Im Anschluss diskutierten Julius Brink, Olympiasieger 2012 im Beachvolleyball, und Evi Simeoni, Sportredakteurin der Frankfurter Allgemeine Zeitung, über den Status Quo der deutschen Spitzensportförderung. „Die Rolle des Sports in der deutschen Gesellschaft muss neu definiert werden“, forderte Brink und erläuterte aus eigener Erfahrung die finanzielle Unsicherheit deutscher Athleten durch eine fehlende langfriste Planung in der Spitzensportförderung. Simeoni hingegen thematisierte die Schattenseiten einer an Medaillen ausgerichteten Förderung, da Erfolgsdruck in vielen Sportarten das Dopingrisiko erhöhe. Auch sei eine Konzentration der Fördergelder auf einzelne Sportarten zu erwarten, andere Sportarten würden zukünftig leer ausgehen. Diese Erfahrung machte Ende 2014 der Deutsche Curling Verband, als ihm vorübergehend die Bundesförderung gestrichen wurde. „Wir fühlten uns allein gelassen“, beschrieb der frühere Europameister Andreas Kapp die Situation und Curling-Bundestrainer Thomas Lips erläuterte die Konsequenzen für den Verband und die Anstrengungen, die unternommen werden, um eine langfristige Förderperspektive zu erhalten.
Dass nicht nur Curling, sondern auch andere Sportarten von einer finanziellen Förderung ausgeschlossen sind, zeigte Laura Grasemann, Buckelpistenfahrerin und Teilnehmerin an den Olympischen Winterspielen in Sotschi, auf. Momentan finanziert sie gemeinsam mit anderen Athleten der Disziplin „Buckelpiste“ den Trainer sowie alle Trainings- und Wettkampfmaßnahmen aus eigenen oder eigens eingeworbenen Mitteln. Wolfgang Maier, Sportdirektor des Deutschen Skiverbands (DSV), begründete den Schritt seines Verbands, die Disziplin Buckelpiste nicht mehr zu fördern, mit dem Dilemma, in dem sich der DSV durch die Aufnahme neuer Trendsportarten in das olympische Programm befinde. Aus eigenen Mitteln kann der Verband nicht alle ihm angehörenden Sportarten und Disziplinen angemessen unterstützen. Klar ist jedoch auch: „Wenn die Förderung weg ist, gibt es in dieser Disziplin keine Nachhaltigkeit und somit auch keinen Nachwuchs mehr“, so Maier.
Der zweite Teil der Veranstaltung setzte sich mit der Zukunft der Förderung im deutschen Spitzensport auseinander. Zu Beginn begrüßte Delling den ranghöchsten Funktionär im deutschen Sport zum Interview. DOSB-Präsident Alfons Hörmann stellte Ziele des Deutschen Olympischen Sportbundes und des Bundesministerium des Innern (BMI) bei der Reform der Spitzensportförderung vor. Welche Perspektiven geschaffen und welche finanziellen Mittel zukünftig zur Förderung von deutschen Spitzensportlern bereitgestellt werden, waren Themen des Interviews. Medaillen seien „ein wichtiger Aspekt bei der Bewertung, was Sportdeutschland leisten muss“, so Hörmann, jedoch sei „der Weg der Briten oder Holländer, sich auf eine oder wenige Sportarten in der Förderung zu konzentrieren, nicht der zukünftige Weg für den Sport in Deutschland“. Ein Ziel des angestoßenen Reformprozesses sollte es sein, „nachvollziehbare Strukturen mit klaren Verantwortlichkeiten“ zu schaffen. Dabei müsse der DOSB mehr Einfluss, Führung und Steuerung bei der zukünftigen Mittelvergabe und -verwendung einnehmen. Dies sei auch Wunsch des BMI.
Einblicke in das neue Konzept der Spitzensportförderung gaben Dirk Schimmelpfennig, Vorstand Leistungssport des DOSB, und Gerhard Böhm, Abteilungsleiter Sport im BMI. In der Vergangenheit fehlte es an einer gemeinsamen Zielsetzung von DOSB und BMI, auch waren Abstimmungsprobleme im deutschen Spitzensportsystem erkennbar, so beide Interviewpartner. Zukünftig sollen Athleten, die Potential für Weltklasseerfolge aufweisen, und deren Trainer in den Fokus der Sportförderung rücken. Geplant sei eine Abkehr von der Grund- und Projektförderung, hin zur Förderung einzelner Athleten in Absprache mit deren Verbänden.
Auch der ehemalige Olympiasieger im Ruder-Achter und jetzige Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Maennig setzte verstärkt auf den einzelnen Athleten und schlug in der abschließenden Podiumsdiskussion vor, Gutscheine an Sportler zu vergeben, mit denen diese bedarfsorientiert Trainer, Trainingsmaßnahmen und Wettkampfreisen finanzieren könnten. In der anregenden und kontroversen Diskussion, an der neben Maennig, Brink, Hörmann und Böhm auch der erfolgreiche Hockey-Bundestrainer Markus Weise teilnahm, wurden Themen wie die Situation der Trainer im deutschen Spitzensport, die duale Karriere von Athleten, die Rolle der Bundeswehr in der Spitzensportförderung, die Bedeutung des Sportunterrichts und der gesellschaftliche Stellenwert des Sports behandelt. Viele Lösungsvorschläge zur Zukunft des deutschen Spitzensports liegen auf dem Tisch – jedoch, so Weise, existieren nach wie vor Umsetzungsprobleme im deutschen Spitzensportsystem, da zu wenig vernetzt und zu wenig gemeinsam an Themen gearbeitet wird.
(Verena Burk, Rike Held und Kevin Walter)
Den Bericht zum 2. ARD Forum Sport finden Sie hier.