Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät

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14.01.2026

Ambivalenter Bildungsaufstieg – Eindrücke aus einer Veranstaltung des Exploration Funds

Am vergangenen Freitag (09.01.2026) fand im Rahmen des Exploration Funds, einem Förderformat der Universität Tübingen, eine Veranstaltung zum Thema „Meine Vergangenheit habe ich jahrelang mit mir herumgetragen“ statt, organisiert von Flora Petrik und Markus Rieger-Ladich (Institut für Erziehungswissenschaft) und moderiert von Dorothee Kimmich. Rund 120 Teilnehmende folgten der Einladung und nahmen an der Veranstaltung teil. 

Zu Gast war Prof. Michael Grünberger, Rektor der Bucerius Law School in Hamburg, der sehr offen seinen Bildungs- und Lebensweg anhand von vier Episoden schilderte: 
(1) sein Aufwachsen auf einem Bergbauernhof, 
(2) seine Studienzeit in Deutschland, 
(3) verschiedene Ermöglichungsbausteine und Stolpersteine sowie 
(4) die von ihm so bezeichneten Significant Others, die teils aus dem familiären Umfeld, teils aus dem Kreis institutioneller Autoritätspersonen stammten. 

Besonders eindrücklich war nicht nur der Lebensweg von Herrn Prof. Grünberger an sich, sondern auch mehrere Aspekte seiner Reflexionen. Hervorzuheben ist etwa die Bedeutung frei zugänglicher Wissensstrukturen: Während seines Aufwachsens waren dies vor allem lokale Büchereien – „Ich habe mir die Welt erlesen“. Ebenso zentral war die Bedeutung von Durchlässigkeit im Bildungssystem, die es ermöglichte, den Zugang zum Studium offen zu halten, obwohl Prof. Grünberger zunächst nicht auf ein Gymnasium wechseln wollte, da er die fehlenden finanziellen Ressourcen im Blick hatte. 

Auch die Ermöglichungsbausteine wurden differenziert thematisiert, etwa Tätigkeiten als wissenschaftliche Hilfskraft, die nicht nur finanzielle Absicherung boten, sondern auch halfen, die „Codes der Universität“ zu erschließen – einschließlich eines eigenen Schreibtisches als symbolischem wie praktischem Zugang. Zugleich sprach Prof. Grünberger offen über Stolpersteine, etwa die Exklusionslogiken meritokratisch organisierter Stipendien oder das Scheitern eines ersten Promotionsvorhabens in einer Phase biografischer Umbrüche. 

Diese Erfahrungen reflektierte Prof. Grünberger vor dem Hintergrund soziologischer Überlegungen zu Bildungsaufstiegen. Er betonte ausdrücklich, dass er seine Geschichte nicht als klassisches Aufstiegsnarrativ verstanden wissen möchte: Seine wissenschaftliche Laufbahn habe „trotz widriger Umstände funktioniert“, akademische Bildung sei jedoch kein per se wirksames Heilsversprechen. Ökonomisches Kapital stelle nach wie vor eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit dar. 

Mit einem eindringlichen politischen Appell schloss der Vortrag: „Zugehörigkeiten können jederzeit enden.“ Daraus erwachse für alle eine Verantwortung, für Differenzen zu sensibilisieren und Ausschlussmechanismen kritisch zu reflektieren. 

Herzlichen Dank für diesen inspirierenden Vortrag sowie die spannenden Fragen und die anregenden Diskussionen rund um den Vortrag.  

Wir freuen uns darauf, das Thema weiterhin aus vielfältigen disziplinären Perspektiven zu bearbeiten.