Uni-Tübingen

Judith Pfeiffer, M. A.

Kollegiatin

Anschrift Büro:Universität Tübingen
Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses Wissen“
Katholisch-Theologische Fakultät
Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte
Keplerstraße 2
72074 Tübingen
Telefon:+49 (0)7071/29-77338
Raum164
E-mail:judith.pfeifferspam prevention@uni-tuebingen.de

Akademischer Werdegang

10/2005 – 08/2010 Studium der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft,
Germanistischen Mediävistik und Betriebswirtschaftslehre
(M. A.) an der Ludwig-Maximilians-Universität München
und an der Karlsuniversität zu Prag
seit 10/2010 Promotion mit einer Dissertation zum Thema „Sixt Bircks volkssprachliche und lateinische Bibeldramen als Exempel für die Transformation von Offenbarungswissen in der frühen Reformationszeit“

Berufliche Stationen

05/2006 – 07/2010 Studentische Hilfskraft in der Redaktion „Arbitrium -
Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen
Literaturwissenschaft“, hrsg. von Wolfgang Harms,
Friedrich Vollhardt und Peter Strohschneider
08/2010 – 03/2011 Wissenschaftliche Hilfskraft in der Redaktion des
„Literaturwissenschaftlichen Verfasserlexikons Frühe
Neuzeit in Deutschland 1520-1620“, unter Leitung von
Friedrich Vollhardt, Jan-Dirk Müller, Wilhelm Kühlmann,
Michael Schilling und Johann Anselm Steiger
seit 04/ 2011 Doktorandin im Graduiertenkolleg 1662 „Religiöses
Wissen im vormodernen Europa“ an der Eberhard-Karls-
Universität Tübingen

Sixt Bircks volkssprachliche und lateinische Bibeldramen als Exempel für die Transformation von Offenbarungswissen in der frühen Reformationszeit

Im Rahmen meines Dissertationsprojekts untersuche ich am Beispiel des dramatischen Œuvres Sixt Bircks (1500-1553) die Transformation von Offenbarungswissen in die Gattung des (Reformations-)Dramas. Die Dissertation soll in theoretischen und textbezogenen Abschnitten zeigen, wie religiöses Wissen für einen eingrenzbaren Kreis von Rezipienten handlungsleitend gemacht werden sollte

Bibeldramen sind das Produkt einer fortwährenden Adaptation, also jener Übersetzung in ein alteritäres Konzept, die das Wort Gottes für Rezipientengruppen mit unterschiedlichen Vorprägungen aufgrund ihrer Bildung und sozialen Herkunft handlungsleitend machte. Dabei nahm das Bibeldrama auf gegenwärtige historische Ereignisse, auf Wandlungen in den sozialen Ordnungen und in den kulturellen Praktiken Bezug. Die Handlung der Bibeldramen orientiert sich an der Heiligen Schrift, der Stoff wird dabei aber immer auch auf den Gegenwartskontext bezogen, um ihn zu aktualisieren und um ihn auf religiöse und politische Diskurse zu beziehen. Neben einem biblischen Stoff flossen dabei i. d. R. auch andere religiöse und weltliche Diskurse in die Dramentexte ein, die dazu dienten, den Rezipienten neben religiösen Lehren und weltlichen Ideologien auch konkrete Handlungsanweisungen zu vermitteln. Damit wird deutlich, dass der Zweck der Dramenproduktion im 16. Jahrhundert nicht ausschließlich darin bestand, Kindern die Heilige Schrift näher zu bringen und das Wort Gottes in alle Bereiche des Lebens zu integrieren, sondern dass sie als Medien der sozialen Kommunikation zwischen Autor und Rezipienten bestimmte Botschaften transferieren sollten. Die institutionalisierten Aufführungen von Dramen, sei es aus Anlass der Fastnacht oder als Schultheater, spielte somit bei der Generierung und Diskursivierung religiösen Wissens im Zeitalter der heterogenen Reformationsbewegungen eine maßgebliche Rolle.

Das dramatische Werk Sixt Bircks lässt sich in zwei Schaffensperioden unterteilen, wobei jeweils unterschiedliche Rezipientenkreise angesprochen wurden. Während seiner Zeit als Schulmeister in Basel wandte sich Birck mit der Aufführung seiner volkssprachlichen Bibeldramen (darunter „Ezechiel“, „Zorobabel“, „Joseph“, „Beel“, „Susanna“ und „Judith“) auf öffentlichen Plätzen an ein breites (Laien-) Publikum. Ab 1536 leitete Birck das humanistische Gymnasium zu St. Anna in Augsburg, dessen Unterrichtssprache Latein war. Dort bearbeitete und übersetzte Birck seine Dramen „Susanna“ und „Judith“ und verfasste weitere auf Latein, darunter „Eva“ und „Sapientia Salomonis“. Mit den lateinischen Dramen sprach Birck mit den Schülern und Lehrern des Gymnasiums sowie der Obrigkeit der Stadt Augsburg ein gelehrtes Publikum an. Die Zuschauer hatten hier ein Amt im höheren Staats- und Verwaltungsdienst inne bzw. wurden im Fall der Schüler darauf vorbereitet, eins zu bekleiden. Mit den Dramen wollte Birck seinen Zuschauern eine Vorstellung von der Lenkung eines Staates nach dem Vorbild der antiken Res Publica vermitteln und sie für strategische Entscheidungen sensibilisieren.

Sowohl in den lateinischen als auch in den volkssprachlichen Dramen stellen die Glaubenskämpfe in der Schweiz im Zuge der Reformation ebenso wie die Türkenkriege den Bezug der Bibeladaptationen auf gegenwärtige politische Ereignisse dar. Die Dissertation soll zeigen, wie Birck seinen Zuschauern teilweise mit demselben biblischen Stoff unterschiedliche Handlungsanweisungen gab, indem er die Dramenfiguren unterschiedlich stilisierte und die Rahmentexte modifizierte. Sowohl in den Binnen- als auch in den Rahmentexten stellte Birck intertextuelle Bezüge her, wenn er auf mittelalterliche oder humanistische Bilder etwa des idealen Herrschertypus oder des christlichen Streiters („miles christianus“) zurückgriff. Die intertextuellen Bezüge stellen einen zentralen Untersuchungsgegenstand der Dissertation dar. Anhand des Binnentextes soll zudem herausgearbeitet werden, an welchen Bibeltextextvorlagen sich Sixt Birck orientierte. In Frage kommen hierfür insbesondere die 1531 erschienen „Zürcher Bibel“, die Vulgata und die Septuaginta. Ob auch die Bibelübersetzungen Martin Luthers als Textvorlage in Frage kommt, soll der Abgleich mit den Dramentexten zeigen. An Stellen, an denen der Binnentext wesentlich von den Bibelvorlagen abweicht, soll eruiert werden, mit welcher Intention sich der Autor hier von der Vorlage entfernte – etwa um andere Diskurse wie den der „militia christiania“ zu integrieren – und ob andere Vorlagen ausgemacht werden können, an denen sich Birck an diesen Stellen orientiert haben könnte. Dazu gehören neben den Schriften der zeitgenössischen Humanisten und Reformatoren (Erasmus von Rotterdam, Huldrych Zwingli, Leo Jud, möglicherweise auch Martin Luther) auch Bibelkommentare, Embleme und Flugschriften sowie illustrierte Flugblätter. Um eine engere Auswahl treffen zu können, welche anderen Quellen Sixt Birck beim Verfassen seiner Dramen zur Verfügung gestanden haben können, soll anhand der in letzter Zeit ins Interesse der Forschung gerückten regional ausgerichteten Kulturgeschichten eine Vorauswahl getroffen werden, welche Materialien in der jeweiligen Zeit in Basel und Augsburg verfügbar waren.