Uni-Tübingen

B5: Narrative (Selbst-) Reflexion in den Isländersagas

Auch wenn sich die Isländersagas kaum explizit zu kunsttheoretischen Fragen äußern, lassen kurze Bemerkungen der Erzählstimme das Bewusstsein von Literarizität erkennen sowie das Bestreben, bestimmte Erwartungen des Publikums zu erfüllen. Das Teilprojekt B5 untersucht diese Erzählerbemerkungen als potentielle Manifestationen ästhetischer Reflexion. Es geht von der These aus, dass sie Aufschluss über die Literarisierungsstrategien der ca. 40 anonym überlieferten Texte geben.

Die Erzählerbemerkungen werden hier erstmals gesammelt, systematisiert, kontextualisiert und im Hinblick auf die narrative (Selbst-)Reflexion in den Isländersagas ausgewertet. Insbesondere gilt es dabei auf der Basis des praxeologischen Modells zu fragen, inwieweit diese Bemerkungen die Relation zwischen narrativer Poetik und gesellschaftlicher Funktion der Sagas reflektieren.

Das Teilprojekt trägt zum Entwurf einer ‚anderen‘ vormodernen Ästhetik bei, indem es spezifische Möglichkeiten ästhetischer Reflexion in volkssprachiger mittelalterlicher Literatur erschließt und auswertet. Es ist innerhalb des Projektbereichs B „Manifestationen“ angesiedelt, da es in ihm um das Aufspüren von Reflexionsfiguren in kleinsten Einheiten geht.


Bildbeschreibungen

Mit seiner Zeichnung „Snorre dikterer“ (ca. 1899) hält der norwegische Künstler Christian Krohg (1852-1925) fest, wie Snorri Sturluson (1179-1241) Texte diktiert haben könnte. Nicht zuletzt auf Grund Snorris umstrittener Autor­schaft an den ihm zuge­schrie­benen Werken soll diese Illustration hier in einem weiter­gefassten Sinn gesehen werden: Der Erzähler einer Saga ist bzw. beansprucht nicht immer die alleinige Autorität über den Text. Die scheinbare Neutralität des Erzählers wird wiederholt von Kommentaren durchbrochen, die auf extranarrative Quellen hinweisen.

Gleich zu Beginn der altisländischen ‚Landnámabók‘ (‚Besiedlungsbuch Islands‘; frühes 12. Jh.) werden die verwirrenden Ähnlichkeiten der Inseln Thule und Island diskutiert. Auf Grund der Übereinstimmungen urteilt die ‚Landnámabók‘: „Til þess ætla vitrir menn það haft, at Ísland sé Thile kallat ...“ (ÍF 1, 1986, 31; ‚Deshalb nehmen weise Leute an, dass Island Thile genannt werde ...‘). Vergleichbar mit den ‚Íslendingasögur‘, tritt auch hier der Erzähler nicht als Autorität auf, sondern beruft sich in seinem Text auf die Meinung anonymer, weiser Leute.


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