Center for Interdisciplinary and Intercultural Studies

6. Interkulturelles Interdisziplinäres Kolloquium

Vom 11. bis 13. Januar 2017 organisiert polylog in Freiburg im Breisgau in Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschule Freiburg und dem Forum Scientiarum der Universität Tübingen sein 6. Interkulturelles Interdisziplinäres Kolloquium zum Thema:

Flucht und Migration

Interkulturell philosophische Perspektiven

Das Thema Flucht ist zu einer zentralen Herausforderung in Europa geworden. Aktuell flüchten nach UNCHR-Angaben weltweit über 64 Millionen Menschen. Obwohl von diesen nur einige wenige Millionen nach Europa kommen, ist die gesellschaftliche und politische Diskussion zum Thema Flüchtlinge in westlichen Ländern extrem polarisiert: Völkerrechtlich bindende Verträge wie die Genfer Flüchtlingskonvention verpflichten zum Flüchtlingsschutz. Aber während einerseits Teile der Politik und der Zivilgesellschaft die Aufnahme der Flüchtlinge unterstützen, stellen dies andere als Überforderung und Gefahr dar. Rechtsextreme Bewegungen bedrohen und attackieren Flüchtlinge und die sie unterstützenden Zivilpersonen. In allen europäischen Ländern werden völkische, nationalkonservative und rechtsextreme Diskurse und Bewegungen stärker.

Viele Länder nehmen gar keine Flüchtlinge auf und haben Grenzzäune errichtet oder strenge Kontrollen durchgeführt. An den geschlossenen Grenzen Europas entstehen Lager, wo Menschen unter oft unwürdigen Bedingungen einer ungewissen Zukunft harren. In den meisten Ländern wird das Asylrecht verschärft. Damit werden auch politische und rechtliche Voraussetzungen zur schnelleren Abschiebung von abgelehnten Asylsuchenden geschaffen.

Diese Situation verlangt in interkultureller wie philosophischer Hinsicht differenzierte und engagierte Diskussionen auf verschiedenen Ebenen. Je nach Blickwinkel stellen sich unterschiedliche Fragen:

Welches sind die ethischen Grundlagen des Flüchtlingsschutzes? Asyl ist ein Menschenrecht, doch die diesbezügliche Gesetzgebung und Vereinbarungen, wie etwa aktuell die Übereinkunft der EU mit der Türkei, genügen häufig menschenrechtlichen Standards nicht. Es entstehen Situationen, wie zum Beispiel bei Abschiebungen, in denen nach geltendem Recht formal korrekt verfahren wird, aber Menschen in eine humanitäre Katastrophensituation geraten.

Wie artikuliert sich philosophisches Denken aus der Perspektive von Geflüchteten? Für die Frage der Gegensätze zwischen menschenrechtlichen Normen und formalen Rechten wird u.a. das Konzept des homo sacer des italienischen Philosophen Giorgio Agamben herangezogen. In einigen Texten bezeichnet Agamben irreguläre Flüchtlinge als moderne Prototypen des ausgeschlossenen Lebens. Agamben und andere AutorInnen betonen den Aspekt der völligen Rechtlosigkeit der Flüchtlinge vor allem an den Grenzräumen.

Wie können Grenzen hinterfragt werden? Wie legitimiert? Teile der Flüchtlingsforschung und zivilgesellschaftliche Gruppen argumentieren dafür, dass der Flüchtlingsbegriff erweitert werden müsste. Sie argumentieren, dass auch extreme Armut oder Perspektivlosigkeit einer Verfolgung gleichkommt. Es ist jedoch auch zu fragen, ob bei den aktuellen Fluchtbewegungen nicht eher die Legitimität von Grenzschutz und Grenzen generell zur Debatte stehen sollte. Seit den 1990er Jahren gibt es aus dem nordamerikanischen Liberalismus stammende und um demokratietheoretische Aspekte ergänzte philosophische Kontroversen zum Recht auf Immigration und gegen geschlossene Grenzen oder zumindest gegen einen gewaltsamen Schutz von Grenzen.

Wie ist globale Gerechtigkeit möglich? Argumentationen in einer sozial-liberalen Tradition stellen vor allem Gleichheit und Gerechtigkeit in den Fokus. Sie betonen massive globale Unterschiede und die Verpflichtung, Ungleichheiten zu reduzieren, beispielsweise durch großzügige Immigrationsregeln. Wenn globale Gerechtigkeit ein Minimum an Wohlergehen oder Wohlstand für alle darstellt, dann kann für Migration argumentiert werden, wenn diese globale Ungerechtigkeit verbessert.

Wie viel Partizipation ist sinnvoll? Demokratietheoretische Überlegungen stoßen mit Blick auf das Innere der Länder an Grenzen, wenn sich beispielsweise Stadtteilinitiativen gegen Flüchtlingsunterkünfte wehren und Mitbestimmung fordern. Während aus demokratischer Perspektive die Mitsprache der Mehrheitsbevölkerung an der Verteilung der Flüchtlinge berechtigt ist, erscheinen diese aus einer Perspektive globaler Gleichheit problematisch.

Gibt es nicht-westliche philosophische Ansätze zu Flucht und Migration? Aktuell werden in Europa überwiegend europäische und angloamerikanische Theorien rezipiert. Ansätze aus anderen Teilen der Welt und vor allem aus dem globalen Süden sind kaum bekannt. Auch stützen sich bestehende Argumentationen in Europa kaum auf Traditionen nicht-westlicher Philosophien.

Das Kolloquium versucht, Raum zu schaffen, um die philosophischen Dimensionen von Flucht und Migration in interkultureller Orientierung zu diskutieren:

Weitere Themen sind möglich.

Sprachen:
Deutsch und Englisch (es erfolgt keine Übersetzung)

Referate:
30 Minuten (plus 30 Minuten Diskussion)

Teilnahme:
Die Teilnahme ist frei; allerdings wird die Zahl der Vorträge beschränkt sein, um genügend Zeit für lebendige themenzentrierte Diskussionen zu haben. Alle Vortragenden werden gebeten, an der gesamten Dauer des Kolloquiums teilzunehmen.
Einladungsschreiben können nur für registrierte Vortragende ausgestellt werden.

Veranstaltungsort:
Katholische Hochschule Freiburg
Karlstr. 63, 79104 Freiburg, Deutschland

Termine:
5. August 2016: Einreichschluss für Themenvorschläge
20. August 2016: Benachrichtigung über die Annahme des Beitrages
11.–13. Januar 2017: Kolloquium in Freiburg

Leider können wir keine Zuschüsse zu Reisekosten und Unterkunft anbieten.

Organisatoren:
Nausikaa Schirilla (Freiburg), Bertold Bernreuter (Mexiko-Stadt) und Britta Saal (Wuppertal)

Kontakt:
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
Soziale Arbeit, Migration und Interkulturelle Kompetenz
Katholische Hochschule Freiburg
Karlstr. 63
D-79104 Freiburg
Tel.: +49 761 200-1518
Fax: +49 761 200-1496
E-Mail: colloquium2017spam prevention@polylog.org