Uni-Tübingen

Newsletter Uni Tübingen aktuell Nr. 1/2022: Forschung

Corona-Krise und gesellschaftlicher Zusammenhalt: Polarisierung ja, Spaltung nein

Krisenmanagement wird zunehmend schlechter bewertet, aber weiterhin großes Vertrauen in den Staat

Über Infektionsschutz und ökonomische Unterstützungsleistungen hinaus haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie nicht zuletzt das Ziel, negative Konsequenzen für den sozialen Zusammenhalt abzuwehren und die gesellschaftliche Solidarität zu stärken. Die Tübinger Soziologen Dr. Volker Lang und Professor Dr. Martin Groß sind der Frage nachgegangen, inwiefern dies in Deutschland gelungen ist. Sie haben untersucht, welche Corona-bedingten Bedrohungen die Einschätzung des sozialen Zusammenhalts beeinflussen. Dabei stehen die Sorgen um die gesundheitlichen Folgen der Pandemie und um die wirtschaftliche Situation im Vordergrund. Die Wissenschaftler haben außerdem analysiert, wie die Beurteilung des sozialen Zusammenhalts mit der Bewertung des politischen Krisenmanagements in der Pandemie zusammenhängt. Ihre Ausgangshypothese: Eine positive Bewertung politischen Handelns verringert den Einfluss einer negativen Bewertung des Zustands von Gemeingütern, etwa des Gesundheitssystems, auf den sozialen Zusammenhalt.

Die Studie ist ein Kooperationsprojekt mit Professor Dr. Simon Kühne und Marvin Bürmann von der Universität Bielefeld sowie dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. Die Ergebnisse sollen demnächst in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht werden.

Was ist die Datenbasis für Ihre Untersuchung?

Volker Lang: Wir haben Befragungen aus der Studie „Sozio-ökonomische Faktoren und Folgen der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland“ (SOEP-CoV) ausgewertet. Für diese Studie wurden 2020 und 2021 6.000 bis 7.000 Menschen in Deutschland telefonisch befragt, insbesondere auch zu ihrer Bewertung des Corona-Krisenmanagements. 

Die SOEP-CoV-Studie ist ein Sonderprojekt im Rahmen des seit 1984 laufenden Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Auch aus dem SOEP haben wir Daten aus den fünf Jahren vor der Pandemie (2015-2019) sowie den Jahren 2020-2021 ausgewertet. Folgende Einzelaspekte haben wir bei unserer Datenauswertung berücksichtigt: 

  • Sorgen um sozialen Zusammenhalt,
  • Sorgen um das Gemeingut Wirtschaft,
  • Sorgen um Gesundheitssystem,
  • Bewertung des Corona-Krisenmanagements,
  • Sorgen um die eigene finanzielle Situation,
  • Sorgen um die eigene Gesundheit sowie
  • objektive Charakteristika der eigenen Person (z.B. Geschlecht, Alter, Bildung in Jahren, Haushaltseinkommen, beruflicher Status)

Diese Daten ermöglichen uns die Betrachtung eines längeren Zeitraums auf Basis eines bevölkerungsrepräsentativen Samples. In Kombination mit statistischen Regressionsmodellen sind wir dadurch in der Lage, die Effekte zeitkonstanter Unterschiede zwischen den befragten Personen „herauszurechnen“ oder, wie wir sagen, „zu kontrollieren“. Dies ist möglich, weil man einzelne Personen über den Untersuchungszeitraum immer wieder betrachtet. Die Personen sind anonymisiert, ihre Angaben zu verschiedenen Zeitpunkten sind allerdings über Kennnummern verknüpfbar. Auf diese Weise werden Effekte einzelner Faktoren, wie zum Beispiel der Einschätzung der wirtschaftlichen Situation, auf die Sorgen um den sozialen Zusammenhalt nur anhand der über den Untersuchungszeitraum beobachteten Veränderungen berechnet.

Welche Sorgen beeinflussen während der Pandemie die Beurteilung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Deutschland?

Volker Lang: Die Sorge um Gemeingüter – wie die Wirtschaft oder das Gesundheitssystem – sind in der Corona-Krise wesentlich wichtiger für die Bewertung des sozialen Zusammenhalts als die subjektive Bewertung der eigenen Situation (sowohl ökonomisch als auch gesundheitlich) oder sozio-ökonomische Unterschiede. Wir konnten hier in unserer Modellierung Effektgrößen der Sorgen um Gemeingüter beobachten, die drei bis fünf Mal so groß waren wie die der Indikatoren der persönlichen Lage der Befragten. 

Dieses Ergebnis deckt sich mit der theoretischen Perspektive des „persistenten Republikanismus“: Politik bedeutet in erster Linie auch, Gemeingüter bereitzustellen, an denen ich partizipieren kann. Das geht aber nur, wenn diese funktionieren. Daher steht eine Orientierung am Zustand von Gemeingütern auch in keinem Widerspruch zu einem eigenorientierten Handeln. Das ist durchaus rational.

Was wir ebenfalls sehen konnten: Die Sorgen um die Gemeingüter Wirtschaft und Gesundheitssystem haben in den vergangenen zwei Jahren tendenziell zugenommen. Dies führt wiederum dazu, dass viele Deutsche ihre persönliche Situation sogar leicht besser bewerten als vor der Pandemie. Wir sprechen hier vom „sozialen Referenzeffekt“. Auf den Gesundheitsaspekt übertragen heißt das: Wenn ich nicht persönlich von COVID-19 betroffen bin – wie es für die Mehrheit der Befragten der Fall ist – stellt sich die eigene Situation im Vergleich zur Beurteilung der Situation der Erkrankten oder des Gesundheitssystems insgesamt sogar besser dar. Einen entsprechenden Effekt gab es insbesondere im ersten Pandemiejahr 2020, und vergleichbare Effekte können wir auch bei der Einschätzung der eigenen finanziellen Situation im Vergleich zur Beurteilung der Gesamtwirtschaft beobachten.

Martin Groß: Soziale Referenzpunkte sind wichtig für die Bewertung der eigenen Situation. In vielen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen verbessert sich daher die Bewertung der eigenen wirtschaftliche Situation nicht direkt Betroffener, wenn sich die gesamtwirtschaftliche Situation verschlechtert.

Selbstverständlich sind die persönlichen Folgen der Corona-Krise für einige Menschen oder Gruppen – etwa Corona-Kranke, manche Selbstständige, viele Künstler, Arbeitslose – dramatisch. Dennoch stellen sie nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung dar: Nicht die gesamte Bevölkerung liegt auf der Intensivstation und nicht die gesamte Bevölkerung steht vor dem Bankrott. 

Wie haben sich diese Indikatoren für den sozialen Zusammenhalt in den letzten zwei Jahren verändert?

Volker Lang: Sorgen um die Wirtschaft haben zu Beginn der Pandemie stark zugenommen und verharren auf einem konstant höheren Niveau als vor der Corona-Krise. Bei der Auswertung sehen wir auch, dass sich im selben Zeitraum auch der Einfluss der Beurteilung der Wirtschaft auf die Bewertung des sozialen Zusammenhalts kontinuierlich verstärkt hat: Er ist 2021 höher als im ersten Pandemiejahr und auch höher als vor der Pandemie.

Dagegen war der Einfluss von Sorgen um das Gesundheitssystem 2020 am stärksten ausgeprägt. Er hat 2021 wieder abgenommen und ist ungefähr auf dem Niveau der Zeit vor der Pandemie.

Für uns sind diese Ergebnisse stringent: Zu Beginn der Pandemie stand noch kein Impfstoff gegen COVID-19 zur Verfügung, die Sorgen um das Gesundheitssystem waren deswegen besonders ausgeprägt. Im Verlauf der Pandemie hat sich das durch die Möglichkeit der Impfung verändert und die Bedrohungen für die Wirtschaft sind stärker in den Fokus gerückt.

Wie hat sich die Bewertung des politischen Krisenmanagements in den letzten zwei Jahren verändert und wie stark beeinflusst sie die Beurteilung des sozialen Zusammenhalts?

Volker Lang: Zu Beginn der Pandemie war die Sorge um den sozialen Zusammenhalt kurzfristig eher rückläufig. Eine Ursache hierfür könnte sein, dass ein Gefühl gelebter Solidarität in der gesellschaftlichen Wahrnehmung vorherrschte.

Die Bewertung des politischen Handels in Deutschland hat sich im Laufe der Pandemie allerdings deutlich verschlechtert, wir konnten hier für 2021 eine Verringerung um eine halbe Standardabweichung gegenüber dem Vorjahr feststellen. Das ist viel. Und wenn die Leute mit dem Krisenmanagement unzufrieden sind, beeinflussen Sorgen um die Wirtschaft auch ihre Sorge um den sozialen Zusammenhalt wesentlich stärker: Die von uns gemessenen Effektgrößen auf die berichteten Sorgen um den sozialen Zusammenhalt waren in der Spitze bis zu siebenmal höher als bei einer positiven Einschätzung des politischen Krisenmanagements.

Der Einfluss der Beurteilung des Gesundheitswesens auf die Einschätzung des sozialen Zusammenhalts ist dagegen weitgehend unabhängig von der Bewertung des politischen Handelns in der Krise.

Sind wir auf dem Weg von der Corona-Krise in eine Vertrauenskrise?

Volker Lang: Wir müssen hier differenzieren: Ja, es gibt eine deutliche Verschlechterung der Beurteilung des politischen Krisenmanagements im Verlauf der Pandemie. Aber diejenigen, die sehr unzufrieden sind mit dem politischen Krisenmanagement, sind insgesamt nur eine sehr kleine Gruppe.

Und ja: Der soziale Zusammenhalt wird insgesamt ein wenig schlechter bewertet als vor Beginn der Pandemie. Aber nur bei denen, die das politische Krisenmanagement negativ bewerten und die sich zugleich große Sorgen um die Wirtschaft machen, hat sich auch die Einschätzung des sozialen Zusammenhalts dramatisch verschlechtert.

Mein Fazit: Es gibt in Deutschland Polarisierungstendenzen zwischen einer kleinen Minderheit und der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, die weiterhin im Vergleich zu anderen Ländern großes Vertrauen in den Staat hat – auch wenn dieses Vertrauen im letzten Jahr gelitten hat. Ich würde aber nicht – wie einige Medien das tun – von einer Spaltung der Gesellschaft sprechen. Das deckt sich nicht mit den von uns untersuchten empirischen Daten.

Martin Groß: Man muss sich zudem klar machen, dass unsere Studie nichts darüber aussagt, ob das politische Krisenmanagement gut war oder nicht, es geht ausschließlich um die Bewertung durch die Bevölkerung. Dass es Zusammenhänge zwischen geringem Vertrauen in die Politik und geringem Vertrauen in den gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, ist auch bereits durch andere Studien belegt. Neu ist vielmehr, wie die Bewertung des Zustands von Gemeingütern und des politischen Handelns im Hinblick auf die Bewertung des sozialen Zusammenhalts zusammenwirken.

Was ich in den Medien beobachte, ist eine starke Dramatisierung und Fokussierung auf die negativen Fälle und Aspekte der Krise. Und auch die Beurteilung der Gesamtwirtschaft wird sehr stark beeinflusst durch diese Berichterstattung: Wenn alle schreiben, „die Situation ist schlimm“ – dann glauben die Leute, dass die Situation schlimm ist. 

Der beschriebene Vertrauensverlust in die Politik und die damit einhergehende Tendenz zur Polarisierung sind eine Herausforderung für unsere demokratische Gesellschaft. Aber so dramatisch, wie in den Medien und teilweise auch von der Politik beschrieben, sind die Auswirkungen der Corona-Krise – bislang zumindest – nicht.

Das Interview führte Maximilian von Platen

SOEP und SOEP-CoV

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine der größten und am längsten laufenden (seit 1984) multidisziplinären Panelstudien weltweit, für die derzeit jährlich etwa 30.000 Menschen in knapp 15.000 Haushalten befragt werden. Gleichzeitig ist das SOEP eine forschungsbasierte Infrastruktureinrichtung am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin.

Das SOEP-Team bereitet die Befragungsdaten so auf, dass Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus der ganzen Welt sie nutzen können und betreibt auch eigene Forschung. SOEP wird unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und den Ländern gefördert.

Webseite Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)

SOEP-CoV ist ein Verbundprojekt der Universität Bielefeld und des DIW Berlin. In der Studie SOEP-CoV untersuchen Forschende die akuten, mittelfristigen und langfristigen sozio-ökonomischen Faktoren und Folgen der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland. Verantwortet wird das Projekt durch Forschende der Universität Bielefeld und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Für SOEP-CoV wurden zu zwei Zeitpunkten innerhalb der Coronapandemie Daten erhoben: Von Anfang April bis Juli 2020 and dann erneut im Januar und Februar 2021. Folgende Themen stehen im Fokus:

  1. Prävalenz, Gesundheitsverhalten und Gesundheitliche Ungleichheit,
  2. Arbeitsmarkt und Erwerbsarbeit,
  3. Soziales Leben, Netzwerke und Mobilität,
  4. Psychische Gesundheit und Wohlbefinden,
  5. Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Webseite SOEP-CoV