Religionspädagogik

Die aktuelle Ausgabe

Der Titel dieser Ausgabe – Kultur berührt Religion – eröffnet nicht nur in der Lesart von links nach rechts gelesen, sondern auch von rechts nach links – Religion berührt Kultur – einen Sinnhorizont. Religion und Kultur können einander widerspiegeln, bereichern und auch kritisieren.

Dieses Berührtsein von Kultur, das dem vorliegenden Heft zugrunde liegt, kann in der Mainzer Stephanskirche durch das prächtige Farbspiel der Chagall’schen Kirchenfenster erfahren werden. Das changierende Blau scheint einem Begegnungsraum von Transzendenz und Immanenz zu eröffnen. Nimmt man noch die christlich-jüdische Symbolik dazu und reflektiert die zugrundeliegenden Erzählungen, dann scheint die Berührung von Kunst und Religion nahezu greifbar.

Die Mainzer Fenster sind die einzigen, die Marc Chagall je für eine deutsche Kirche schuf und können somit vielfältige Berührungsdimensionen offenlegen: Kunst und Religion, Christentum und Judentum und besonders als Zeichen der Versöhnung und Mahnung nach der Schoah.

Über die ästhetisch-künstlerische Dimension hinaus finden Begegnungen auch im Medium der Literatur statt. Die Botschaft Elie Wiesels, verschriftlicht in seinen Erinnerungen und Zeugnissen, berührt und prägt nachhaltig. Sie motiviert zur Selbstreflexion der eigenen Historizität, bestätigt die bleibende Dringlichkeit des christlich-jüdischen und interreligiösen Dialogs und eröffnet einen literarisch-narrativen Berührungsraum. Berührung – und Begegnung, die durch die Berührung geschaffen wird – ist ein Movens seiner Botschaft an die Welt.

Auch der Musik ist die Option der religiösen Erbauung inhärent und kann für interreligiösen Austausch fruchtbar gemacht werden. Das Kon- zept des interreligiösen Hörens, auf Basis der Annahme einer Symbiose von Theologie und Klang zu einer speziellen Symphonik, wird in diesem Heft exemplarisch an Mahlers Zweiter Symphonie aufgezeigt. Obgleich Musik und Kunst diesen Berührungsraum öffnen können, sind diese aber auch vor antisemitischen Tendenzen nicht verschont. In diesem Kontext wird Bachs Übernahme von Luthers bewusst antijüdisch verstandenem Solus Christus besprochen.

In der Rubrik Bildung wird neben Elie Wiesels Standardwerk Nacht mit dem Jugendroman Der Mantel (Brigitte Jünger) ein weiterer textimmanenter Zugang offeriert. Dabei fällt vor allem das ganzheitliche Konzept von Zeit auf, in dem die unterschiedlichen Zeitebenen (Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft) miteinander verknüpft werden und das einen aktuellen Lebensbezug bietet.

Neben den vertrauten Rubriken gibt diese Ausgabe durch einen Tagungsbericht Einblick in die aktuelle Arbeit der Forschungsstelle Elie Wiesel.

So vielfältig wie die Rezeption von Kunst, Literatur und Musik ist, kann dieses Heft nur als Versuch verstanden werden, diese Fülle anhand exemplarischer Zugänge abzubilden. Wir möchten Sie einladen, mit der christlich-jüdisch-muslimischen Kultur in Berührung zu kommen und sich berühren zu lassen.