LEAD Graduate School & Research Network

08.12.2025

Faktencheck deckt Bildungsmythen auf: Lerntypen gibt es nicht

Bildungsforscher Dr. Tim Fütterer gibt Tipps für die Bildungspraxis

Der 8. Dezember ist der Tag der Bildung. Ein guter Anlass, einen Blick in die Bildungsforschung zu werfen: Was ist eigentlich wissenschaftlich belegt, was nur ein Bildungsmythos? 

Die eine lernt besser visuell, der andere beim Zuhören? Die Annahme, dass es bestimmte Lerntypen gebe, also dass sich Lernende danach kategorisieren lassen, ob sie beispielsweise visuell oder auditiv am besten lernen, ist noch immer weit verbreitet. So glaubt weltweit ein großer Anteil der Lehrer:innen an Lerntypen – ein Befund, der sich in internationalen Studien immer wieder zeigt. Die Annahme von Lerntypen ist allerdings wissenschaftlich nicht haltbar. So zeigen zahlreiche Studien, dass es keine lernförderlichen Effekte hat, Unterricht an vermeintliche Lerntypen anzupassen. Daher lässt sich die Annahme von Lerntypen als Mythos bezeichnen, der sich aber trotz der deutlichen empirischen Befundlage dagegen hartnäckig hält, auch in der praktischen Arbeit. 

 

Lernen ist komplex 

Lerntypen erscheinen als einleuchtende und leicht nachvollziehbare Erklärung für effektives Lernen und bieten eine einfache Lösung für Personen, die ihr Lernen verbessern möchten. Lehrkräfte, die sich Gedanken dazu machen, wie sie ihren Unterricht an die Lernenden anpassen können, verfolgen sicherlich stets positive Ziele. „Doch so einfach ist effektives Lehren und Lernen leider nicht erklärt“, sagt Dr. Tim Fütterer, Postdoktorand am Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung der Universität Tübingen und Mitglied des LEAD Graduate School & Research Network. Als Bildungsforscher beschäftigt er sich unter anderem mit der Professionalisierung von Lehrkräften und führt beispielsweise ab dem Frühjahr 2026 KI-basierte Interventionen durch, um zu untersuchen, wie den Überzeugungen von Lehrer:innen über Bildungsmythen effektiv entgegengewirkt werden kann.

 

Wie lernen wir stattdessen? 

Fütterer warnt davor, Schüler:innen in Lerntypen-Schubladen zu kategorisieren. Stattdessen sollte Lernenden grundsätzlich ermöglicht werden, mit unterschiedlichen Repräsentationen von Lerninhalten zu lernen. Aus neurowissenschaftlicher Perspektive zeigt sich, dass sogenanntes “multisensorisches Lernen” dabei hilft, sich Dinge besser zu merken. Beim multisensorischen Lernen werden mehrere Sinneskanäle gleichzeitig angesprochen. Patrick Nadler, Vorsitzender des VNN Bundesverbands Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V., konkretisiert dies anhand eines Beispiels aus der Praxis: „Ein Grundschulkind, das ein Wort nicht nur liest, sondern es auch hört, wenn Lehrerinnen und Lehrer oder Eltern es vorlesen und vielleicht zusätzlich eine Abbildung dazu sieht, lernt multisensorisch. Zusätzlich können auch Gesten oder Mimik, die das Wort veranschaulichen, das Lernen erleichtern."

 

Tipps: Was bedeutet das für die Praxis? 
  • Lerntypen können helfen, über die Art und Weise nachzudenken, wie man Lehrinhalte repräsentieren möchte. Was jedoch nicht hilfreich ist, ist Lernende in Schubladen zu sortieren und ihnen ausschließlich eine Repräsentation eines Lerninhalts anzubieten. Das bedeutet: Lernmaterialien sollten nie einem speziellen Lerntyp angepasst werden. 
    „Um Unterschiede der Lernenden bei der Planung des Lehrangebotes zu berücksichtigen, ist es beispielsweise ratsamer, motivationale und kognitive Unterschiede der Lernenden festzustellen und diese bei der Bereitstellung von Lernaufgaben, bei Hilfestellungen und beim Feedback zu berücksichtigen. Hier sprechen wir dann über die Idee eines qualitativ hochwertigen und insbesondere adaptiven Unterrichts, in welchem Prinzipien wie Scaffolding und Fading zum Tragen kommen. Übrigens: Für die Realisierung eines adaptiven Unterrichts sehe ich großes Potenzial im Einsatz künstlicher Intelligenz“, sagt Dr. Tim Fütterer.
  • Weiter rät Dr. Tim Fütterer, dass Lehrkräften den Schüler:innen unterschiedliche Repräsentationen (d. h. unterschiedliche Modalitäten wie Visualisierungen, Simulationen, Bilder in sinnvoller Kombination mit Texten) des Lerninhalts anbieten sollten; natürlich passend zum jeweiligen Lerngegenstand (man denke beispielsweise an das Lernen von Sprache im Vergleich zum Lernen des Konzeptes Kraft in der Physik).
  • Statt auf Lerntypen zu setzen, empfiehlt Tim Fütterer Lehrerinnen und Lehrern, nachweislich wirksame Strategien zu nutzen, wie beispielsweise das Setzen von klaren Lernzielen, Feedback oder das Vermitteln von Lernstrategien.

 

Vier Wege, um Bildungsmythen entgegenzuwirken 

Bildungsmythen sind weitverbreitete Fehlkonzepte zum Lehren und Lernen, die im Widerspruch zu den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen – aber in der Praxis trotzdem angewendet werden. Doch wie kann man ihnen entgegenwirken und vorbeugend agieren? 

  • Achten Sie auf Übervereinfachungen komplexer Lernprozesse. Mythen wie Lerntypen wirken oft plausibel, weil sie komplexe Zusammenhänge reduzieren – dabei ist Lernen immer ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren.
  • Meiden Sie deterministisches Denken über Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Damit ist gemeint, dass es keine stabile, angeborene Art gibt, „am besten“ zu lernen; erfolgreiches Lernen ist abhängig von der Qualität des Lehrangebotes wie der Lernaufgabe und den Lernmaterialien, dem Kontext und den Eingangsvoraussetzungen der Lernenden wie Vorwissen – nicht von einem festen Typ.
  • Akzeptieren Sie Einzelfälle (z. B. „Bei mir hat es funktioniert!“) aus der Bildungspraxis nicht als Belege.
  • Mythos entzaubern: Wer andere über Lerntypen sprechen hört, sollte klar benennen, dass das falsch ist – nur so lassen sich falsche Annahmen langfristig aus der Bildungspraxis entfernen.

 


Pressekontakt

Diese Meldung ist gemeinsam herausgegeben vom VNN Bundesverband Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e. V. und Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung, Eberhard Karls Universität Tübingen. 

Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung
Rebecca Beiter-Sander
pressespam prevention@lead.uni-tuebingen.de 

VNN
Dr. Marion Steinbach 
m.steinbachspam prevention@nachhilfeschulen.org 

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