Zentrum für Islamische Theologie

Vom 16. bis 18. Oktober 2020 fand die internationale Online-Tagung mit dem Titel ‚Female Visions: The Religious Visual Culture of Contemporary Female Islamic Mysticism‘ statt. Gastgeber waren das Zentrum für Islamische Theologie (ZITh), Universität Tübingen, das Institut d'ethnologie méditerranéenne, européenne et comparative (IDEMEC), Aix Marseille/Centre national de la recherche scientifique (CNRS) und die Akademie der Diözese Rottenburg - Stuttgart. Die Tagung fand im Rahmen von Dr. Sara Kuehns Projekt ‚Die visuelle Kultur des Sufismus in Frankreich und in Deutschland‘ statt und erhielt Fördermittel von dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union im Rahmen des Marie Skłodowska-Curie Grant Agreement Nr. 794958 (SufiVisual). Auf Einladung von Dr. Kuehn, Dr. Christian Ströbele, Prof. Dr. Erdal Toprakyaran und Prof. Dr. Dionigi Albera präsentierten und diskutierten rund 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 13 Ländern und sieben Zeitzonen aktuelle Ergebnisse ihrer Forschung.

Ein Ausgangspunkt der interdisziplinären Tagung war die zunehmende Gewichtung der Visualität/Materialität (visual-material turn) im Feld der Erforschung von Religion. Im Zentrum der Diskussion stand das oft übersehene weibliche Engagement in der zeitgenössischen islamischen Mystik und im Sufismus. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Disziplinen Geschichte, Kunstgeschichte, Ethnologie, Theologie, Islamwissenschaft und Religionswissenschaft thematisierten drei Tage lang die Weiterführung der Re-visualisierung/Materialisierung der religiösen Kulturen in Bezug auf weibliche islamische Mystik und Sufismus, einer Tradition, die in ständigem Dialog mit der Gesellschaft und ihren politischen, kulturellen und ökonomischen Dynamiken steht sowie die die Entwicklung von Theorien, Konzepten und Methoden für das Forschungsfeld in einer globalen und vernetzten Welt.

Begrüßt wurden die 525 Tagungsteilnehmerinnen und –teilnehmer am 16. Oktober 2020 durch die Gastgeberinnen und Gastgeber Dr. Kuehn, Dr. Ströbele, Prof. Dr. Toprakyaran und Prof. Dr. Albera. Unter dem Leitthema der Tagung konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in sieben Panels mit 16 Vorträgen rege zu diversen Themen diskutieren. Begleitet wurde die Tagung durch die Präsentation von sechs Video- und Soundinstallationen von Dr. Manoël Pénicaud (Aix-Marseille), Gildas Sergé (Marseille), Malek Sahraoui (Marseille) und Dr. Meliha Teparić (Sarajevo) über gemeinsam genutzte religiöse Orte, an denen die weibliche Komponente eine wichtige Rolle spielt, insbesondere in Heiligtümern des Marienkults im Mittelmeerraum. Gerahmt wurde das akademische Programm mit Vorträgen von den Sufi-Meisterinnen Gülizar Cengiz (Köln), Dr. Fawzia Al-Rawi Al-Rifai (Wien), Amina Teslima al-Jerrahi (Mexico City), Cemalnur Sargut (Istanbul), H. Nur Artıran (Istanbul) und Fariha Fatima al-Jerrahi (New York). Am Abend des 16. Oktober fand ein von Dr. Fawzia Al-Rawi Al-Rifai geleiteter Online-Dhikr, eine meditative Übung zur Vergegenwärtigung Gottes, statt.

 

Den inhaltlichen Auftakt der Tagung gestaltete Prof. Dr. Amila Buturović (Toronto) mit ihrem Vortrag über die visuell-materielle Dimension der kanadische Mystikerin, Mira Burke, mit dem Titel ‚Stillness in the Eye of the Storm: Mira Burke and the Performance of Spiritual Ecstasy‘, gefolgt von dem Vortrag von Prof. Dr. Michel Boivin (Paris) über die visuell-materiellen Aspekte der Sufi-Rituale von Hindu Sindhi Frauen in Indien ‚Gender and Sufism: Hindu Sindhi Women and the Transmission of the Sufi Legacy in India‘ und Prof. Dr. Mark Soileau (Ankara) untersuchte ‚Reflections from the Visual World of Zöhre Ana‘, eine weibliche Mystikerin in Ankara, Türkei, die von ihren Anhängern als Heilige betrachtet wurde und für ihre Heilkräfte bekannt war.

Am zweiten Tag der Tagung sprachen die Teilnehmenden nach einem Vortrag von Prof. Dr. Pnina Werbner (Manchester) mit dem Titel ‚Colours and Visions: A Hybrid of Sufi Mysticism and Science‘ über das Charisma von Baji Saeeda, einer weiblichen Heiligen des Azimiya Sufi-Orden in Manchester, England, und deren Theorie der Farben und Attribute als Quellen spiritueller Energie und über den von Dr. Gianfranco Bria (Rom) gehaltenen Vortrag zu ‚Ziyāra and Feminine Harīm in Post-Socialist Albania: The Case of Dervishe Hatixhe’s Grave in Tirana‘. Danach gab Dr. Yunus Hentschel (Wien) einen Einblick in das komplexe und mehrdimensionale Zusammenspiel von Koran, Sufismus und Geschlechterdynamik mit dem Ziel die Komplexität und Vielfalt in den Sufi-Ansätzen zur Frage des Geschlechts und seiner visuellen Kultur aufzuzeigen und Dr. Ezgi Güner (Istanbul) sprach über die geschlechtsspezifischen Konstruktionen von adab (richtigem Verhalten) von Frauen, das einen Schwerpunkt auf das Äußere legt in ihrem Vortrag ‚Learning Adab, Becoming Muslim: Women within the Global Networks of Islamic Education‘. Darüber hinaus ging Prof. Dr. Joseph Hill (Alberta) in seinem Vortrag ‚Wrapping Body, Voice, and Self: Female Chanters in the Fayḍa Tijāniyya Sufi Community in Senegal‘ auf das vielleicht herausragendste Thema in der Beziehung zwischen Frauen und visueller Kultur im Islam ein, dass die Sichtbarkeit von Frauen - insbesondere in religiösen Funktionen - minimiert oder abgeschwächt werden sollte, während Dr. Feyza Burak-Adli (Chicago) in ihrem Vortrag ‚The Visionary Female Guarding of Turkish Cultural Heritage: The Case of the Turkish Rifai Shaykha Samiha Ayverdi‘ zeigte, wie in dem türkischen Kontext die charimatische Sufi-Meisterin Samiha Ayverdi (1905-1993) die ‚Ästhetik‘ als einen unverzichtbaren Spiegel betrachtete, der die Diskurse von tawhid, adab und Sufi-Ethik reflektiert und damit die klassische türkische Kunst, Literatur und Musik als Sufi-Praxis der Hingabe an Gott wiederbelebte. Anschließend sprach Dr. Kuehn (Aix-Marseille/Tübingen) über die fortschreitende Entwicklung des ‚Bildes‘ der ersten weiblichen Heiligen in der Inayati-Sufi-Silsila, Pīrzadi-Shahīda Noor-un-Nisa Inayat Khan, die am 13. September 1944 im Konzentrationslager Dachau in Deutschland zur Verteidigung ihres Glaubens hingerichtet wurde und für die Durchführung von ihrem ‚spirituellem Idealismus durch Taten und nicht nur durch Worte‘ anerkannt wird, gefolgt von Dr. Annika Schmeding (Boston), die in ‚Mapping the Vision: Sufi Dream Guidance in Contemporary Afghanistan‘ Einsichten in Visionen und Träume – sowohl passiv erlebte als auch als aktiv herbeigeführte – von weiblichen Sufis im zeitgenössischen Afghanistan gewährte. Zum Ausklang sprachen Dr. Meliha Teparić (Sarajevo) und Prof. Dr. Rosana Ratkovčić (Zagreb) über ‚The Visual Culture of Sufi Mysticism in the Works of Female Artists‘ und zeigten Auszüge der Video- und Soundinstallationen von Dr. Teparić als einen ästhetischen Kommentar des Tagungsthemas.

Am dritten Tag der Tagung gab der Beitrag von Dr. Britta Frede (Bayreuth) einen Einblick in Visionen weiblicher wissenschaftlicher Autorität und muslimischen Frauseins innerhalb eines Lernkreises der zeitgenössischen Tijāniyya in Mauretanien. Der Vortrag von Dr. Silvia Bruzzi (Padova), beleuchtete die Produktion, Zirkulation und Rezeption der visuellen Kultur rund um heilige muslimische Frauen im gesamten Mittelmeerraum und in der Region des Roten Meeres und untersuchte die verschiedenen Strategien, die sie anwandten, um in ihrer Gesellschaft (un)sichtbar zu sein. Abschließend rundeten die Vorträge von Dr. Aliya Iqbal (Karachi) und Prof. Dr. Hasan Ali Khan (Karachi) über die Rifaʿi Sheikha Sayyida Safiya in Pakistan ‚A Matriarch Amongst Patriarchs: Female Leadership in a Non-Reformed Sufi Order in Contemporary Pakistan‘ zusammen mit Rafique Wassan (Bern) über ‚Progressive-Pluralist Sufi Heritage, New Mediatization and Female Artists in Sindh, Pakistan‘ ab. Wassan nahm Bezug auf Mediatisierung der Sufi-Kultur weiblicher Sufi-Performerinnen und die zunehmende Sichtbarkeit junger weiblicher Sufi-Künstlerinnen in den neuen Medien und im visuellen Raum. Nach einer Zusammenfassung der wissenschaftlichen Beiträge durch Prof. Dr. Werbner (Manchester), wurde die Tagung durch Dr. Kuehn, Dr. Ströbele, Prof. Dr. Toprakyaran beschlossen.

Die wissenschaftlichen Vorträge und Diskussionen ebenso wie die Vorträge und Diskussionen der Sufimeisterinnen wurden aufgezeichnet und können auf der Tagungswebseite www.akademie-rs.de/themen/themenuebersicht/aktuell/female-visions aufgerufen werden.

Eine Erweiterung der Diskussionen zu dem Tagungsthema Female Visions: The Religious Visual Culture of Contemporary Female Islamic Mysticism findet sich in dem in Vorbereitung befindenden Sammelband, der von Sara Kuehn und Amila Buturović herausgegeben wird.