Institut für Sportwissenschaft

Erziehender Sportunterricht zwischen Anspruch und Wirklichkeit – eine differenzanalytische Untersuchung zur Umsetzung pädagogischer Perspektiven

Mit dem Schlagwort Erziehender Sportunterricht verbindet sich eine normative Leitvorstellung zur Begründung und Gestaltung schulischen Sportunterrichts, die sowohl fachdidaktisch auf breiter Basis geteilt wird, als auch durch ihre Festschreibung in Curricula bildungspolitische Verbindlichkeit erhält (u.a. Prohl, 2017). Eng damit verbunden ist das Prinzip der mehrperspektivischen Gestaltung des Sportunterrichts; D.h. Sportunterricht soll unter verschiedenen pädagogischen Perspektiven (z. B. Miteinander, Leistung) ausgelegt werden (u.a. Balz & Neumann, 2015; Kurz, 2010). Innerhalb der fachdidaktischen Literatur ist eine Vielzahl an Veröffentlichungen zu finden, die diese Idee unter einzelnen Perspektiven konkretisieren und somit begründete Ansprüche formulieren, welche Ziele beispielsweise unter der Perspektive Miteinander im Sportunterricht von Lehrkräften anzubahnen sind (z.B. Fairness-Haltung, Kooperationsfähigkeit) und anhand welcher Inhalte (z.B. regelgeleitete Sportspiele) und Methoden (z.B. offenes, demokratisches Unterrichtssetting) Sportlehrende dies thematisieren sollen (u.a. Bähr, 2009).

Aufgrund verschiedener empirischer Einzelbefunde ist davon auszugehen, dass zwischen den Ansprüchen der Fachdiskussion und dem didaktischen Handeln von Sportlehrenden in der Wirklichkeit des Sportunterrichts Differenzen bestehen (u.a. Bähr & Fassbeck, 2007; Burrmann et al., 2012). Zudem ist bekannt, dass das Handeln von Lehrenden in der Regel weniger von theoretischen Konzepten gesteuert wird, als von den eigenen subjektiven Theorien, den so genannten handlungsleitenden Kognitionen (u.a. Groeben & Scheele, 2010; Leuchter et al., 2006). Vorrangige Intention der Studie war daher die qualitative Analyse potentieller Differenzen zwischen dem fachdidaktischen Anspruch an die Umsetzung zweier exemplarisch ausgewählter Perspektiven (Miteinander und Leistung) einerseits und deren Verwirklichung im Handeln von Sportlehrenden andererseits. Ziel war es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, inwiefern und vor welchem Hintergrund zentrale normative Leitideen der Sportpädagogik/-didaktik Eingang in die Praxis des Sportunterrichts finden.

Dazu wurde in Anlehnung an differenzanalytische Studien zunächst eine Anspruchsanalyse durchgeführt: Mittels einer Dokumentenanalyse wurden fachdidaktische Publikationen (N=29) mittels qualitativer inhaltsanalytischer Verfahren ausgewertet. Anschließend wurden in einer triangulativen Wirklichkeitsanalyse problemzentrierte Interviews, videografierte Unterrichtsbeobachtungen und Stimulated-Recall-Interviews mit Sportlehrenden (N=9) einer weiteren qualitativ inhaltsanalytischen Auswertung zugeführt. Die Ergebnisse dieser Teilanalysen wurden dann in der abschließenden Differenzanalyse vergleichend gegenübergestellt und im Hinblick auf identifizierbare Differenzen sowie deren Hintergründe analysiert.

Dabei konnten vier Umsetzungsmerkmale erziehenden bzw. mehrperspektivischen Sportunterrichts als besonders differenzhaltig, d.h. in der Umsetzung besonders problematisch identifiziert werden:

Zudem konnten verschiede Begründungsmuster zum Verstehen der vorgefundenen Differenzen herausgearbeitet werden:

Ausgewählte Publikationen