Uni-Tübingen

Ergebnisse der ersten Förderphase 2011-2015

„Für den SFB ist eine Ordnung dann bedroht“, so hatten wir im Erstantrag formuliert, „wenn Akteure zu der Überzeugung gelangen, dass Handlungsoptionen unsicher werden, Verhaltenserwartungen und Routinen in Frage stehen und sie sich jetzt oder in naher Zukunft wahrscheinlich nicht mehr aufeinander verlassen können. Ihnen gelingt es, eine Kommunikation zu etablieren, in der sie eine konkrete Bedrohungsquelle benennen. Diese Kommunikation ist durch starke Emotionen gekennzeichnet (affektiver Zustand), überlagert mindestens teilweise andere Kommunikationsthemen (Bedeutsamkeit) und argumentiert mit dem Faktor Zeit (probabilistic, Unmittelbarkeit).“

Gemäß dieser Definition haben wir uns während der ersten Förderphase auf Akteure und ihre Kommunikation konzentriert. Weil gängige Ordnungsbegriffe mit starken Vorannahmen über den grundlegenden Gegensatz zwischen vormodernen und modernen, europäischen und nichteuropäischen Ordnungen arbeiten und damit unseren leitenden Forschungsinteressen zuwiderlaufen, hatten wir die Arbeit am angestrebten Modell „Bedrohte Ordnungen“ von den Bedrohungen her begonnen. Dementsprechend beruhte die Architektur der ersten Phase auf der Annahme, dass die Lokalisierung der Bedrohung (Herkunft von innen oder von außen) und deren Evidenz (Kommunikationszwang/Kommunikationsetablierung) eine wichtige Rolle für die Typisierung Bedrohter Ordnungen spielen. Daraus ergaben sich die Projektbereiche „Aufruhr“, „Katastrophe“, „Ordnungszersetzung“ und „Ordnungskonkurrenz“. Sie trugen eine forschungspragmatische, auf den Erkenntnisprozess der ersten Förderphase für den SFB im Ganzen gerichtete These in jedes einzelne Teilprojekt hinein und richteten die Diskussionen zwischen den Bearbeiterinnen und Bearbeitern der Teilprojekte auf das Interesse des SFB hin aus, Ordnungen zunächst von den Bedrohungen her genauer zu bestimmen.

Die Verbindung von den Bedrohungen zu den Akteuren und ihrer Kommunikation stellten vier Dimensionen Bedrohter Ordnungen her (Sach-, Zeit-, Sozial- und Gefühlsdimension). Die Entwicklungsdynamiken von Ordnungen unter Bedrohung wurden mithilfe von fünf Leitfragen vergleichend beschreibbar gemacht. Die Fragen richteten sich auf die Identifikation der Bedrohung durch die Akteure, auf das Ende der Bedrohung, zumal durch Rekonfiguration der Ordnung, auf die Definitions- bzw. Handlungsmacht in den betroffenen Ordnungen, auf nichtintendierte Nebenfolgen und Überraschungen bei der Bewältigung sowie auf Verlaufstypen bedrohter Ordnungen.

Im auf diese Weise vorstrukturierten Forschungsprozess der ersten Förderphase konnten wir die unseren SFB fundierende Grundannahme bestätigen, dass unser Gegenstand interdisziplinär und epochenübergreifend bearbeitet werden kann und muss[1]. Mithilfe des leitfragenorientierten Vergleichs konnten wir erste Aussagen über die Entwicklungsdynamiken in bedrohten Ordnungen machen. Durch die Untersuchung von Bedrohungskommunikation[2] haben wir wichtige Ergebnisse zu den Bedingungen erzielt, unter denen Bedrohung für soziale Gruppen und ihre Ordnungen prägend werden kann. Bedrohungen, so können wir am Ende der ersten Förderphase definieren, sind Selbstalarmierungen aus Ordnungen heraus. Damit wird „Bedrohung“ in Bezug auf Ordnung vom Wort zum Begriff. Er bezeichnet zunächst die grundlegende Abhängigkeit der Bedrohung von der Ordnung. Bedrohungen sind ordnungsspezifisch und werden auch ordnungsspezifisch kommuniziert. Der Begriff weist zweitens auf ein Selbst, ein „Wir“ hin, das im Moment der Bedrohung angesprochen wird, was zu Inklusions- und Exklusionsprozessen führt. Ordnung wird im Moment der Bedrohung nicht nur sichtbar. Sie wird auch verändert. Bedrohungen sind also ordnungsverändernd, ja ordnungsprägend. Der Begriff spricht drittens Dramatisierung, zeitliche Verdichtung und emotionale Veränderung als Effekte von Bedrohungen an, die im weiteren Verlauf aufgrund der heraufbeschworenen Komplexitätssteigerung erhebliche nichtintendierte Nebenfolgen zeitigen können. Bedrohung, verstanden als Selbstalarmierung aus Ordnungen heraus, nimmt damit die vier Dimensionen Bedrohter Ordnung auf, die wir zu Beginn der ersten Förderphase umschrieben hatten (Sach-, Zeit-, Sozial- und Gefühlsdimension), und fundiert sie neu.