Uni-Tübingen

E04: Bedrohungskommunikation, Bewältigungspraxis und Finanzmarktspekulation. Wertpapierhaussen, Börsencrashs und Wissenspraktiken (18. – 19. Jh.)

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es in Europa immer wieder Phasen von Hyperspekulation und Börsencrashs. Hierbei kam es jeweils zu umfangreicher sozialer und wirtschaftlicher Bedrohungskommunikation und darauf ausgerichteten Bewältigungshandlungen, denen sich das Teilprojekt E04 in der zweiten Förderperiode zunächst am Beispiel von Paris und London im Jahr 1720 gewidmet hat. In der dritten Förderperiode untersucht das Teilprojekt Börsencrashs der zweiten Hälfte des 18. und des 19. Jahrhunderts. Akteure konnten nun in ihrer Bedrohungskommunikation und dem Bewältigungshandeln auf immer mehr (auch historisches) Wissen zurückgreifen, welches verarbeitet und an andere Beteiligte weitergegeben sowie schließlich angewendet werden konnte. Die übergeordnete Fragestellung des Teilprojekts richtet sich daher in der dritten Förderperiode auf den diachronen, interepochalen und internationalen Vergleich der Sammlung und Generierung von Wissen über Hyperspekulation und Börsenabstürze und die Anwendung dieser Informationen in unterschiedlichen Situationen. Wir interpretieren diese Generierung von Wissen als Form der Bewältigungspraxis unter den Bedingungen Bedrohter Ordnungen. Weil das Teilprojekt Wissenspraktiken im Umfeld periodisch wiederkehrender Bedrohungen und das davon abhängige Handeln in Bedrohungssituationen untersucht, lässt es sich dem Projektbereich E unter Betonung von Diachronien zuordnen. Es ergänzt den SFB insgesamt um eine wissens- und wirtschaftsgeschichtliche Dimension. Der Vergleich von Bedrohungskommunikation, Wissenspraktiken und Bewältigungspraxis im 18. und 19. Jahrhundert vermag zudem überlieferte Epochengrenzen zu hinterfragen, womit das Teilprojekt einen wichtigen Beitrag zu einer der Leitfragen des SFB leistet. 

Für die kommende Phase sind drei Teiluntersuchungen geplant, die jeweils wichtige Bausteine für die übergeordnete Fragestellung liefern. Zwei Studien widmen sich Wissenspraktiken im Umfeld von Spekulationsblasen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine davon widmet sich dem Zusammenbruch des Staatsanleihemarktes 1826, wobei die Ereignisse in Frankfurt im Zentrum stehen; die zweite konzentriert sich auf die Eisenbahnspekulationsblase 1844, bei der Berlin den Mittelpunkt bildet. Die dritte Teiluntersuchung wendet sich dem internationalen und interepochalen Vergleich von Wissenspraktiken in Momenten von Börsenspekulation und -crash zu. Neben den Erkenntnisgewinnen im Hinblick auf die Fragestellungen des SFB tragen die ersten beiden Untersuchungen zum besseren Verständnis der Entstehung deutscher Wertpapiermärkte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu den Grundbedingungen der rasanten Industrialisierung in der zweiten Jahrhunderthälfte bei. Die dritte Untersuchung liefert neben dem Ertrag für den SFB wichtige Differenzierungen und Ergänzungen im Hinblick auf Diskussionen über die kontinuierliche Wiederkehr von Spekulationsblasen bis in die Gegenwart.