Uni-Tübingen

Workshop "Zugänglichkeit impliziter Ereignisse"

20. Juli 2010, 9:30 - 18:10 Uhr, Brechtbau, Wilhelmstr. 50, Raum 027

Organisatoren: S. Bücking, H. Gese, C. Maienborn, B. Stolterfoht

Beschreibung

Sprachliche Strukturen, in denen nicht ohne weiteres von der Präsenz eines Ereignisarguments ausgegangen werden kann, die aber intuitiv einen impliziten Bezug zu Ereignissen aufweisen, stellen eine Herausforderung für die semantische Modellierung dar.

Der implizite Bezug auf ein Ereignis kann hier entweder durch einen Konflikt entstehen, z.B. durch die sortalen Anforderungen eines Modifikators oder Verbs (cf. 1-3) oder Ergebnis eines Wortbildungsvorgangs sein, so z.B. bei deverbalen Adjektivierungen und Nominalisierungen wie in (4-6).

(1) Der Journalist begann den Artikel.

(2) Das Seminargebäude liegt bewusst abseits.

(3) Paul ist absichtlich tollpatschig.

(4) Das Manuskript ist (bei Nature) eingereicht.

(5) Tänzer

(6) Bemalung

Hinzu kommen Fälle, für die der Rückgriff auf Ereignisvariablen an sich offen ist. Z.B. wird für Nominalkomposition wie in (7) oder Genitiv-Attribute wie in (8) eine Vermittlung der beteiligten Prädikate über Relationen angenommen: Führen solche Relationen ein eigenes Ereignisargument ein?

(7) Vasentisch

(8) Der Hund des Gärtners

Im Vordergrund des Workshops soll die Zugänglichkeit impliziter Ereignisse stehen: In wieweit sind sie inhaltlich spezifiziert, diskursstrukturell präsent und mental aktiviert?

So muss z.B. in einem ‚klassischen’ Fall wie Komplement-Coercion geklärt werden, wie stark und auf welcher Ebene das zu erschließende Ereignis inhaltlich festgelegt wird, vgl. die Unterschiede in der Aufhebbarkeit des stereotyp erschlossenen Schreiben-Ereignisses in (9a). Außerdem stellt sich die Frage, ob das implizite Ereignis anaphorisch wieder aufnehmbar ist und wenn ja, durch welche Mittel, vgl. (9b). Daran schließt sich die Frage an, ob diskursstrukturelle Präsenz auf der mentalen Ebene z.B. durch Simulation reflektiert wird.

(9) Der Journalist begann/beendete den Artikel.

(a) Aber er schrieb ihn nicht, sondern las ihn/?zerriss ihn in tausend Stücke.

(b) Das/Es/Das Schreiben dauerte zwei Stunden.

Aus theoretischer Perspektive ist der Fragenkomplex vor allem deshalb zentral, weil hier in unterschiedlichsten Ausprägungen Ansätze wie Unterspezifikation versus Coercion konkurrieren und angebotene Lösungsmodelle wesentliche Konsequenzen für die Gesamtarchitektur der Grammatik und das Verständnis von Kompositionalität haben. Eng verknüpft damit sind Fragen zur Ontologie zeitlich strukturierter Entitäten, etwa zur Differenzierung zwischen Ereignissen im engeren Sinne und Zuständen. Auf die Aktualität der aufgeworfenen Fragen deuten außerdem die in jüngster Zeit aufgenommenen experimentellen Untersuchungen, die die Diskussion zum Status impliziter Ereignisse aufgreifen und auf empirische Evidenz für und gegen die vorgebrachten Vorschläge zielen.

Der Workshop möchte den produktiven Austausch zwischen den verschiedenen Strömungen und Perspektiven fördern und dabei sowohl den Blick auf formal explizite semantisch-pragmatische Modelle als auch auf empirische Arbeiten richten.

Programm

09:30 - 10:10

Sebastian Bücking (Universität Tübingen)

Modifikation durch Frequenzadjektive im Deutschen (Abstract, Handout)

10:10 - 10:50

Regine Brandtner (Universität Stuttgart)

Ereignisse und ihre Resultate – Koprädikation mit deverbalen Nominalisierungen (Abstract, Handout)

10:50 - 11:30Markus Egg (HU Berlin)

Semelfaktive (Abstract, Folien)

12:00 - 12:40Holden Härtl (HU Berlin)

Psychische Verben und implizite Verbkausalität (Abstract, Folien)

12:40 - 13:20Torgrim Solstad (IMS Stuttgart)

Kausaladverbiale und Verbsemantik (Abstract)

15:00 - 15:40Alessandra Zarcone und Sebastian Padó (IMS Stuttgart)

Implicit Events for Event/Entity-Ambiguous Nouns (Abstract, Handout)

15:40 - 16:20Barbara Kaup (Universität Tübingen)

Zur Verarbeitung von Ereignisanaphern (Abstract, Folien)

16:50 - 17:30Berit Gehrke (Universitat Pompeu Fabre, Barcelona)

Ereignisartenreferenz im Zustandspassiv (Abstract, Folien)

17:30 - 18:10Helga Gese (Universität Tübingen)

Implizite Ereignisse beim Zustandspassiv (Abstract, Folien)

Das Programm finden Sie auch hier.