Herr Rudolf, wie kam es dazu, dass Sie sich für Philosophie an der Universität Tübingen eingeschrieben haben?
Durch eine glückliche Fügung. Meine Leidenschaft gehörte eigentlich immer dem Film. Bereits mit zehn Jahren habe ich angefangen, Stop-Motion-Filme mit Lego-Steinen zu drehen, die teilweise eine Stunde lang waren. Nach dem Abitur hatte ich das Ziel, an die Filmhochschule BW zu gehen – allerdings konnte man sich dort nur einmal im Jahr bewerben. Als ich nach einer sinnvollen Überbrückung bis zur nächsten Bewerbungsphase suchte, schlug eine Freundin vor: „Komm doch mit nach Tübingen und studier‘ mit mir Philosophie!“ Ich fand die Idee gut und bin so in Tübingen gelandet. Was als Überbrückung anfing, hat mich so sehr fasziniert, dass ich bis zum Bachelor blieb.
Haben Sie in Ihrem geisteswissenschaftlichen Studium Fähigkeiten erlernt, die Ihnen in der Geschäftswelt von Nutzen sind?
Das Studium in Tübingen hat mir vor allem ein großes Vertrauen in meine eigene Urteilskraft gegeben. Ich habe an der Burse [Universitätsgebäude, in dem Philosophie gelehrt wird] häufig mit Menschen diskutiert, die rhetorische Spielchen spielten, um eine Argumentation zu gewinnen. Wenn ich heute in ähnliche Gesprächssituationen gerate, erkenne ich das. Man lässt sich weniger verunsichern, wenn man ein stabiles Fundament hat und die Dinge genau sezieren und analysieren kann. Ich glaube, dass mir die Denkweise der Philosophie schon immer vertraut war, mein Studium hat mich aber nochmals darin bestärkt, sie bewusst anzuwenden. Ich nehme die Dinge auseinander, bis ich sie verstanden habe und erkenne, worauf es meinem Gegenüber ankommt. Auch jetzt, in der Geschäftsführung, geht es mir weniger um schnelle Lösungen als um Wahrheiten und qualitativ hochwertige Inhalte.
Was macht die Firma, die Sie gegründet haben?
Wir verstehen uns als ein XR-Kreativlabor, das daran arbeitet, das Internet „räumlich“ zu gestalten. Wir sind in vielen verschiedenen Bereichen tätig, angefangen bei Kultur und Industrie, bis hin zu Inklusion und Entertainment. Unser Fokus liegt auf Projekten, die einen Menschen einen echten Mehrwert bieten und Dinge ermöglichen, die in der physischen Realität nicht machbar wären.
Können immersive Technologien Menschen mit körperlichen Einschränkungen neue Freiheiten zu ermöglichen?
Das ist ein Bereich, der mir sehr am Herzen liegt. Nehmen wie zum Beispiel das Klavier: Ein physisches Klavier ist nach einem ganz bestimmten Muster aufgebaut – und zwar so, dass Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit nicht darauf spielen können. In der virtuellen Welt hingegen können wir ein so Klavier konstruieren, dass sich die Klaviertasten nicht an den gewohnten Orten befinden, sondern an anderer Stelle im Raum platziert werden. Immer mit dem Ziel, dass Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit sie gut erreichen können. Plötzlich können diese Menschen Musik machen, wie es vorher nur auf einer flachen – analogen – Tastatur möglich war.
Oft lautet die Kritik, dass Virtuelle Realitäten menschliche Begegnungen ersetzen und zur Vereinsamung führen könnten. Wie sehen Sie das?
Hier muss man fragen: Was, wenn reale Treffen gar nicht stattfinden können? Wir organisieren beispielsweise einen virtuellen Stammtisch für Menschen aus ganz Baden-Württemberg mit körperlichen Einschränkungen. Wenn diese Gruppe sich virtuell trifft, eine Stunde lang diskutiert und sich austauscht, spüren die Teilnehmer und Teilnehmerinnen trotz der physischen Distanz ein starkes Gefühl der Gemeinsamkeit.
In einem Ihrer aktuellen Projekte arbeiten Sie mit Jugendlichen der Türkischen Gemeinde Baden-Württembergs zusammen. Ihre Aufgabe: Die Utopie, die sich die Jugendlichen ausdenken, mit Hilfe immersiver Technologien zu simulieren. Wie fließt hier Ihr philosophischer Hintergrund ein?
Die Jugendlichen haben die Aufgabe, ein Dorf zu konzipieren, das ihren Idealvorstellungen entspricht. Das bedeutet, dass sie uns genau schildern, was sie brauchen: Windräder beispielsweise, oder Energietransformatoren oder einfach nur Orte zum Angeln. Wir sind die ausführenden Kräfte und setzen technisch um, was uns von den Jugendlichen aufgetragen wird. Es ist auch ein soziales Experiment: Wir beobachten, wie sich diese Gruppe organisiert. Schnell erreicht man den Punkt, an dem es darum geht, wer welche Aufgaben im Dorf übernimmt und wie Arbeit fair verteilt werden kann. Für mich ist dieses Projekt besonders spannend, da es uns ermöglicht, mittels der virtuell simulierten Welt echte Erkenntnisse über das Zusammenleben in unserer realen Welt zu gewinnen.
Das Interview führte Rebecca Hahn
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