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25.07.2019

Archäologen dokumentieren älteste bekannte Vorstufe der Fresko-Malerei im Mittelmeerraum

Forscherinnen und Forscher der Universitäten Beirut und Tübingen analysieren 4.000 Jahre alte Wandmalereien in einem Palast aus der Bronzezeit

Freilegung des Palastes in Tell el-Burak, südlich von Sidon im Libanon
Freilegung des Palastes in Tell el-Burak, südlich von Sidon im Libanon

Archäologinnen und Archäologen der American University of Beirut und der Universität Tübingen haben die ältesten großflächig erhaltenen Wandmalereien im Vorderen Orient dokumentiert. Erste Teile der Malereien wurden bereits 2005 in den Ruinen eines Palasts aus der Bronzezeit im Süden des Libanon, an der Mittelmeerküste südlich von Sidon, entdeckt. In den Folgejahren konnten die Malereien auf großen Wandflächen aufgedeckt und konserviert werden, und nun haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Ergebnisse in Buchform publiziert. Wie Professor Jens Kamlah vom Biblisch-Archäologischen Institut der Universität Tübingen berichtete, wurden die Bilder in einer frühen Entwicklungsstufe der Fresko-Malerei auf die Wände aufgebracht und entstanden um 1900 v.Chr. Es handele sich damit um den ältesten derzeit bekannten Beleg für eine Vorform dieser Maltechnik im gesamten Mittelmeerraum. Das Projekt wurde von Kamlah und der libanesischen Archäologin Professorin Hélène Sader geleitet. Als Kooperationspartner war das Deutsche Archäologische Institut unter der Leitung der wissenschaftlichen Direktorin Dr. Dr. Margarete van Ess beteiligt.

Das deutsch-libanesische Archäologenteam hatte den Palast 2001 an der Fundstätte Tell el-Burak südlich von Sidon entdeckt und bis 2011 vollständig ausgegraben. Im größten Raum, der sieben auf 14 Meter misst, wurden die Malereien an den Innenwänden gefunden. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Palast um 1900 v.Chr. erbaut und rund 200 Jahre lang genutzt wurde.

Die Malereien zeigen einen geometrischen Fries sowie eine Jagdszene, eine Prozession und einen sogenannten Lebensbaum. Vergleichbare Motive sind aus der altorientalischen und ägyptischen Bildsprache bekannt, wie Julia Bertsch von der Universität Tübingen herausstellte, die im Team für die Untersuchungen der Malereien zuständig ist. Die Maltechnik könne als Vorstufe zur Fresko-Technik verstanden werden, weil die Vorzeichnungen auf den noch feuchten Kalkputz aufgetragen wurden, sagte Bertsch. Im Unterschied dazu werden bei der voll entwickelten Fresko-Technik, auch Al-fresco-Technik genannt, die Malereien im Ganzen auf frischen Kalkputz aufgetragen. Während der Putz trocknet, verbinden sich die Farben dauerhaft mit dem Untergrund: „Von dieser Technik nahm man bisher an, dass sie mehrere Jahrhunderte später in der minoisch-ägäischen Palastmalerei entwickelt wurde. Die Befunde aus Tell el-Burak weisen darauf hin, dass zumindest wichtige Schritte zur Entwicklung der Technik im Vorderen Orient gemacht wurden.“

Bei der Analyse der Farben zeigte sich, dass die Maler unter anderem „Ägyptisch Blau“ einsetzten. Dieser Farbstoff kommt in der Natur kaum vor, wurde aber im alten Ägypten seit dem dritten Jahrtausend v.Chr. hergestellt und verwendet. „Dies zeigt, dass zwischen dem heutigen Südlibanon und dem Pharaonenreich damals enge Beziehungen bestanden“, betonte Kamlah. „Die Malereien könnten von ägyptischen Künstlern geschaffen worden sein. In jedem Fall bezeugen sie eine frühe Form des kulturellen Austauschs und des Wissenstransfers im östlichen Mittelmeerraum.“

Anspruchsvolle Architektur und statische Probleme

Die Palastwände sind teilweise in ihrer Originalhöhe von circa 3,5 Metern erhalten. „Das ist besonders beachtlich, da sie aus rund 4.000 Jahre alten luftgetrockneten Lehmziegeln bestehen“, erklärte der Tübinger Wissenschaftler. Die vollständige Erhaltung sei ein Glücksfall und nur möglich gewesen, weil der Raum circa 1800 v.Chr. vollständig vom Boden bis zur Decke mit Sand, Kies und Lehm zugeschüttet wurde. Die Türen wurden mit Lehmziegeln zugemauert. „Der Palast erhob sich auf einem künstlich angelegten, 17 Meter hohen Berg direkt am Strand. Der meerseitige Gebäudetrakt lag ursprünglich auf einer tieferen Terrasse als die übrigen Räume. Wir gehen davon aus, dass dies zu statischen Problemen führte. Die Wände in der unteren Ebene, zu der auch der Raum mit den Wandmalereien gehörte, waren durch den Druck der höher liegenden Terrasse verformt. Zur Stabilisierung wurden die unteren Räume verfüllt“, sagte Kamlah. Dadurch haben sich die Malereien großflächig erhalten, doch die Bemalungsreste auf den Wänden seien sehr fragil. „Sie mussten von speziell ausgebildeten Fachleuten in kleinen Abschnitten und sehr vorsichtig freigelegt werden.“

Nach und nach ergab sich für die Forscherinnen und Forscher ein Gesamtbild: Ein geometrischer Fries teilt die Langseite des Raums in ein oberes und ein unteres Register. Er wird aus Rauten gebildet und ist von zwei Bändern mit Flächen wechselnder Farben, sogenannten ägyptischen Farbleitern, eingerahmt. Im oberen Register ist eine Jagdszene zu sehen, bei der zwei Jagdhunde in schnellem Lauf eine Gazellenherde auf einen Jäger zutreiben, der eines der Tiere bereits erlegt hat. Im unteren Register sind drei schreitende Männer und weitere Personen in einer Prozessionsszene zu erkennen. Eine dritte Szene ist dreidimensional in einer Raumecke mit ansteigendem Boden angelegt. Die Bemalung zeigt einen Baum auf einem Hügel, in den ein blaues Tier seine Vorderhufe gesetzt hat und frisst. Der Tierkopf ist nicht erhalten. Die Malerei umfasst auch Teile des Bodens, und in der Raumecke verzweigen sich die Äste des Baums auf beiden Wänden. „Das Motiv entspricht altorientalischen Darstellungen des sogenannten Lebensbaums, das für die Fruchtbarkeit der göttlich geschaffenen Ordnung steht“, erklärte Kamlah. Für alle drei Motive fänden sich Vergleiche aus der altorientalischen und ägyptischen Bildsprache, die zur idealisierenden Darstellung von Königen, Herrschern und Angehörigen der Eliten dienten.

Die fast 4.000 Jahre alten Wandmalereien bezeugten eine Epoche der besonderen Blüte im Süden des heutigen Libanon in der mittleren Bronzezeit (ca. 2000-1550 v. Chr.). „Über die damaligen Menschen war bislang nur sehr wenig bekannt. Die deutsch-libanesischen Ausgrabungen zeigen, dass es in Sidon ein wirtschaftlich und kulturell blühendes Stadtkönigtum gegeben haben muss. Da wir keine Anzeichen für größere Umwälzungen in der Bevölkerung gefunden haben, können wir davon ausgehen, dass die Menschen Vorfahren der Phönizier waren, die das Gebiet später bewohnten“, sagte Kamlah abschließend.

Publikation:

Jens Kamlah and Hélène Sader (eds.): Tell el-Burak I: The Middle Bronze Age. Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins 45/1. Wiesbaden 2019. 
 

Kontakt:

Prof. Dr. Jens Kamlah
Universität Tübingen 
Evangelisch-Theologische Fakultät
Biblisch-Archäologisches Institut
jens.kamlahspam prevention@uni-tuebingen.de 

 

Pressekontakt:

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Hochschulkommunikation
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