Uni-Tübingen

G06: Vergangene Zukunft Bedrohter Ordnungen. Fiktionale und gelebte Visionen alternativer Rasseordnungen in den USA

Das Projekt soll afroamerikanische Visionen alternativer Ordnungen des Rasseverhältnisses in den USA vom Ende des 19. bis zum 20. Jh. in fiktionalen Texten wie auch in Entwürfen für neue Gemeinwesen sammeln und in Hinblick auf ihre Ordnungsvorstellungen untersuchen. Die Ideen zur Neugründung von Gemeinwesen mit eigener Rasseordnung (z.B. Soul City) wie auch die Formen von speculative fiction (Utopien und Dystopien, alternate history, Romanzen, Science Fiction und an¬dere nicht-realistische Formen afroamerikanischen Erzählens) sind zum einen Ausdruck der Frustration über die Widerständigkeit der Rasseordnung und ihre überaus langsame Veränderung, die der Diskriminierung von Afroamerikanern neue Formen gibt, sie aber nicht grundlegend in Frage stellt. Weiterhin zeugen die politischen und fiktionalen Projekte von dem Willen, an alternativen Ordnungsentwürfen festzuhalten und den Widerstand gegen die bestehende Ordnung nicht aufzugeben um sie langfristig zu destabilisie-ren. Am wichtigsten aber dient, drittens, die Frage des „Was-wäre-wenn“ und der Modus des Experimen-tes dem Test von Parametern, von denen Erfolg oder Scheitern von Neuordnungen abhän¬gen können: In Fiktionen wie auch in experimentellen Gemeinwesen werden alternative Ordnungen, Be¬drohte Ordnungen und re-ordering-Prozesse getestet, aus denen relativ gefahrlos gelernt werden kann. Eine immer breitere alphabetisierte und politisierte afroamerikanische Öffentlichkeit übt sich so im soziologisch informierten Widerstand gegen eine als ungerecht empfundene Ordnung. Stadtgründun¬gen und Fiktionen basieren auf den Interpretationen vergangener Erfahrungen mit der Rasseord¬nung und dienen selber wieder ihrer Analyse und Interpretation – sowohl durch die Zeitgenos¬sen als auch durch spätere Interpreten.
Diese Hypothesen zu Funktionen und Wirkungsweisen alternativer Ordnungsentwürfe sollen in zwei aufeinan¬der bezogenen Teiluntersuchungen überprüft werden. Dabei erfordern die literarischen Interpretatio¬nen der wenig bekannten Texte des späten 19. und frühen 20. Jh. ein Wissen um histo-risch-politische Formen des Aktivismus, auf die oftmals verdeckt angespielt wird (der Fachbegriff lautet histotextua¬lity); umgekehrt soll die Deutung und Einordnung der politischen Visionen und Projekte auch fiktio¬nale Entwürfe berücksichtigen, um Traditionslinien vorgestellter und gelebter Utopien alternativer Rasseordnun¬gen offen zu legen. Die Untersuchung wird so einen Beitrag zur Bedeutung imaginierter Ordnun¬gen für das re-ordering leisten: Die Imagination alternativer Ordnungen, so unsere These, ist eine der Voraussetzungen für ein kreatives re-ordering. Das Projekt ist im Bereich der Reflexion angesie-delt und behandelt die Interdependenz von Ordnungen diachron in Vergangenheit und Zukunft.