Uni-Tübingen

B 04

Ressourcensuche als Auslöser von ‚Kolonisationsprozessen‘? Ursachenforschung zur Gründung römischer Koloniestädte im italischen bzw. nordafrikanischen Raum

Fachklassifizierung

Klassische Archäologie

Projektleitung

Posamentir, Richard, Prof. Dr.

Eberhard Karls Universität Tübingen

Institut für Klassische Archäologie

Schloss Hohentübingen

Burgsteige 11

72070 Tübingen

Telefonnummer: 07071 29 75413

E-Mail-Adresse: richard.posamentir[at]uni-tuebingen.de

 

Lipps, Johannes, Jun-Prof. Dr.

Eberhard Karls Universität Tübingen

Institut für Klassische Archäologie

Schloss Hohentübingen

Burgsteige 11

72070 Tübingen

Telefonnummer: 07071 29 75484

E-Mail-Adresse: johannes.lipps[at]uni-tuebingen.de

DoktorandInnen

und Postdocs

Kovacs, Martin, Dr.

SFB 1070 RessourcenKulturen
Gartenstr. 29
Raum 115
72074 Tübingen

 

Nowak-Lipps, Christiane, Dr.

SFB 1070 RessourcenKulturen

Gartenstr. 29

72074 Tübingen

Telefonnummer: 07071 29 73582

E-Mail-Adresse: christiane.nowak-lipps[at]uni-tuebingen.de

Die Zeit der römischen Expansion und die damit einhergehenden Koloniegründungen der republikanischen und augusteischen Epoche veränderten das vorrömische Siedlungs- und Gesellschaftssystem Italiens und seiner benachbarten Regionen nachhaltig. Völlig zurecht wurde in der jüngeren Forschung immer wieder betont, dass Rom nur für einen Teil dieses Veränderungsprozesses verantwortlich zu machen ist, den die mediterrane Welt in hellenistischer Zeit durchlebte. Für Süditalien spielten beispielsweise auch die mächtigen griechischen Städte wie Tarent und Syrakus eine wichtige Rolle, für Mittelitalien die italischen Bevölkerungsgruppen der Samniten, für Nordafrika hingegen die Karthager. Die jeweilig vorhandenen Gesellschaftssysteme gingen in den neu gegründeten Kolonien auf und prägten die Städte notwendigerweise mit. Dennoch stellen die im Rahmen einer offensiven Expansionspolitik ergriffenen Maßnahmen Roms einen entscheidenden Faktor für die Veränderungen der Siedlungs- und Sozialstruktur Italiens und angrenzender Gebiete (Nordafrika) dar. Sie hatten neben der gezielten Ansiedlung stadtrömischer Bevölkerung und der Verleihung des römischen Bürgerrechts an Nichtrömer auch die Einführung eines neuen Verwaltungssystems zur Folge. Die Gründung römischer Kolonien oder die Verleihung des Status eines Munizipiums an bereits bestehende Städte von Seiten Roms wurden häufig durch militärstrategische Interessen begründet. Neuere Forschungen zeigen jedoch, dass für die Gründung von Kolonien bzw. die Weiterführung von vorrömischen Siedlungen ganz unterschiedliche Ursachen eine Rolle spielten. Es stellt sich daher die Frage, welche Ressourcen bzw. RessourcenKomplexe für das römische Siedlungssystem ausschlaggebend waren und wie diese bewusst und planvoll zur Konsolidierung von Herrschaft eingesetzt wurden. So wurden beispielsweise kulturelle Traditionen der ansässigen Bevölkerung zumindest teilweise von den römischen Neusiedlern übernommen. Dieser Prozess lässt sich an Kultplätzen und in Heiligtümern ablesen, wo lokale neben römischen Gottheiten weiter verehrt wurden. In diesem Veränderungsprozess kam also vorhandenen oder ideologisch/symbolisch aufgeladenen Ressourcen eine wichtige Aufgabe zu, bestimmten sie doch den Entwicklungsprozess der diversen Städte und Siedlungen.

Im Teilprojekt B04 werden Fragen nach der Rolle von Ressourcen und RessourcenKomplexen bei der Planung und Entwicklung römischer Koloniestädte anhand zweier sehr unterschiedlicher Gebiete vergleichend nachgegangen. Um welche Interessen ging es dabei tatsächlich und ist das Phänomen der römischen Kolonisation bislang nicht zu einseitig aus militärstrategischer Perspektive beurteilt worden?

 

Fallstudie Mittelitalien (Irpinien)

Diese Fallstudie widmet sich der Siedlungsdynamik in Mittelitalien, konkret in Irpinien von samnitischer bis in römische Zeit. In dieser Gegend lassen sich sowohl Siedlungskontinuitäten als auch das Auslaufen von Siedlungen mit dem Beginn der Romanisierung im 3. Jh. v. Chr. nachweisen. Gründe für eine Siedlungskontinuität können auf eine gezielte Ressourcennutzung zurückgeführt werden, die jedoch nicht alleinig auf wirtschaftlichen Faktoren beruht. Die Studie kombiniert daher die Erforschung wirtschaftlicher Aspekte (Transhumanz versus Ackerbau), untersucht gleichzeitig aber auch die Rolle kultureller Ressourcen. Anhand von urbanistischen Entwicklungen, Architektur, Skulptur und Inschriften werden soziale Netzwerke und Bündnisse in den Blick genommen, die ebenfalls mögliche Gründe für die Weiterführung und den Ausbau römischer Städte gewesen sein können.

Konkret wird diesen Fragenkomplexen durch ein Grabungsprojekt in Conza della Campania (Urbanistik) und der Aufarbeitung von Architekturspolien, Skulptur und Inschriften aus Irpinien nachgegangen. Letztere Materialien wurden durch einen Skulptur- und Architektursurvey in den Jahren 2014-2016 in Zusammenarbeit mit Alessandra Avagliano und mit finanzieller Unterstützung des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom dokumentiert und vermessen.

 

Fallstudie Nordafrika

Die Ausstattung mit Bildwerken gehört zu den wesentlichen Merkmalen spätrepublikanischer und kaiserzeitlicher römischer Städte (1. Jh. v. bis 2. Jh. n. Chr.). Sie kommemorieren einerseits verdiente Honoratioren in Form von Ehrenstatuen, andererseits lassen sich zahlreiche Bildwerke mit mythologischen Themen nachweisen, die entweder als Kopien berühmter griechischer Werke des 5. und 4. Jhs. v. Chr. angesprochen werden können oder als gelehrte eklektische Entwürfe. Dieses von der Forschung als statue habit bezeichnete Phänomen unterstreicht auch eine Besonderheit urbaner Strukturen in der Antike, da seit dem 3. Jh. n. Chr. dieser habit zunächst abebbte, um dann in der Spätantike und im Frühmittelalter nahezu vollständig zum Erliegen zu kommen, trotz punktueller Kontinuitäten der urbanen Strukturen.

Das Potential der Erforschung der z. T. neu entstehenden statuarischen Landschaften im römischen Nordafrika während des 1. Jhs. v. Chr., z. B. in Caesarea Mauretaniae (Cherchel), liegt insbesondere in der Frage, wie – im Gegensatz zu Rom selbst – in einer Phase der Neukonstituierung urbaner Strukturen durch die römischen Kolonisten Bildwerke eingesetzt wurden, um spezifische Inhalte zu vermitteln.

Zum anderen geht es um die Frage, welche allgemeinen ästhetischen Präferenzen die Wahl bestimmter Bildwerke und verschiedener Ensembles bedingt haben. Das ikonographische und formale Repertoire, welches seit dem 6. Jh. v. Chr. im griechischen Raum entwickelt worden war, stellt auf diese Weise einen Ressourcenkomplex dar, aus dem sich die entsprechenden Auftraggeber bedienen konnten. Ging es in der Ausstattung mit Bildwerken um eine Nachahmung des Zentrums Rom oder kamen auch Gestaltungsprinzipien zum Einsatz, die sich aus lokalen Konventionen und Traditionen speisten, oder die im weitesten Sinne als Merkmale (sub-) hellenistischer Ausstattungsästhetik aufgefasst werden können, welche sich fern von den besonderen, sowohl kulturellen als auch politisch-sozialen Gepflogenheiten Roms freier entfalten konnten?

2500 Jahre Stadt und dann die Zerstörung

Ein Film von Dr. Christiane Nowak-Lipps

Im südlichen Italien, auf einem natürlich geschützten Hügel, liegt die alten Stadt Compsa. Seit etwa 2500 Jahren ist dieser Hügel ein beliebter Siedlungsplatz gewesen. Darauf verweisen archäologische Funde wie z.B. antike Keramik, alte Nekropolen und ein römisches Forum. Erst nach dem schweren Erdbeben vom 23. November 1980 wurde dieser alte Siedlungsplatz verlassen. Die Bewohner errichteten am Fuße des Hügels das neue “Conza della Campania”.
Das derzeitige Ausgrabungsprojekt konzentriert sich auf die samnitische und römische Zeit dieser Siedlung. Schritt für Schritt soll der Urbanisierungsprozess von seinen Anfängen im 6. Jahrhundert vor Christus bis in die römische Zeit nachvollzogen werden.

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