.de); der volle Text ist als download dort wie auch unterhttp://www.friedenspaedagogik.de/themen/zc_lernen/zc_in.htm erhältlich.

Ziel dieser Publikation ist es, wissenschaftliche Erkenntnisse und erprobte Modelle aus der gesellschaftlichen Praxis wie aus dem Bereich der politischen Bildung zum Thema Zivilcourage einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Angesichts der nunmehr vielfältigen Erfahrungen in der Förderung von Zivilcourage soll hier für die Zwecke politischer Bildung eine Zwischenbilanz der Forschung und praktischer Handlungsansätze vorgelegt werden. Lehrer/innen, Dozent/innen der Erwachsenenbildung, aber auch engagierte Bürger/innen sollen ebenso wie private Träger und öffentliche Einrichtungen der politischen Bildung diesen Band für ihre Arbeit verwenden können. Der Band vereint also analytische, politisch-gesellschaftspraktische und pädagogisch-didaktische Zugänge im Sinne handlungsnahen Orientierungswissens.

Der erste Teil des Bandes enthält wissenschaftliche Analysen zum Verständnis von Zivilcourage in der modernen Gesellschaft. Zunächst werden begriffliche und demokratietheoretische Grundlagen geklärt, dann die Ergebnisse verschiedener, insbesondere auch von empirischen Studien zu förderlichen und hinderlichen Faktoren für Zivilcourage dargestellt. Der zweite Teil des Bandes vermittelt Erkenntnisse und Erfahrungen aus Wissenschaft und Praxis, welche Bedingungen und Chancen der Förderung von zivilcouragiertem Handeln es in verschiedenen gesellschaftlichen Handlungsfeldern gibt: am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, an allen Schularten. Der dritte Teil des Bandes stellt bewährte Modelle der politischen Bildungsarbeit vor, reflektiert Fragen der Evaluation und bietet vor allem konkrete Arbeitshilfen an, wie man Zivilcourage und friedlichen Konfliktaustrag in Seminaren und Trainings einüben und weit über die Schule hinaus fördern kann. Ein Serviceteil enthält eine Bibliographie sowie Hinweise auf Trainingshandbücher und Angebote von Trägern politischer Bildung in diesem Feld.

Inhaltsverzeichnis des Bandes (als PDF-Dokument)

Auswahlbibliographie(als PDF-Dokument)


Gerd Meyer: Lebendige Demokratie: Zivilcourage und Mut im Alltag. Forschungsergebnisse und Praxisperspektiven. Nomos Verlag Baden-Baden. 2. Aufl. 2007
(Inhaltsverzeichnis / Contents)

Absicht und Anlage des Buches: Die zentrale Frage dieser Studie lautet: Was fördert und was hindert zivilcouragiertes Handeln? Genauer: Was geht in einer Person vor, wie verläuft die Interaktion mit anderen und wie kommt es dann zu einer Entscheidung (nicht) zu handeln? Welche Erfahrungen und Lernprozesse, welche Motive und Werte bewegen Menschen, Zivilcourage zu zeigen? Gibt es spezifische Unterschiede im Verhalten einer Person je nach sozialem Ort und Öffentlichkeit? Was macht uns Mut, was lässt uns mutig handeln? Hat Mut etwas mit Glauben zu tun? Kann man sozialen Mut im Alltag lernen und üben, oder ist Zivilcourage eine Charakterfrage, eine Sache der Persönlichkeit, die sich nur schwer ändern lässt? Und wie kann man Zivilcourage durch eine gesellschaftliche, politische und pädagogische Praxis fördern, die anderen Mut macht? Was kann die Wissenschaft dazu beitragen, Verständnis und Chancen für diese demokratische Tugend zu verbessern?

 

In diesem Band möchte ich darstellen, welche vorläufigen Antworten es auf diese Fragen gibt oder genauer: was wir dazu aus der Forschung, reflektierter Lebenserfahrung und der Praxis politischer Bildung wissen. Ich interessiere mich für Menschen, die bereit sind, sich öffentlich für andere, aber auch für sich selbst, für humane und demokratische Werte oder legitime Interessen einzusetzen, auch wenn sie in einer unterlegenen Position sind und ihnen Nachteile für ihr mutiges Handeln drohen. Die Analyse hat zum Ziel, Bedingungen und Chancen, innere Dynamik und Handlungsabläufe sozial mutigen Verhaltens in unserer Gesellschaft besser zu verstehen und Perspektiven für eine mutige, demokratische Alltagspraxis zu skizzieren. Das Erkenntnisinteresse ist also sowohl analytisch (konzeptuell, empirisch und erklärend) als auch philosophisch-reflexiv und politisch-praktisch im Sinne handlungsnahen Orientierungswissens. Ich verstehe Zivilcourage als wertgebundenen Begriff, als einen Typus demokratischen Handelns im Alltag, das durch soziales Lernen und politische Bildung, durch verantwortliches Handeln und praktische Erfahrung gefördert werden kann.

Das Buch gibt erstmals einen systematischen Überblick über die vorliegende Forschung zum Thema Zivilcourage, die breit über mindestens acht (!) Disziplinen gestreut und manchmal nur schwer zugänglich ist. Die Darstellung versteht sich zugleich als kritische Zwischenbilanz und Weiterführung dieser oft sehr heterogenen Untersuchungsansätze und -ergebnisse. Soweit als möglich hier eine interdisziplinäre Synthese im Verständnis von Zivilcourage als Element demokratischer Alltagspraxis angestrebt. Theoretisch-konzeptuell wird der inzwischen in seinem Bedeutungsgehalt stark ausgeweitete Begriff der Zivilcourage als analytisches und für die politische Bildung brauchbares Konzept in seinen verschiedenen Dimensionen geklärt und gegen andere Begriffe (wie z.B. Tapferkeit und Mut im Allgemeinen, Hilfeverhalten, Altruismus, Solidarität, ziviler Ungehorsam und Widerstand) abgegrenzt. Bisher mangelte es außerdem an geeigneten analytischen Handlungsmodellen für die Praxis einer Tugend, die doch so häufig öffentlich eingefordert wird. Ich stelle hier jeweils ein Entscheidungs- und ein Faktorenmodell zur Zivilcourage vor. Diese Modelle bringen nicht nur Einflussfaktoren und innere Handlungsdynamiken in einen systematischen Zusammenhang, sondern verorten sozialen Mut auch in verschiedenen sozialen und politischen Kontexten - etwas, was z.B. der Mainstream sozialpsychologischer Forschung eher vernachlässigt. Zivilcourage steht zwar gegenwärtig in bestimmten aktuellen politischen Bezügen, aber es gilt, eine breitere analytische Perspektive zu entwickeln: Sozialer Mut als Element einer lebendigen Demokratie und einer verantwortlichen Bürgergesellschaft, als Moment der politischen Kultur bis in die Chefetagen und Parlamente hinein. Dem liegt eine ganzheitliche Sicht von Mut als personaler Basis zivilcouragierten Handelns zugrunde. Erstmals wird hier versucht, Zivilcourage im Blick auf Quellen des Muts und deren sinnstiftende Qualität zu verstehen sowie als Movens für ein gelingendes Leben zu konzipieren. So versteht sich der Band insgesamt als Vorstufe und Baustein zu einer umfassendere Theorie und Praxisentwurf von Mut und Zivilcourage im Alltag.

Inhaltsverzeichnis des Bandes (als PDF-Dokument)

In den letzten Jahren wurde die Arbeit am Thema Mut und Zivilcourage intensiv fortgesetzt. Zwei Vertiefungen standen im Vordergrund: Zum einen Zivilcourage als aufrechter Gang im Alltag in allen Lebensbereichen, nicht nur in Not- und Bedrohungssituationen, gegen Gewalt und Rechtsextremismus, sondern vor allem auch am Arbeitsplatz, in der Schule, im öffentlichen Leben, in der Politik und in den Medien. Zum anderen wurde die Dimensionen des persönlichen Mutes als Kern der Zivilcourage und als wichtiges Moment der Lebensgestaltung intensiver als zuvor reflektiert. Daraus entstanden zwei größere Publikationen, ein Sammelband 2012 und eine umfassende, systematische, praxisnahe Studie 2014.

Meyer, Gerd/Frech, Siegfried (Hrsg.): Zivilcourage: Aufrechter Gang im Alltag. Wochenschau Verlag Schwalbach/Taunus 2012 (zuerst erschienen als Heft 3/2011 der Zeitschrift „Der Bürger im Staat“ (Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stuttgart)

Gerd Meyer: Mut und Zivilcourage. Grundlagen und gesellschaftliche Praxis. Verlag Barbara Budrich. Opladen Berlin Toronto 2014 ISBN 978-3-8474-0172-8 (Paperback; 29, 80 €) 978-3-8474-0423-1 (eBook)

Das Thema

Mut und Zivilcourage – was kennzeichnet, was unterscheidet sie? Was fördert, was hindert Menschen, mit mehr Zivilcourage zu handeln – privat, beruflich und im öffentlichen Leben? Im Mittelpunkt des Buches von Gerd Meyer steht das couragierte Handeln im gesellschaftlichen Alltag, vor allem am Arbeitsplatz, in Gruppen und in der Politik. Handlungsmöglichkeiten werden ebenso diskutiert wie das kontroverse Thema Whistleblowing. Woher aber kommt die Kraft zu mutigen Entscheidungen, was macht sie zu einer besonderen Erfahrung? Was müssen Menschen und Institutionen mitbringen, damit Zivilcourage gelernt und mutiger Widerspruch gefördert wird? – Die erste systematische Analyse zum Thema, praxisnah und umsichtig ermutigend.

2. Fragestellungen, Anlage und Absicht des Bandes

Der Begriff Zivilcourage bezeichnet den persönlichen Mut, der als Kern und Leitmotiv alles zivilcouragierte Handeln durchzieht? Das Grundlagenkapitel bringt wichtige definitorische Klärungen und vermittelt anschaulich, was typischer Weise Mut und Zivilcourage ausmacht. (Kap. II)

Warum handeln bestimmte Menschen in vergleichbaren Situationen mit Zivilcourage, andere aber nicht? Was fördert, was hindert Zivilcourage? Was geht in einer Person vor, was geschieht in der Interaktion mit anderen, wenn sich Menschen entscheiden couragiert zu handeln? Inwieweit bestimmen die Situation und die Persönlichkeit, Gefühle, Moral und Geschlecht das Verhalten? Begünstigen oder erschweren der jeweilige soziale Kontext und die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft das Handeln mit Zivilcourage? (Kap. III)

Mut und Zivilcourage mit Augenmaß – darum geht es mir im Blick auf einige typische Situationen und häufige Probleme im kompetenten Umgang mit Konflikten im Alltag, die sozialen Mut erfordern. Praxisbeispiele, ein besseres Verständnis von Mechanismen und Abläufen, Anstöße für die Reflexion des eigenen Verhaltens sowie Hinweise auf Handlungsmöglichkeiten sollen dazu beitragen. (Kap. IV, auch in Kap. VI. 5, 6, 8.1)

Zivilcourage oder sozialer Mut zeigt sich meist als individuelles Verhalten, ist aber oft eingebettet in die Struktur und Dynamik von Gruppen. Dabei kann es sich um Nahestehende, um funktionale Gruppen oder Glaubensgemeinschaften handeln. Wichtige Bezugsgruppen können sozial mutiges Handeln fördern oder hindern. Inwieweit bestimmen dann Rolle und Status in einer Gruppe, der Wunsch nach Zugehörigkeit, Anerkennung und guter Zusammenarbeit, die Bereitschaft und die Fähigkeit, sich couragiert zu behaupten, „abzuweichen“ oder zugunsten anderer zu intervenieren? Dem geht Kap. V nach.

Zivilcourage ist gerade auch am Arbeitsplatz gefragt. Aber sind kritische Mitarbeiter eigentlich erwünscht – Mitarbeiter, die Probleme offen ansprechen, die den Mut haben, sich solidarisch und widerständig gegenüber ihren Chefs, aber auch gegenüber Kollegen zu verhalten? Strategien und Risiken im Konfliktaustrag, im Bemühen um Recht und Gerechtigkeit; Solidarität und ihre Verkehrung in Schweige- und Vertuschungskartellen; Whistleblower, die im Interesse der Gesellschaft gravierende Missstände öffentlich machen und dabei mindestens ihren Job riskieren – das sind die zentralen Stichworte, unter denen in Kap. VI Chancen und Grenzen von Arbeitnehmer-Courage ausgelotet werden.

Mut und Zivilcourage sind nicht nur im Alltagsverhalten und im zivilgesellschaftlichen Engagement der Bürger gefragt, sondern auch im couragierten Führungshandeln von Eliten, in Parteien und Parlamenten, in staatlichen Institutionen wie in den Massenmedien. Was aber bedeutet Mut im politischen Raum, unter den Bedingungen rigorosen Parteienwettbewerbs und ständiger öffentlicher Aufmerksamkeit? „Die Wahrheit sagen“, selbstkritische Reflexion, der Mut zu unpopulären Entscheidungen – ist das nicht meist unvereinbar mit dem Erhalt von Macht und Mandat? Politische Zivilcourage beweisen z. B. sog. Abweichler im Parlament. Sie zeigt sich auch in manchen Protestbewegungen bis hin zum zivilen Ungehorsam als einer Form grundsätzlich gewaltfreien, kollektiven Bürgermuts. Besonders couragiert sind schließlich jene, die sich „gegen rechts“ in einer Umgebung engagieren, die diese politischen Einstellungen und Aktivitäten mehrheitlich stillschweigend duldet oder sogar unterstützt. (Kap. VII)

Wie aber kann man Zivilcourage im privaten und öffentlichen Raum, besonders auch im gewaltfreien Alltag von Erziehung, Beruf und Freizeit pädagogisch und praktisch fördern? Kann man Zivilcourage lernen? Man kann durch Erziehung und Erfahrung dazu motivieren und soziale Handlungskompetenzen vermitteln. Man kann Mut und Zivilcourage in Familie und Schule, durch Trainings und im bürgerschaftlichen Engagement einüben. Nicht weniger wichtig ist, dass Lehrende und Vorgesetzte in Institutionen günstigere Bedingungen dafür schaffen, zum Beispiel indem sie zivilcouragiertes Verhalten stärker anerkennen und unterstützen. (Kap. VIII)

Abschließend geht es um die Grundlagen persönlichen Mutes als dem Kern von Zivilcourage: Woher nehmen Menschen, die couragiert handeln, ihre Kraft, ihren Mut? Welche Rolle spielen Angst und Vertrauen im couragierten Handeln? Mut wurde in der abendländisch-christlichen Tradition philosophisch oft als Tugend oder „Seelenstärke“ verstanden. Mutiges Entscheiden und Handeln sind für viele besondere emotionale, mehrdimensionale Erfahrungen. Was können sie für den Einzelnen psychologisch, moralisch und spirituell bedeuten? Diesen Sinnbezügen, der subjektiven Erlebensqualität und Interpretation von Mut geht Kap. IX nach.