Institut für Politikwissenschaft

Bericht Florenz

Erfahrungsbericht Florenz (WS 99/00, SS 00)

von Alexander Del Regno <bob76alexspam prevention@yahoo.com>

1. Ankunft in Florenz

Nachdem man nach ca. achtstündiger Zugfahrt bzw. nach fast ebenso langer Autofahrt in Florenz angekommen ist, heißt es erstmal eine vorübergehende Bleibe zu suchen.
Es bieten sich zwei Jugendherbergen an, in denen man jedoch nur bis drei Tagen bleiben darf. (Genaueres dazu findet Ihr im "guide for Sokrates-Erasmus students", den ich zu meinem Bericht beigelegt habe, auf Seite 9). Als Alternative sind sicher die beiden Campingplätze denkbar, denn oftmals sind die Temperaturen im September und Oktober noch sommerlich, so daß man den wunderschönen Blick auf die gesamte Stadtvom Campingplatz bei der Piazzale Michelangelo zu jeder Tages- und NAchtzeit genießen kann. Der andere Campingplatz befindet sich im Stadtteil Campo di Marte. Beide verfügen über gute Busanbindungen. Ansonsten könnte man als dritte Möglichkeit auf ein Hotelzimmer zurückgreifen; in der Bahnhofshalle befindet sich ein Fremdenverkehrsamt, das Auskünfte über Hotels, Pensionen und deren Preise erteilt.

2. Wohnungssuche

Hat man erstmal diesen Schritt bewältigt, beginnt die Wohnungssuche, die sich als sehr stressig erweisen kann. Wenn man Glück hat, findet man recht schnell eine Bleibe, vor allem wenn man die Suche bereits im September beginnt. Genauso gut kann es sich aber auch zwei bis drei Wochen hinziehen, bevor man in seine künftigen vier Wände einziehen kann. Mein Tip ist, daß man sich zuerst etwas provisorisches sucht, und sich später noch mal auf die Suche begibt. Denn oft eröffnen sich viele neue Möglichkeiten, wenn man erstmal ein paar Leute kennengelernt hat. Also nicht gleich nach der perfekten Wohnung suchen, wenn man ein ganzes Jahr Zeit hat. Oft zahlt es sich auch aus, wenn man sich bei der Wohnungssuche mit anderen Studenten zusammenschließt, denn komplette Wohnungen findet man in Florenz leichter als einzelne Zimmer. Will man aber so schnell wie möglich zur Ruhe kommen, kann man eine der vielen Agenzien in Anspruch nehmen. DAs ist in Florenz durchaus üblich, kostet allerdings mindestens eine Monatsmiete als Provision. Die billigste Wohnungsvermittlung ist die von zwei Deutschen betriebene "Mi(e)twohnzentrale" in der Via Ortolani (Nähe Bahnhof). Doch Vorsicht: laßt Euch alles genau erklären und versucht Euch darauf zu einigen die Provision in monatlichen Anteilen zu zahlen. Andernfalls kann es schnell passieren, daß Ihr zu viel bezahlt. MAn muß sich außerdem erst daran gewöhnen, daß in Florenz alles ohne Vertrag läuft, aber das muß für Euch auf keinen Fall von Nachteil sein. Die meisten Wohnungs- und Zimmerangebote hängen übrigens an den Schwarzen Brettern in der Mensa St. Gallo und in der Literaturfakultät (Piazza Bruneleschi) aus. Ansonsten sollte man die zweimal wöchentlich erscheinende "Pulce" durchblättern.

3. Organisatorisches - Bürokratisches

Parallel zur Wohnungssuche hat man einiges Amtliches zu erledigen. Als erstes sollte man zum Sokrates-Büro gehen (Piazza St. Marco 4). Was man dort alles mitbringen muß, könnt Ihr aus dem "guide" entnehmen. Laßt Euch dort außerdem erklären, was Ihr in welcher Reihenfolge auf den Ämtern erledigen müßt. Dazu zählt nämlich eine Art Aufenthaltsgenehmigung, die man bei der "Questura" (Via St. Gallo 83, allerdings der Eingang auf der Rückseite) beanträgt. Was dort mitzubringen ist, steht auf Seite 8 des "guide". Das mit der achttägigen Frist muß man nicht ernstnehmen! Dann braucht Ihr für alles Mögliche noch den "codice fiscale", den man im Finanzamt (Via Santa Caterina D´Alessandria 23) erhält. Zu guter Letzt geht es mal wieder ins Sokrates-Büro, wo man alle erhaltenen Formulare abgibt. Am besten man begibt sich -ausgerüstet mit einem Buch oder einer Zeitung- schon eine Stunde vor der Öffnungszeit dorthin, und trägt sich dort unbedingt in eine Liste ein, damit man wirklich drankommt und nicht umsonst gewartet hat. Wichtig ist bei all diesem Ämter-Kram also Geduld; es funktioniert halt nicht alles so "deutsch", wie man es gewohnt ist.
In der Viale Morgagni 44 meldet man sich für den einmonatigen Sprachkurs an, wo auch Eure sprachlichen Kenntnisse zuerst getestet werden, bevor Ihr in das jeweilige nivello eingeteilt werdet. Die Kurse selbst machen großen Spaß und dort knüpft man in der Regel auch die ersten Kontakte zu anderen Erasmus-Studenten. Um in den vielen Mensen für 4000 Lire MAhlzeiten zu erhalten, von denen man in den Tübinger Mensen nur träumen kann, muß erst eine Mensa-Karte in der Via St. Gallo beantragt werden. Dies geht aber erst, wenn man alles andere erledigt hat und seinen (zunächst provisorischen) Studentenausweis erhalten hat.

4. La Facoltà di Scienze Politiche "Cesare Alfieri"

Das in der Via Laura ansässige Institut ist etwas größer als unseres in Tübingen, weil unter dem Dach der facoltà sowohl die Politologen als auch die Juristen untergebracht sind.
Vorweg gesagt: Das Studiensystem in Florenz unterscheidet sich in vielen Punkten grundlegend vom deutschen. Die Schwerpunkte, zwischen denen gewählt werden kann, liegen auf den Bereichen Wirtschaft, Geschichte oder Internationale Beziehungen, wobei man auch in vielen Kursen mit dem Schwerpunkt Geschichte Scheine für IB erwerben kann.
Zum Scheinerwerb genügt meist eine mündliche Prüfung am Ende des Semesters. Nicht jeder Dozent verlangt ein Referat. Generell läuft alles ein wenig wie in der Schule ab: Die Professoren erzählen und in der Prüfung wird das Erzählte abgefragt. Dennoch kann man in den Kursen sein Wissen sehr bereichern.
Viele Kurse, vor allem die Pflichtkurse, erinnern von ihrer Teilnehmerzahl und ihrer Konzeption an Vorlesungen. Zu empfehlen und wahrscheinlich für Euch ohnehin ausschließlich relevant, sind die Wahlkurse, die wie unsere Seminare ablaufen.
Ganz besonders ans Herz legen würde ich Euch -vorrausgesetzt Ihr habt Interesse an Afrika- einen Kurs bei Dr. Jennifer Greenleaves zu belegen. Sie gestaltet ihre Seminare nicht nur interessant, sondern trägt durch ihre sympatische Artzu einem sehr angenehmen Kursklima bei. Gerade den ausländischen Studenten ermöglicht sie eine gute Einführung in das dortige Uni-Leben, weil sie auf jeden einzelnen ihrer Studenten eingeht. Am Ende des Semesters lädt sie sogar alle Teilnehmer ihres Kurses zu einem afrikanischen Abendessen zu sich nach Hause ein! Eine weitere positive Erfahrung, die ich im ersten Semester gleich zu Beginn gemacht habe, war die Offenheit und Hilfsbereitschaft der italienischen Komilitonen. Man braucht sich auf keinen Fall zu scheuen, diese um Hilfe (z.B. bei Referaten) zu bitten. Natürlich ist es erforderlich, daß man auch dazu bereit ist, auf die Leute zuzugehen. An der facoltà studieren zahlreiche ausländische Studenten, allerdings kaum, oder wie in meinem Fall, keine Deutschen. Dies ist ein großer Vorteil, weil man so gleich die Einheimischen kennenlernt. Welche Vorteile dies in puncto Kultur und Sprache kennenlernen bringt, brauche ich ja nicht zu erwähnen.

5. Freizeit und Allgemeines

Daß Florenz eine wunderschöne Stadt ist mit unzähligen Mussen, Kirchen und Kunstschätzen, brauch ich Euch ebenfalls nicht zu sagen. Einen Überblick über die staatlichen und städtischen Museen und deren Öffnungszeiten erhält man in den Touristen-Büros in der Via Cavour oder gegenüber vom Bahnhof (bei der Kirche Santa Maria Novella). Wenn Ihr die Stadt wirklich mit ihren bedeutensten Sehenswürdigkeiten erkunden wollt, müßt Ihr mit mehreren Wochen rechnen. Auch das Umland von Florenz bietet viele landschaftliche und architektonische Höhepunkte, die Ihr keinesfalls versäumen solltet.
Am Anfang des Florenz-Aufenthalts sollte man sich den Dienstag Abend freihalten, um erste Kontakte zu anderen ausländischen Studenten zu knüpfen. Dann finden nämlich die Erasmus-Abende im Café "Cardillac" (Via degli Alfani) statt. Diese können den Start in Florenz durchaus erleichtern, allerdings gab es viele deutsche Studenten, die ihren gesamten Aufenthalt in Florenz mit Nicht-Italienern verbrachten, so daß sie weder die italienische Sprache noch die Kultur richtig kennengelernt haben. Es ist natürlich eine Frage der Bequemlichkeit, ob man unter Landsleuten bleibt, oder auf Einheimische zugeht; der Unterschied und die jeweiligen Folgen liegen natürlich auf der Hand.
Das Nachtleben in Florenz ist insgesamt nicht sonderlich "italienisch": frühe Sperrstunden und die Ausrichtung auf englischsprachige Touristen machen die Kneipen und Discos nicht gerade autentisch. Hervorzuheben sind allenfalls die Pubs im Santa Croce-Viertel und die Disco "Floc" im Norden der Stadt. Nicht versäumen sollte man im Winter die Eisbahn mitten auf der Piazza Santa Croce. Ansonsten bietet allein die Schönheit der Stadt genug Möglichkeiten seine Freizeit zu verbringen. Der Sommer in Florenz bietet wirklich südländisches Ambiente. Die Abende auf der Piazza Santo Spirito und im Cascinen-Park, wo sich allabendlich die gesamte Jugend zu versammeln scheint, bleiben für mich jedenfalls unvergessen.
Noch kurz ein paar Worte zum Thema "Fortbewegung in Florenz": Man kann -wie in Tübingen auch- ein Semester-Ticket für Busse erwerben. Wo weiß ich nicht, da ich es selbst nicht in Anspruch genommen habe; also auch beim Sokrates-Büro nachfragen! Ansonsten ist ein Fahrrad in Florenz unerläßlich. Gebrauchte Räder kann man übrigens recht preiswert in Florenz kaufen, wenn ihr nicht die Gelegenheit habt, selbst eines mitzubringen. Das non-plus-ultra ist jedoch Wespa fahren in Florenz. Auch diese werden gebraucht günstig verkauft. Allerdings nicht vergessen: egal ob mit Radl oder Wespa - auf Florenz´ Straßen geht es wild zu!

In Florenz wird einem -wie eigentlich in ganz Italien- auch kulinarisch einiges geboten. Selbst die privaten Feste laufen nie ohne gemeinsames Abendessen ab. Was die Zubereitung von Pizza jedoch angeht, so sind die Toscani nicht sonderlich begabt. Die einzige Pizzeria, wo das ursprünglich napolitanische Gericht wirklich schmeckt, befindet sich auf der Piazza St. Jacopino im Nordteil der Stadt.

Also, ich hoffe, daß ich einige Tips und Anregungen mit meinem Erfahrungsbericht geben konnte. Wenn noch Unklarheiten bestehen oder wenn irgendwelche Fragen auftauchen, könnt Ihr mich gerne anrufen oder mir mailen. Ansonsten wünsche ich einen tollen Aufenthalt in Florenz.