Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2019: Studium und Lehre

Arbeit ist Arbeit ist Arbeit ist…

Ausstellung präsentiert Ergebnisse eines gemeinsamen Lehrforschungsprojekts von Studierenden der Universitäten Freiburg und Tübingen

Das Lehrforschungsprojekt ist Teil des von der Landesinitiative Kleine Fächer geförderten Projekts „Vernetzt lernen, forschen, vermitteln“, einem zunächst bis Ende 2019 angelegten Kooperationsverbund aus fünf wissenschafts- und sammlungsorientierten Institutionen im Land, darunter das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Tübingen und das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Freiburg. Die baden-württembergischen Sammlungsbestände dienten dabei als Ressource für Lehre und gesellschaftlichen Wissenstransfer.

Die Studierenden haben über zwei Semester mit und in den Sammlungen und Archiven geforscht und gearbeitet. Die daraus entstandenen Einzelthemen zeigen die vielfältigen Facetten des Themas Arbeit auf. Welche Bedeutung geben Menschen Arbeit in ihrem Alltag? Welche Vorstellungen sind an Arbeit geknüpft, inwiefern ist sie mit gesellschaftlichen Rollen und Normen verbunden? Die Ergebnisse der 25 Einzelprojekte werden auch mit aktuellen Debatten um den Wandel der Arbeit in Verbindung gebracht. Sie werden seit Mitte Februar in parallelen Ausstellungen an zwei Orten gezeigt: vom 16. Februar bis 31. März 2019 in der Galerie des Weinguts Dilger in Freiburg und vom 14. Februar bis 31.März 2019 im Museum der Alltagskultur in Waldenbuch. Die ausgestellten Objekte zeigen, inwiefern an den beteiligten Kooperationsstellen zu dem Schlagwort Arbeit überhaupt gesammelt wurde und wie die Bestände neu interpretiert und analysiert werden können. So verlassen Fotos, Dinge und Zeitschriften ihren Aufbewahrungsort für einige Wochen und werden für Besucherinnen und Besucher sichtbar. Ein durchaus gewollter Effekt: die Ausstellungen machen auch auf die umfangreichen alltagskulturellen Sammlungsbestände in Baden-Württemberg und deren Potentiale aufmerksam. 

Vom Großraumbüro zum Coworking

Nathalie Feldmann hat sich in ihrem Projekt mit Coworking beschäftigt. Bei dieser neuen Arbeitsform arbeiten Freiberufler, Kreative, kleinere Startups oder digitale Nomaden zugleich in meist größeren, offenen Räumen. Sie können unabhängig voneinander agieren, oder auch gemeinsam Projekte verwirklichen. Die Devise ist: Kooperation statt Konkurrenz. „Coworking Spaces“ stellen ihnen Arbeitsplätze und Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, etc.) zur Verfügung. In ihrer Feldstudie begleitete Feldmann als teilnehmende Beobachterin Coworkerinnen und Coworker im Tübinger Coworking Space "denkstube", machte Interviews und fotografierte verschiedene Szenerien. Sie hatte für die Dauer der Feldstudie einen freien Arbeitsplatz an einem sogenannten "flex desk" zur Verfügung. Die Coworker gaben ihr persönliche Einblicke in ihr Arbeitsverhalten. Die „Entgrenzung von Arbeit und Leben“ war hierbei ein wichtiger Aspekt, also die Frage, inwieweit sich Arbeit und Privatleben durch diese flexible Arbeitsform vermischen können? 

Gleichzeitig recherchierte Nathalie Feldmann in den am Projekt beteiligten Sammlungen zur Entwicklungsgeschichte des Büros, denn geteilte Arbeitsräume oder Großraumbüros gibt es bereits seit mehreren Jahrzehnten. In der Ausstellung wird sie auch eine Fotografie aus der Landesstelle für Volkskunde des Landesmuseum Württemberg präsentieren, die Datenerfasserinnen der Württembergischen Versicherung bei ihrer Arbeit in einem Bürogroßraum (heutige Bezeichnung: Großraumbüro) zeigt. Besucher können somit einen Vergleich ziehen zwischen dieser in den 1960er-Jahren entstandene Büroform – die vermeintlich kreatives und kommunikatives Arbeiten fördern sollte, vor allem aber der Überwachung und Kontrolle der Arbeiterinnen und Arbeiter diente – und den Abbildungen aus dem Coworking Space. Durch die Gegenüberstellung von frühen Formen des Großraumbüros und den Interviews mit den Coworkern will Feldmann aufzeigen, wieso sich Freelancer, also unabhängig Arbeitende, freiwillig in die vier Wände eines Büros setzen, obwohl sie doch von überall aus arbeiten könnten. Welche Vorteile hat für sie der geteilte Arbeitsraum? Welche Bedeutung hat der Aspekt „Grenzziehung zwischen Arbeit und Leben“ dabei?

Arbeit und Migration

Zentrale Fragen von Ophelia Gartzes Projekt waren: „Welche Objekte bieten die Sammlungen zum Thema Migration?“ und „Was lässt sich an diesen über Arbeitskultur ablesen?“ Bei der Recherche in den beteiligten Archiven kam sie zu folgendem Ergebnis: Unter dem Schlagwort "Migration" finden sich keine gesammelten Objekte. In Zusammenarbeit mit den Institutionen suchte sie daher selbst Objekte, die mit Migration in Verbindung gebracht werden können. Es handelt sich hierbei nämlich um einen für die Verschlagwortung selten verwendeten Begriff. Nach Gartzes Recherche ist es für die meisten Museen und Archive die Regel, dass Migration kein Begriff ist, der gezielt in der Verschlagwortung älterer Sammlungsbestände auftaucht. Erst neuere Bestände würden bewusst unter dem Gesichtspunkt Migration betrachtet und durch entsprechende Objekte ergänzt. Frühere Ausstellungen begrenzten sich beim Aspekt Migration häufig auf das Zeigen von Koffern. Bei heutigen Ausstellungen sind dagegen Fragestellungen nach anti-rassistischem Kuratieren von großem Interesse. Ein Beispiel hierfür ist das Humboldt Forum in Berlin, das Ende 2019 eröffnet werden soll.

Folgende Objekte hat Ophelia Gartze in den Sammlungen gefunden und für die Ausstellung aufgearbeitet:

Alle Objekte in Ophelia Gartzes Teilprojekt erzählen von den Hindernissen, die Migrantinnen und Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt haben: 

  • Trotz entsprechenden Qualifikationen wurde Ludin die Arbeit als Lehrerin aufgrund ihres Kopftuchs verweigert. (1)
  • In den 1970-er Jahren herrschte bewusste Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. (2)
  • Arbeit schützt nicht vor Abschiebung. (3)

Das standortübergreifende Lehrforschungsprojekt und die Nutzung der vorhandenen umfangreichen Sammlungen zur Populär- und Alltagskultur hat die Zusammenarbeit der zwei Institute in Tübingen und Freiburg und auch das Fach Kulturanthropologie/Empirische Kulturwissenschaft insgesamt gestärkt.

Maximilian von Platen

Arbeit ist Arbeit ist Arbeit… gesammelt, bewahrt und neu betrachtet

Informationen zur Ausstellung

Museum der Alltagskultur -  Schloss Waldenbuch

Kirchgasse 3, 71111 Waldenbuch
14.02. - 31.03.2019
Di bis Sa (10– 17 Uhr), So (10 – 18 Uhr)

  • Führungen durch die Ausstellung: sonntags 15 Uhr am 24.02.2019, 17.03.2019 und 31.03.2019
  • Schöne neue Arbeitswelt? Ein Podiumsgespräch zum Thema Arbeit im Wandel, 07.03.2019, 18.30 Uhr
Galerie im Weingut Andreas Dilger

Urachstr. 3, Freiburg
16.02. - 17.03.2019
Mi & Do (16 – 19 Uhr), Fr (16– 21 Uhr), Sa & So (12– 17 Uhr)

  • Führungen durch die Ausstellung: sonntags 15 Uhr am 24.02.2019, 10.03.2019 und 17.03.2019
  • „Samba si! Arbeit no!“ Kulturwissenschaftlich-musikalische Notizen präsentiert vom Alleinunterhalter MC Orgelmüller, 07.03.2019, 19.00 Uhr
  • Alte Arbeit – neue Arbeit – Deine Arbeit? Ein Gesprächsabend zu Arbeit, Wertschätzung und Selbstverwirklichung, 14.03.2019, 18.30 Uhr