Prof. Dr. Wiltrud Mihatsch

Forschung

Forschungsschwerpunkte


Im Zentrum meiner Forschungsinteressen steht die Frage nach der Interaktion von kognitiven, kommunikativen, semantischen und morphosyntaktischen Aspekten im Zuge von Bedeutungs- bzw. Funktionswandel, besonders Grammatikalisierung und Pragmatikalisierung, aber auch Lexikalisierung. Mein theoretischer Schwerpunkt liegt dabei auf funktionalen Ansätzen, insbesondere auf Modellen, die in der Grammatikalisierungsforschung und in der Sprachtypologie entwickelt wurden – und auf der romanistischen Tradition, die die synchronische, diachronische und romanistisch-komparative Perspektive kombiniert.

Besonders interessieren mich schwach grammatikalisierte bzw. pragmatikalisierte Ausdrücke, besonders die Frage nach den Übergängen zwischen Lexikon und Grammatik.

Ich beschäftige mich derzeit mit folgenden Phänomenbereichen:

1) Substantive auf dem Weg der Pronominalisierung

Ein wichtiger Schwerpunkt sind Substantive und Nominalphrasen, die sich auf dem Weg der Pronominalisierung befinden. Arbeiten zu menschlichen Substantiven entstanden dabei im Rahmen des Netzwerks Nhuma : linguistique des noms d’humains (2011-2019, https://nomsdhumains.weebly.com/), das aus einer Kooperation im Rahmen eines von Catherine Schnedecker (Straßburg) und mir geleiteten PROCOPE (DAAD/EGIDE)-Projekts „Les noms d’entités humaines entre lexique et grammaire” 2011 und 2012 hervorging. Im Zentrum meiner Untersuchungen stehen Substantive romanischer Sprachen auf einem hohen Generalisierungsgrad (äquivalente Substantive zu Mensch, Leute, Personen), die sich in einer Grauzone zwischen Lexikon und Grammatik befinden und in manchen Fällen partiell pronominalisiert sind. Dieser Arbeitsbereich ist auch Gegenstand meiner Kooperation mit Eduardo Amaral (UFMG Belo Horizonte), insbesondere zu Substantiven, die im aktuellen Portugiesischen Ausgangspunkt für neue unpersönliche Pronomina sind (z.B. a / uma pessoa, as pessoas, o povo).

2) Abschwächung - und Intensivierung

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt beschäftigt sich mit semantischen Approximationsverfahren in romanischen Sprachen (insbesondere frz. comme, espèce de, genre, it. come, specie di, tipo, port. como, espécie de, tipo, span. como, especie de, tipo), sowie den Übergängen zwischen Approximation und pragmatischer Abschwächung und weiteren pragmatischen Funktionen. Während Approximationsmarker wahrheitsfunktional sind, erzeugen sie in zahlreichen Kontexten rein pragmatische Effekte, vor allem illokutionäre Abschwächung, die dann konventionalisiert werden kann (der bekannteste Fall ist engl. like). Überhaupt sind viele Approximationsverfahren Ausgangspunkt für eine ganze Reihe pragmatischer Funktionen wie Fokusmarker, Quotativmarker, Verzögerungssignale und Gliederungssignale. Im aktuellen SFB-Projekt B3 gehe ich mit Inga Hennecke der Frage nach, welche Rolle Abschwächungsverfahren für das Common-ground management übernehmen. Die Analyse diskursive Aspekte steht im Mittelpunkt meiner Kooperation mit Kollegen und Kolleginnen aus Valencia, insbesondere Marta Albelda, und Buenos Aires mit Guiomar Ciapuscio.
Daneben analysiere ich derzeit, besonders mit Laure Gardelle (Grenoble) sozusagen das Gegenstück, aus Binominalkonstruktionen entstehende Intensivierungsverfahren.

3) Numerusmarkierung 

Im Rahmen des von Sarah Dessì Schmid und mir geleiteten Projekts C7: Verbal and Nominal Aspectuality between Lexicon and Grammar (http://www.uni-tuebingen.de/de/92270) des SFB 833 arbeitete ich gemeinsam mit Désirée Kleineberg zur Interaktion zwischen Nominalsemantik und Morphosyntax im Bereich der Numerusmarkierung. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der vergleichenden und diachronen Untersuchung von sogenannten object mass nouns (Kleidung, Kleider, Geschirr) in romanischen Sprachen, Substantiven, die sich im Spannungsfeld zwischen semantischen Eigenschaften von Massennomina und ihrer Referenz auf Individuen befinden (Pluralia tantum oder Singularia tantum). Singularia tantum stehen auch im Fokus meiner aktuellen Projektkooperation mit Peter Lauwers. Im Zusammenhang mit Numerus interessieren mich außerdem Kollektiva sowie, aus typologischer Sicht, die Interaktion zwischen Numerusmarkierung und lexikalischem Bedeutungswandel.

Forschungsprojekte

 
  • SFB 1718 Common Ground, Projekt B3: Die Rolle von spanischen Mitigatoren in non-default Common-Ground-Updates (seit Oktober 2025)

    Wiltrud Mihatsch (PI), Inga Hennecke (PI), Patricia Dasí (Doktorandin), Valentín Torres (Doktorand).
    https://uni-tuebingen.de/de/283260

Projekt B3 untersucht im SFB Common Ground die Rolle spanischer Mitigatoren bei non-default Common-Ground-Updates. Der Fokus des Projekts liegt auf der Ausarbeitung einer differenzierten Taxonomie von non-default CG-Updates, die mit dem Gebrauch von Mitigationsverfahren einhergehen, sowie die systematische Charakterisierung ihrer Eigenschaften in unterschiedlichen kommunikativen und diskursiven Kontexten des argentinischen und europäischen Spanisch.

Mitigation kann inferentiell über Implikaturen realisiert werden, ebenso ebenso wie durch stark konventionalisierte Marker wie tipo, como (que) und digamos. Mitigatoren dienen dazu, das Sprecher-commitment abzuschwächen bzw. zu reduzieren, und treten häufig in Kontexten epistemischer Asymmetrien, sozialer Hierarchien, kontroverser Themen oder potenziell gesichtsbedrohender Inhalte auf. Das Projekt analysiert, inwiefern solche Mittel die Aktualisierung des propositionalen Gehalts im CG modulieren und ob sie selbst Bestandteil des repräsentierten CG-Inhalts werden.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Unterschieden zwischen stärker und schwächer konventionalisierten Mitigatoren im Hinblick auf ihren at-issueness-Status, ihre syntaktische Position sowie ihre morphosyntaktischen, prosodischen und phonologischen Profile. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei prosodischen und akustischen Parametern und deren Zusammenhang mit not-at-issue-Status und Update-Typ.

Methodisch kombiniert das Projekt qualitative und quantitative Korpusanalysen mit korpusbasierten prosodischen Untersuchungen sowie Akzeptabilitätsurteilen und Textevaluations¬experimenten.

Ziel ist es, systematisch zu bestimmen, in welcher Weise Mitigation non-default CG-Updates unterstützt und welche Implikationen sich daraus für theoretische Modelle des Common-Ground-Managements ergeben.
   

  • Platzhalterausdrücke in asiatischen und europäischen Sprachen (seit 2024)

    Wiltrud Mihatsch, Inga Hennecke (Universität Tübingen) und Tohru Seraku (Hankuk University of Foreign Studies, Südkorea)

Im spontanen Sprachgebrauch verwenden Sprecher sogenannte „Platzhalter“, insbesondere wenn sie Schwierigkeiten haben, bestimmte Lexeme oder andere Ausdrücke zu aktivieren. Beispiele für europäische Platzhalter sind das französische truc, machin, bidule und chose, das italienische coso und come si chiama, das portugiesische coisa und coiso, das spanische chisme, cacharro, cosa und in einigen Dialekten coso, das deutsche Dings, Dingsbums sowie das englische thing, thingy und whatchamacallit. Die meisten romanischen und germanischen Platzhalter scheinen auf Substantiven zu basieren, während sprachübergreifend Platzhalter häufig von Pronomina abstammen, insbesondere von Demonstrativ- und Interrogativpronomina, wie in zahlreichen asiatischen Sprachen. Dies ist der Fall beim auf Demonstrativpronomina basierenden japanischen Platzhalter are und Koreanisch ku und ce und den auf Interrogativpronomina beruhenden Platzhaltern japanisch nani, koreanisch mwe und mandarin-chinesisch shenme.

Im Gegensatz zu Lexemen kodieren viele Platzhalter keinen semantischen Gehalt, der direkt zur Proposition beiträgt. Vielmehr dienen sie als Ersatz für Zielwörter oder -phrasen, die der Sprecher oder die Sprecherin aus verschiedenen Gründen nicht produzieren kann oder will. Platzhalter kommen typischerweise in der gesprochenen Umgangssprache vor, und ihre kommunikativen Funktionen ähneln denen von pragmatischen Markern oder Diskursmarkern, während ihre Eigenschaft, Lexeme zu ersetzen, der bestimmter Pronomina und Pro-Form-Ausdrücke ähnelt.

Bis vor kurzem beschränkte sich die Forschung zu Platzhaltern auf wenige, isolierte Veröffentlichungen, in denen Platzhalter in der Regel nicht im Mittelpunkt standen. Dies änderte sich mit der Veröffentlichung von Amiridze, Davis und Maclagan (2010), die verschiedene Forschungsstränge zu Platzhaltern und Verzögerungsmarker aus einer sprachübergreifenden Perspektive zusammenführte. Das Interesse an diesem Thema hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen, insbesondere in Asien und Europa, wobei eine Reihe von Studien detaillierte syntaktische, semantische, pragmatische und prosodische Analysen lieferten. Ein jüngster Meilenstein ist der 2025 erschienene Band Fillers: Hesitatives and Placeholders, herausgegeben von Françoise Rose und Brigitte Pakendorf.

Im Oktober 2024 veranstalteten Wiltrud Mihatsch und Inga Hennecke eine von der DFG geförderte Konferenz, die sich speziell mit Platzhaltern befasste und den Titel „Placeholders in East and West“ trug. Gemeinsam mit Tohru Seraku bereiten wir derzeit einen sprachübergreifenden Sammelband zu Platzhaltern vor, die auf ausgewählten Vorträgen unseres Workshops sowie ergänzenden Beiträgen basiert:

   (in Vorbereitung) Placeholders – exploring uncharted territories. Erscheint bei De Gruyter (Trends in Linguistics).

Außerdem bereiten wir eine Sonderausgabe zum Thema Noun-based placeholders in French vor, die zur Veröffentlichung im Journal of French Language Studies angenommen wurde.
Neben verschiedenen Artikeln zu Platzhaltern bereiten wir außerdem zwei Monografien vor, unseres Wissens die ersten Monografien zu Platzhaltern überhaupt. Tohru Seraku arbeitet derzeit an einer Monografie mit einer ausgeprägten sprachübergreifenden Perspektive:

   Seraku, Tohru (in Vorbereitung). Placeholders in Natural Language: The Art of Substitution and Beyond
   Cambridge: Cambridge University Press.

Wiltrud Mihatsch arbeitet an einem Konzept für eine Monografie über Platzhalter in den romanischen Sprachen.

Darüber hinaus haben wir nun damit begonnen, die Ergebnisse unserer typologischen Umfrage zu Platzhaltern in Europa und Asien auszuwerten. Wir möchten uns bei allen unseren Kollegen und Kolleginnen bedanken, die zu unserer Umfrage beigetragen haben! Wir werden Sie und euch über die Ergebnisse auf dem Laufenden halten.
Falls Sie noch teilnehmen möchten (jede Sprache ist willkommen!), finden Sie hier den Link zu unserer Umfrage:
https://docs.google.com/forms/d/14HBDVK7hjdxxSJe33wJzFqoYAczyB4DZ1pPb3tP7P8Y/edit?ts=68ca9269

Wir werden erste Ergebnisse unserer Umfrage in einem gemeinsamen Vortrag zum Thema “Placeholders as function words: Typological evidence from Asian and European languages” auf der ALT 2026 (der 16. Internationalen Konferenz der Association for Linguistic Typology) in Lyon vom 1. bis 3. Juli 2026 vorstellen.
 

  • Projektmitarbeit und gemeinsame Promotionsbetreuung im Rahmen des Projektes „Compacting the residue in the Mass/Count domain: on 'singular' singularia tantum in French and Dutch” (FWO-onderzoeksproject G091726N, FWO PRJ Senior 2026) (seit Januar 2026)

    PI: Peter Lauwers, Universität Gent (https://research.flw.ugent.be/en/peter.lauwers)