Abteilung für Religionswissenschaft

Foto von der Amesbury Methodist Church. Vor dem Eingang steht ein Schild mit der Aufschrift: "Free trips to heaven. Details inside."
Amesbury Methodist Church

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Religionswissenschaft beschäftigt sich wertneutral und bekenntnisunabhängig mit religiösen Traditionen und ihren Selbst- und Fremdbeschreibungen in Geschichte und Gegenwart. Sie untersucht religiöse Deutungen und Wahrnehmungen der Welt, religiöse Formen miteinander zu kommunizieren und Bedeutung herzustellen, religiöse Handlungsweisen im Alltag und in außeralltäglichen Situationen wie Ritualen. Sie analysiert Diskurse darüber, was Religion ist und ob Religion etwas anderes ist als Spiritualität, Säkularität, Ideologie oder Wissenschaft.

Religionswissenschaft nimmt dabei eine methodologische Außen- oder Metaperspektive ein: Sie fragt nicht nach der Wahrheit religiöser Äußerungen und ist im Grundsatz weder religionskritisch noch religionsaffirmativ (d. h. Religion positiv bestätigend). Ihr Gegenstand ist nicht Gott, das Heilige oder Übernatürliches – ihr Gegenstand sind menschliche Äußerungen, Handlungen und Wahrnehmungsweisen, die sich mit Hilfe von kulturwissenschaftlichen, sozialempirischen und historisch-philologischen Methoden untersuchen lassen.

 

Aktuelles und Termine


Burkhard Gladigow (8.11.1939 – 16.12.22)

Nachruf der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft

Im Folgenden veröffentlichen wir den Nachruf der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft (DVRW) für Professor Dr. Burkhard Gladigow, der in den Jahren 1979 – 2005 Professor für Allgemeine Religionswissenschaft an der ehemaligen Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen war. 

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"Am 16. Dezember 2022 verstarb einer der Großen der universitären Religionswissenschaft, Burkhard Gladigow. Seine wegweisenden Ideen zur Professionalisierung und ihre nachhaltige Umsetzung machten aus einem Fach der Liebhabenden und Übersetzenden Heiliger Texte eine Kulturwissenschaft. Er kam selbst aus der Philologie, der Gräzistik und wurde blutjung mit 23 Jahren promoviert bei Hildebrecht Hommel und dem damals begehrtesten Klassischen Philologen Wolfgang Schadewaldt. Aber sein Ziel, das er gemeinsam mit dem anderen Dioskuren, Hubert Cancik (und Hildegard Cancik-Lindemaier nicht zu vergessen) verfolgte, war eine Religionswissenschaft, die nicht mehr die Diskussion abwehrte, weil Religion ein Gegenstand sui generis sei, sondern bewusst öffnete zur gemeinsamen Arbeit an Problemen der Gesellschaft im Gespräch mit anderen Kultur- und Humanwissenschaften. Die erste Institutionalisierung waren die Ringvorlesungen für Hörerinnen und Hörer aller Fakultäten; von den zehn wurden acht auch publiziert. Themen waren etwa: Rausch, Ekstase, Mystik. Grenzformen religiöser Erfahrung (1978) oder »Vor Gott sind alle gleich«. Soziale Gleichheit, soziale Ungleichheit und die Religionen« (1983). Dazu kam die Beteiligung an anderen interdisziplinären Unternehmen wie der Band zur Apokalyptik (Hellholm 1983) oder Der Untergang von Religionen (Zinser 1986). Eine andere Reihe Forum Religionswissenschaft erprobte die Disziplin innerhalb der Kulturwissenschaften. Hans Kippenberg wurde ein wichtiger Gesprächspartner. Mittlerweile war die Sezession aus der Philologie in ein eigenes Fach Religionswissenschaft in der Universität erfolgt (Ordinarius wurde Gladigow 1992), in Zusammenarbeit mit der Indologie, die sich mit Heinrich von Stietencron ebenfalls mit religionswissenschaftlichen Themen befasste. Die Tübinger Kombination vereinigte so die klassische Tradition des Fachs mit einem neuen Zugang, hinein in die kulturwissenschaft-liche Fakultät. Dazu kam als Kollege der Religionssoziologe Günter Kehrer. In der Selbstverwaltung der Universität diente Gladigow auch als Konrektor.

Die nächsten großen Schritte hin zur Professionalisierung einer eigenen Disziplin waren die Gründung der Zeitschrift für Religionswissenschaft, Band 1 (1993) und, ganz besonders, Gladigows Beitrag zur Etablierung einer fachspezifischen Begrifflichkeit, im Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe (5 Bände, 1988-2001), das ohne essentialistische Definitionen davon auskommt, was religiös, was nicht-religiös in einer spezifischen Kultur sei. Für den Nachdruck 2022 haben die Canciks das Ziel der Entwicklung einer wissenschaftlichen Metasprache erläutert, die nicht mehr christliche Begriffe als Messlatte für andere Religionen verwendet. Im ersten Band ist eine Ausdifferenzierung des Faches eröffnet und der legendäre Artikel von Gladigow riss Zäune zwischen Gärten ein, die Disziplinen gerne als die ihren reklamieren, in dem andere nicht wildern dürfen: "Gegenstände und wissenschaftlicher Kontext von Religionswissenschaft" (1988). Als seine Schüler komplementär zu den "Grundbegriffen" im Metzler Lexikon Religion (4 Bände, 1999-2002, englisch 2006) Gegenwart, Alltag, Medien in einem religionswissenschaftlichen Lexikon beschrieben, steuerte er Artikel bei zu dem angeblichen Gegensatz von Naturwissenschaften und Religion oder den Oberbegriff "Sinn".

Gladigow eröffnete neue Felder mit Konzepten für die religionswissenschaftlichen Perspektiven auf Bildwissenschaft/ Ikonologie und die Medienwissenschaft; auch die Vision, dass Religionswissenschaft und Kognitionswissenschaft voneinander lernen können; oder eine Religionsästhetik, eine Religionsökonomie, ja, eine Religionspharmakologie sinnvolle akademische Unternehmungen seien. Ein großer Wurf war auch das Konzept einer Europäische Religionsgeschichte, die nicht mehr auf christliche Kirchengeschichte eingegrenzt ist. Mehr als Ideen, haben diese Konzepte vielmehr die Ausdifferenzierung der deutschen Religionswissenschaft vorangetrieben und sowohl theoretisch als auch methodologisch grundgelegt.

Auch standortübergreifend setzte sich Gladigow für die Unabhängigkeit des Faches ein und wurde so 1997 zum Vorsitzenden der Fachvertretung gewählt. Im Vorstand der DVRW setzte er sich mit seinem Nachfolger Hubert Seiwert ein für die Umbenennung der wissenschaftlichen Standesvertretung der Deutschen Vereinigung für Religionswissenschaft anstelle des traditionellen Begriffs Religionsgeschichte (als Teil der International Association for the History of Religions IAHR). Denn neben der 'Geschichte' bzw. den Area-Studies für die 'fremden' Religionen umfasst das Fach die Religionssoziologie, die Erforschung der Gegenwartsreligionen, die Europäische Religionsgeschichte, die Religionsästhetik, die Religionstheorie u.a.

Gladigows Verdienste als Vorsitzender wurden gewürdigt mit der Ehrenmitgliedschaft der DVRW. Seine Konzepte wurde in einem Sammelband von Kolleg*innen und Schüler*innen – gewissermaßen die Tübinger Schule der Religionswissenschaft – erprobt und weiterent-wickelt, zuletzt in einem Band, der eine Art Motto Gladigows zur Überschrift gewählt hat: Religion in der Kultur – Kultur in der Religion. Burkhard Gladigows Beitrag zum Paradigmenwechsel (Auffarth, Grieser, Koch 2021 bei Tübingen University Press erschienen). Dort ist auch eine Gesamtbibliographie seiner Schriften enthalten. Mit seinen Aufsätzen hat Gladigow die Maßstäbe gesetzt für die (distanziert-kritische) Religionswissenschaft. Die Religionswissenschaft heute steht wesentlich auf den Schultern des Riesen, des einen der Dioskuren, der systematischen Ordnung der Disziplin durch Burkhard Gladigow.

Als Lehrer war Gladigow nicht nur Vermittler von Wissen und Wissenshorizonten; er hat vor allem gelehrt, was mit solchem Wissen anzufangen sei, wenn es zu interessanten und neuen Frage- und Problemstellungen (im Weberschen Sinne) führt. Für seine Doktorand*innen nahm er sich immer Zeit, ließ sich auf die vorgetragenen Ideen ein, orientierte sie in größere Zusammenhänge, eröffnend, großzügig, niemals limitierend. Bei allem Selbst-bewusstsein war er immer unterstützend und blieb humorvoll distanziert, auch zu sich selbst. Auch darin eine Größe."

Verfasst von Prof. Dr. Christoph Auffarth, Uni Bremen, und Dr. Alexandra Grieser, Universität Dublin (21.12.22)