Uni-Tübingen

Petra Kurz, M.A.

Assoziierte Kollegiatin

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Referat Geschichte

Akademie der Diözese

Rottenburg-Stuttgart

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Akademischer Werdegang

  Studium der Mittleren und Neueren Geschichte und Kulturanthropologie/Volkskunde in Mainz und Florenz (Auslandssemester)
2009-2011 Stipendiatin des Historisch-Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrums der Universität Trier
2011-2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Universität Tübingen
2014 Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Angela von Holfels und das Kloster St. Agneten in Trier (15./16. Jh.); die Veröffentlichung steht noch aus
seit 2014 Referentin an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Lebenswelt Kloster. Das Gebetstagebuch der Windesheimer Chorfrau Angela aus St. Agneten in Trier (1465–1539)

Die Studie liefert Einblicke in das Selbstverständnis und die Wahrnehmung einer geistlichen Frau. Gleichzeit liefert sie neue Erkenntnisse zur Gestaltung des Alltags zwischen Norm und Ideal einer weiblichen Gemeinschaft der Devotio Moderna. Die Arbeit geht dabei unter anderem den Fragen nach, wie sich Räume (Kloster, Stadt, Umland) aus der Sicht der Chorschwester Angela von Holfels gestalteten und hinterfragt dabei vor allem die Räume des Wissens, die den Frauen zugänglich waren bzw. zugänglich gemacht wurden oder die sie sich selbst aneigneten.

Es handelt sich um eine mikrogeschichtliche Studie, die mit der Analysekategorie Raum arbeitet. Dabei wird zwischen zwei Kategorien unterschieden, tatsächlich abgrenzbaren Räumen wie Kirche, Zelle, Refektorium usw., die als konkrete Orte benannt sind und jenen von unterschiedlichen Personen und Gruppen verhandelbaren Räumen, die einem ständigen Veränderungsprozess unterliegen. Hierzu zählen unter anderem spirituelle Räume, Schuldräume oder gesellige Räume, die in der Arbeit als konstruierte Räume bezeichnet sind.

Das einzigartige Gebetstagebuch der Schwester Angela von Holfels steht im Mittelpunkt der Untersuchung. Es verzeichnet die persönliche Gebetsleistung einer regulierten Chorfrau und alle Ereignisse, die aus ihrer Sicht damit verbunden sind. Diese Quelle zeigt eine immense Selbstverständlichkeit im Umgang und Produzieren eigener, für den Alltagsgebrauch bestimmter Schriftlichkeit einer geistlichen Frau im späten Mittelalter. Trotzdem konnte bisher keine vergleichbare Quelle ausfindig gemacht werden. Angela stellt sich darin, dem Reformverständnis ihrer Zeit entsprechend, nicht als individuell herausragende Persönlichkeit dar. Die Arbeit konnte zeigen, dass Angela tatsächlich keine Ausnahmefrau in ihrem Konvent oder gar in ihrem Orden war, sondern als unscheinbare Chorschwester eines gewöhnlichen Konvents verstanden werden muss. Gerade dieser unscheinbar-normale Blickwinkel auf die Welt bietet neue Aspekte für die Erforschung von geistlichen Frauen im Spätmittelalter.

Obwohl Angela ständig daran zweifelt, ihre immense Lebensaufgabe des ständigen Betens für die Gemeinschaft erfüllen zu können und obwohl sie keine herausragende Stellung innerhalb ihres Konvents einnimmt, kann sie als umfangreich gebildete Frau gezeigt werden, die ein aktives Mitglied der Schrift- und Buchkultur der Devotio Moderna war.

Die am Einzelbeispiel von Angela und ihrer Gemeinschaft gewonnenen Ergebnisse werden in der Arbeit immer wieder kontextualisiert und in den übergeordneten Rahmen der Ordensgeschichte, der Stadt- und Reichsgeschichte und der zeitgenössischen Frömmigkeit gesetzt und liefern somit neue Erkenntnisse über den Alltag und das „normale“ Leben einer Windesheimer Gemeinschaft. Die nötige Vorsicht bei der Interpretation der Quelle und deren ständige Kontextualisierung sorgt dafür, dass der Blick mit dem Vergrößerungsglas zwar auf „das Kleine“ gelenkt wird, aber nicht „im Kleinen“ verharrt.