Institut für Politikwissenschaft

Bericht Groningen

Erfahrungsbericht: "Verkanntes Groningen"

(Markus Schaupp)

Mir war immer klar gewesen, dass ich nach Abschluß meines Grundstudiums ins Ausland gehen würde. Dabei hatte ich auch ganz konkrete Vorstellungen: Internationales Flair, Sprache, andere Kultur etc. Am allerwichtigsten war mir jedoch, dass ich die Chance haben sollte, meine Englischkenntnisse zu verbessern. Im grossen und ganzen kamen für mich deshalb, im Rahmen des Austauschprogrammes des politikwissenschaftlichen Instituts, nur zwei Alternativen in Frage: Uppsala/ Schweden oder Leicester/ England. Wobei Uppsala doch mein grosses "favourite" darstellte. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Schweden.

Sehr bald stellte sich jedoch heraus, dass daraus nichts werden sollte. Die Konkurrenz für die Plätze bzw. den Platz für Uppsala war zu gut, was ich mir eigentlich schlecht vorstellen konnte, schliesslich hatte sich doch auch meine Zwischenprüfung, die zudem noch ausserordentlich gut bewertet wurde, ausgiebig mit diesem Schweden und all seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Facetten beschäftigt. Deshalb erschien es mir nach diesem theoretischen Streich nur logisch, dass ich nun losgeschickt würde, um die fehlenden praktischen Erfahrungswerte vor Ort zu sammeln.

Jedoch weit gefehlt. Ich bekam zwar einen Platz, aber nicht den erhofften. Auf mich sollte ebenfalls eine nördliche "Metropole" warten. Aber das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die ich zwischen meinem Wunschort und meiner tatsächlichen Bestimmung -nämlich GRONINGEN (Niederlande)- feststellen konnte.

Meine Gedanken waren zugegebenermassen zunächst mit Vorurteilen behaftet. Aufgrund der Nähe der Stadt zur deutschen Grenze ertappte ich mich des öfteren mit dem Gedanken: "Dann kann ich ja gleich in einer deutschen Grosstadt studieren. Der Unterschied kann nicht allzu groß sein". Viele meiner Vorstellungen von internationalem Flair, anderer Kultur etc. schienen in weite Ferne gerückt.

Nichts desto trotz wollte ich meinen Horizont unbedingt erweitern und die Chance positiv überrascht zu werden gerne nutzen. Also zog ich los...

Nun sieben Monate später bin ich völlig überwältigt: Von dieser Stadt, Universität, Studenten, dem Leben dort und alles was sonst noch dazu gehört. Alle meine Vorstellungen hatten sich mehr als erfüllt und während meines Aufenthaltes wollte ich nicht für einen Moment mit einem anderen Studienort tauschen. Ich war und bin immer noch hellauf begeistert von diesem lebendig, schön und abwechslungsreichen GRONINGEN - eben eine waschechte Studentenstadt mit dem Prädikat: "absolut empfehlenswert".

Na, neugierig ? Begleitet mich einfach auf meiner kleinen Rundtour der Einblicke und Eindrücke:

Zunächst einmal einige allgemeine Daten über die Stadt. Groningen stellt die nördliche Metropole der Niederlande dar. Mit seinen 173.000 Einwohnern ist Groningen die siebt größte Stadt. Geschichtlich gesehen wurde Groningen erstmals im 11.Jahrhundert erwähnt...
Groningen ist Handels- und Transportzentrum und somit Knotenpunkt zu anderen Ländern und Regionen wie Deutschland, Skandinavien und Osteuropa: Bspw. in zweieinhalb Stunden mit dem Zug nach Amsterdam oder in zwei Stunden nach Hamburg. Zudem gibt es eine direkte Zugverbindung (jede halbe Stunde) zum "Schiphol Flughafen Amsterdam". Tip: Da "Schiphol" eines der Haupteinzugsgebiete der Gesellschaft "Easy Jet" ist, kann man sehr günstig verreisen. Beispielsweise nach London. Für Hin- und Rückflug ist man schon mit 150 DM dabei (für Interessierte: unter www.easyjet.com nachschauen & buchen).

Der Großteil der Stadt und insbesondere das Zentrum wird durch die für die Niederlande typischen, aneinandergereihten Backsteinhäuser mit engen Gassen bestimmt. Weitere Merkmale sind die Kanäle, die vielen Hausboote und die noch größere Anzahl an Fahrräder. Jeder, ob jung oder alt, bewegt sich grundsätzlich mit dem Fahrrad in der Stadt. In Groningen soll sich Gerüchten zur Folge die zweithöchste Fahrraddichte, hinter den asiatischen Motropolen natürlich, befinden.
Die Altstadt wird von dem "Grote Markt" (mit klassizistischem Rathaus, spätgotischer Martinskirche und dem Goudkantoor, einem Renaissancebau) und dem "Vismarkt" (Fischmarkt mit samstaglichem Markttreiben) bestimmt.

Groningen ist eine Universitätsstadt mit internationalem Flair. Überall wuseln Studenten durch die Gassen, überall trifft man kleinere Gruppen an, die sich mühelos aber manchmal auch mit Händen und Füßen, versuchen gegenseitig verständlich zu machen. Bevorzugt wird natürlich Englisch. Zudem beherrscht der typische Niederländer jüngerer Generation mindestens eine Fremdsprache. Oft sind die Niederländer zweisprachig: Englisch und Deutsch. Außerdem leisten die große Auswahl an Theater, Museen, Galerien, Buchläden, Kinos usw. ihren eigenen Beitrag dazu. Eben weil deren Angebot fast zu gleichen Anteilen aus englischer Sprache besteht. Beispielsweise werden alle Kinofilme in englischer Sprache mit niederländischem Untertitel gezeigt. Natürlich darf man dann auch nicht das alltäglichste Medium, nämlich den TV, vergessen. Alle ausländischen Filme, Serien und Dokumentationen werden grundsätzlich nicht synchronisiert und flimmern in Originalfassung über den Bildschirm. Selbstverständlich mit niederländischem Untertitel. Somit wird man sozusagen gleich automatisch zum niederländisch lernen gezwungen. Dann kann es schon einmal vorkommen, dass man "Bruce Lee" auf chinesisch mit niederländischem Untertitel serviert bekommt. Wirklich lustig !!!

All diese Punkte sind Eigenschaften, die man schon ohne eigene Initiative an internationalem Flair geboten bekommt und sich total von deutschen Praktiken und Gewohnheiten unterscheiden ( hingewiesen werden soll auf meine Befürchtungen in der Einleitung).
Dabei habe ich noch gar nicht von den internationalen Studentenwohnheimen, in denen wirklich die unterschiedlichsten Kulturen und Nationalitäten aufeinanderstoßen, den internationalen Studentenpartys, den Ausflügen für Austauschstudenten oder dem allmontaglichen Abfesten für international Studenten im Irish Pub "Sally O´Briens" erzählt ( obwohl ich natürlich auch nicht alles verraten möchte, denn schliesslich macht das selber entdecken immer noch am meisten Spaß).

Ganz nebenbei ist die Mehrzahl der Einwohner Groningens, d.h. mehr als 50 % und das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen, jünger als 35 Jahre. Was deshalb immer auf den Strassen los ist, vor allen Dingen Montags, Donnerstags und am Wochenende, wenn es für die meisten Studenten heißt "Party time", braucht wohl keiner weiteren Erklärung. Natürlich spielt da auch die ausgezeichnete "Kneipen- , Club- und Coffeeshop"- Dichte (der Kenner schweigt und genießt !!!) eine wesentliche Rolle. Vor allem die berühmt-berüchtigte "Piekuur" zieht die Studenten in ihren magischen Bann und letztenendes in die Kneipen und Clubs. "Piekuur" steht für "happy hour" - alles klar ? In dieser Zeit gibt es das Glas Bier für einen Gulden ! Gegen Ende wird dann kräftig Bier auf den Tischen gebunkert, schliesslich will man nach dieser wahrlich "glücklichen Stunde" nicht schon wieder nach Hause gehen. Angesagte und beliebte Orte sind beispielsweise das "Sally O´Briens" (Mo), "Drie Gezisters" (Do, Fr, Sa) oder "Palace" (Do). Geschmackssache eben...

Und die Uni? Die sogenannte Rijksuniversiteit Groningen wurde im Jahre 1614 gegründet. Damit gehört die Universität zu einer der ältesten in Europa. Die Groninger Universität ist eine breit angelegte, klassische Universität, d.h. dass Fakultäten in allen akademischen Disziplinen angeboten werden. Zudem wird auf Forschung grossen Wert gelegt. Das hat zur Folge, dass einerseits die Uni sehr gut ausgestattet ist (von elektronischen Medien wie Computerpools bis hin zur Bücher Ausleihe) und andererseits die internationale Orientierung besondere Beachtung erfährt. Die Universität Groningen unterhält Beziehungen mit einer Anzahl von Universitäten in Europa, Nordamerika, Canada, Afrika und Asien. Diese Vielfalt macht sich selbstverständlich sichtbar: Eine große Auswahl an englisch sprachiger Vorlesungen und Seminare und die dazugehörige "bunte Mischung" an internationalen Studenten aus der ganzen Welt sind die offensichtlichsten !!!

Erwähnenswert ist zudem, dass man sich um die ausländische Studenten kümmert. Es gibt stets irgendwelche Ansprechpartner, an die man sich wenden kann. Von einem für die internationalen Studenten zuständigen "Studentmanager" über Tutoren bis hin zur Studentenorganisation "WINGS" (= Committee for Internationalisation of Groninger Students) werden einem ausreichend viele Anlaufstellen geboten. Vor allem WINGS hängt sich dabei mächtig ins Zeug: Diese Gruppe (für alle Jungs: Nur Studentinnen am Start !!!) engagiert sich weit über die normale Beratertätigkeit hinaus. Diese Gruppe organisiert bspw. die allmontaglichen internationalen Studentenpartys im Irish Pub "Sally´O Briens". Dabei lassen sie sich gerne verschiedene Mottos einfallen: Beispielsweise "60er Jahre Party" oder "Halloween Party" etc. Natürlich ist Verkleidung erwünscht.
Zudem organisiert WINGS häufig Ausflüge innerhalb der Niederlande. Zum Beispiel "Den Haag mit Parlamentsführung und Besichtigung des Internationalen Gerichtshofes" oder aber ganz andere Dinge wie "Segeltrips an die Nordsee" über das Wochenende...

Am Schluß noch ein paar Worte zum Wohnen. Grundsätzlich kann man sich über das "Housing Office" ( Organisation, die sich um befristete Unterkünfte kümmert) schon bevor man in die Niederlande geht sozusagen ein Zimmer zuweisen lassen. Dieses befindet sich dann normalerweise in einem der großen internationalen Studentenunterkünfte der Organisation: Achtstöckige Gebäude mit ca. 300 Studenten. Man wohnt dann normalerweise in einer 12er WG mit Küche, Wohnraum, zwei Badezimmer und einem langen Korridor, zu dessen linker und rechter Seite sich sozusagen das Tor zu seiner eigenen kleinen Welt öffnet: Das eigene Zimmer. Dieses ist ungefähr 17m² groß und sehr schlicht mit Bett, Schrank, Schreibtisch und Schreibtischlampe ausgestattet. Somit muß man sich ein wenig selbst bemühen und sich sein neues Heim nach individuellen Wünschen einrichten. Der eigenen Phantasie darf freien Lauf gelassen werden. Ach ja, der Spaß kostet ca. 450 DM warm im Monat und das Zimmer sollte beim Verlassen wieder so vorgefunden werde, wie vom Vorgänger bereitgestellt. Das Beste an der ganzen Sache ist meiner Meinung jedoch die Chance viele neue Leute, Sprachen und Kulturen auf dem eigenen Stock und im ganzen Gebäude (denn Kontakte zu anderen Korridoren sind unvermeidlich und erwünscht) hautnah kennenzulernen: Beim Zimmer einrichten, beim Kochen, beim Abwasch, bei der morgendlichen Pflege, beim Diskutieren, beim Studieren, beim Feiern etc. Immer ist etwas los und viele Überraschungen sind garantiert... Wer gar kein Bock darauf hat, kann sich natürlich auch etwas weniger aufreibendes und gemütlicheres geben lassen. Wie wäre es mit einem schmucken privaten Apartment? Alles nur eine Frage des Geldes. Aber meiner Meinung nach gehört die "Wohnheimatmosphäre" mit all seinen Vor- und Nachteilen einfach zu einem richtigen Auslandsstudium dazu und wird hier noch einmal ausdrücklich empfohlen.

Also denn, das wars von mir ! Ich hoffe ich konnte dir Groningen ein wenig schmackhaft machen. Für mich wird dieser Aufenthalt mit meinen gewonnenen Freunden und Erfahrungen unvergeßlich bleiben.

Falls es Fragen gibt: Einfach melden!

Verfasser: Markus Schaupp
e-mail: Markus-Schauppspam prevention@gmx.de
Tübingen, Mai 2001