Uni-Tübingen

Sara Sophie Stern

Wissenschaftliche Mitarbeiterin (Doktorandin)

Teilprojekt A03: Aufruhr in Montanregionen im 20. Jahrhundert

Beruflicher Werdegang

Forschungsschwerpunkte

Dissertationsprojekt im Rahmen des SFB 923

Thema: Aufruhr (in) der Montanregion. Das Ruhrgebiet 1920 und 1923

Abstract: Friedrich Schiller konstatierte einmal: "Hart im Raume stoßen sich die Gegensätze". Diese Tatsache gilt besonders für Montanregionen. Sie sind monostrukturell an Kohle, Eisen und Stahl gebunden. Diese Strukturmerkmale erzeugen Konjunkturen und Krisen, und sie schaffen die Bedingungen für das Leben der gesamten Bevölkerung. Die Regionalkultur von Montanregionen funktioniert nach besonderen Regeln und ist durch spezifische Machtstrukturen gekennzeichnet. Besonders konfliktreiche Formen sozialer Beziehungen bestimmen die Ordnung in der Montanregion. Protest und Streik können hier ordnungskonstitutiv wirken. Wachstums und Rezessionsphasen, Bevölkerungsentwicklung und soziale Notlagen schaffen eine Gesamtsituation, in der der soziale Wandel "normal" zu sein scheint. Nicht jeder Streik oder regionalkulturell induzierte Kampf um Infrastruktur oder Lebenswelt gefährdet daher die Ordnung in Montanregionen.

Gleichwohl gibt es Formen des Aufbegehrens, die das labile Gleichgewicht der regionalen Ordnung bedrohen. Zu einer solchen Bedrohung der Ordnung kommt es dann, wenn die Kämpfe um lokale Arbeitsverhältnisse von überregionalen und/oder transnationalen Gegebenheiten bestimmt werden. Den regionalen Auseinandersetzungen kommt dann eine Stellvertreterrolle zu, durch die die völlige Umwälzung der sozialen Beziehungen provoziert wird.

Eine solche Rolle spielte das Ruhrgebiet in den frühen Jahren der Weimarer Republik. Zu Beginn der 1920er Jahre wurde das Ruhrgebiet zum Brennpunkt verschiedener Konfliktsituationen, die eine wechselseitige Dynamik von Identitätszuschreibung von innen und Identitätsbehauptung von außen hervorriefen. Die nachrevolutionären Wirren mündeten im Frühjahr 1920 im bewaffneten Aufstand der Roten Ruhr Armee. Der vom Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund ausgerufene Generalstreik als Reaktion auf den Kapp-Putsch eskalierte im Ruhrgebiet zu einem erbitterten und blutigen Kampf der Arbeiter gegen den (sich erneuernden) Militarismus. Außerdem führten die Arbeiter einen Abwehrkampf gegen die restaurative Politik ihrer Arbeitgeber, die bei jeder Gelegenheit versuchten, die arbeitsrechtlichen Errungenschaften der Kriegsjahre und der nachfolgenden Revolution rückgängig zu machen. In den rund zwei Monate andauernden Kämpfen gelang es der Roten Ruhr Armee zeitweise beinahe das gesamte Ruhrgebiet zu kontrollieren. Schließlich wurde der Aufstand aber einerseits durch Verhandlungen, andererseits durch den massiven und brutalen Einsatz von Freikorpstruppen beendet.

Eine weitere Eskalation der sozialen Kämpfe um Arbeits- und Lebensbedingungen und das politische Selbstverständnis der Industriearbeiterschaft wurde wiederum durch Ereignisse außerhalb der Region verschärft. Am 10. Januar 1923 marschierten französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein. Ausstehende Reparationsleistungen sollten so eingefordert und der Abtransport von Ruhrkohle sichergestellt werden. In der Ablehnung der fremden Besatzung waren sich die Parteien und Organisationen, die sich kurz zuvor noch im Bürgerkrieg gegeneinander befunden hatten, überraschend einig. Dennoch waren die Unterschichten der Region mehr denn je gezwungen für bessere Lebensbedingungen zu kämpfen, da der durch die Reichsregierung finanzierte passive Widerstand verbunden mit dem Wegfall der Industrieproduktion des Ruhrgebiets zu rasanter Inflation, Erwerbslosigkeit und Hungerwellen führte.

Diese spezifische Mischung aus Nationalismus, sozialem Protest und industrieller bzw. präfaschistischer Militanz bedrohte die Ordnung Montanregion im Ruhrgebiet massiv.

Ein asymmetrischer Vergleich der Entwicklung in ausgewählten britischen Regionen bis hin zum Generalstreik von 1926 als Folge der Reprivatisierung der im Krieg verstaatlichten Zechen soll zur Überprüfung der im Ruhrgebiet gemachten Beobachtungen dienen. Auch hier gingen die Wirren der Nachkriegsjahre einher mit dem Versuch einer infrastrukturellen Integration von Montanregionen auf der einen Seite und einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite. Vor allem die Bergarbeiter mussten 1921 und 1926 massive Lohnkürzungen in Kauf nehmen. Ähnlich wie im Ruhrgebiet gingen die Unternehmer 1926 schließlich als Sieger aus den seit 1920 andauernden Kämpfen um Lohnkürzungen und längere Arbeitszeiten hervor. Allerdings war in Großbritannien die Gemengelange aus Nationalismus, internationalen Konfliktlagen, sozialem Protest und industrieller bzw. präfaschistischer Militanz weit weniger brisant als im Ruhrgebiet. Obwohl sich auch hier regionale, nationale und internationale Konflikte überlagerten und die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Spannungen verschärften.

Die Fragestellung des Dissertationsprojekts lautet also: Wie zeigt sich die Bedrohung der Ordnung Montanregion in besonders zugespitzten Aufruhrsituationen und wie kann aus einer derart multiplen Bedrohungssituation ein gesteigertes Regionalbewusstsein entstehen?

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