Institute for Eastern European History and Area Studies

Exkursion 2022 nach Novi Sad (Serbien)

Exkursionsseminar: StadtLesen und StadtBeschreiben. Kulturhauptstadt Novi Sad 2022

Novi Sad ist das administrative, wirtschaftliche, kulturelle, wissenschaftliche und touristische Zentrum der autonomen Provinz Vojvodina und die zweitgrößte Stadt Serbiens. 2022 trägt Novi Sad den Titel der Kulturhauptstadt Europas. Ihr vielfältiges kulturelles Erbe verdankt sie einer bewegten Geschichte mit unterschiedlichen soziopolitischen Ordnungen und Migrationen. Das Exkursionsseminar thematisiert die Grundfragen der Vergangenheit und Gegenwart der Stadt durch die Auseinandersetzung mit den Repräsentationen im Kulturhauptstadtjahr. Es rückt insbesondere die Themen Migration, kulturelle Vielfalt, konkurrierende Ordnungen und Erinnerungen in den Vordergrund. Entsprechend dem Verständnis von einem Stadtraum als soziale Konstruktion fragen wir nach den Wahrnehmungen des Einflusses des Kulturhauptstadttitels auf einzelne Aspekte des Stadtlebens, einschließlich des Stadtbildes.

Die vom 29.10.-2.11.2022 stattgefundene Exkursion beinhaltete Führungen, Gespräche, Besuche und Wahrnehmungsspaziergänge. Unter Anwendung fachübergreifender wie fachspezifischer Methoden, darunter Anfertigung von Interviews, Texten, Beschreibungen, Film, Fotografien, Zeichnungen, Mental Maps, Tonaufnahmen etc. erarbeiten die Teilnehmenden in koordinierter Einzel- und Gruppenarbeit die Grundlage für eine online Veröffentlichung.

Exkursionsbericht

Verfasst von: Leander Vieten, Marcel Alber, Sarah Polzer, Antonia Eger, Soraya Esfahanian, Lizzy Loos, Vivian Viacava-Galaz, Barbara Meinhardt-Heuser, Luca Elena Kuntz, Muriel Brummer, Carmen Mendetzki Brines, Joshua Hörtkorn, Jamie-Jonathan Nagel, Zoe Schrader und Jasmin Faß.

Teilnehmende Studierende und Lehrende, Fächer und Fachgebiete

Das Exkursionsseminar findet als Kooperation zwischen dem Ludwig-Uhland-Institut und dem Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde statt und wird geleitet von Frau PD Dr. Daniela Simon und Herrn Prof. Dr. Reinhard Johler. Insgesamt hatten 15 Studierende die Möglichkeit nach Novi Sad zu fliegen, dort Einblicke in die Kulturhauptstadt zu bekommen und zu forschen. Elf Studierende kommen aus dem Fach Empirische Kulturwissenschaft, die anderen vier studieren Geschichte an der Universität Tübingen. Diese Multidisziplinarität ermöglichte eine breite Methodenauswahl und bereicherte die Feldforschung.

Ablauf

Im Rahmen der fünftägigen Exkursion haben wir uns als Ziel gesetzt, die Stadt Novi Sad zu “lesen” und Beschreibungen über sie anzufertigen. Die kurze Aufenthaltsdauer erlaubte keine intensive Feldforschung, so dass wir auf die Methode der Short Cuts (Johler) zurückgegriffen haben. Am ersten Tag begannen wir mit dem Kennenlernen der Stadt und dem Sammeln von ersten Eindrücken. Der Stadtführer Dimitrije Potić führte uns durch die Innenstadt und die Festung Peterwardein. Der zweite Tag war dem Treffen mit Studierenden von der Universität Novi Sad gewidmet. Der Austausch mit den Studierenden der Kulturwissenschaft über ihren Alltag, ihre Zukunftsvorstellungen und ihre Einbindung in die kulturellen Aktivitäten in der Stadt war sehr aufschlussreich. Am dritten Tag wurden unsere bis dahin gesammelten Ergebnisse noch weiter durch eigenständige Forschung in Form von Interviews und Expert*innengesprächen vervollständigt. Jeden Abend gab es ein gemeinsames Treffen, bei dem der aktuelle Stand besprochen wurde.

Überrascht hat uns...

...dass so viele Sprachen in der Region gesprochen werden, wie sehr wir mit unseren Stereotypen gebrochen haben und wie sehr die Stadt eine europäische Stadt ist. Besonders der Kontakt zu unterschiedlichen Personen hat gezeigt, wie vielschichtig die Meinungen zum Titel “Europäische Kulturhauptstadt” sind. Wir wurden damit konfrontiert, wie viel im Bild einer Stadt steckt und wie aus Novi Sad gelesen werden kann. Durch viele Begegnungen und Unterhaltungen wurde deutlich, dass sich die Stadt in einer regen Aushandlung ihrer multikulturellen und europäischen Identität befindet.

Besonders schön war...

…wieder gemeinsam reisen zu können nach der Pandemie. Überdies war es eine interessante Erfahrung, in ein nicht EU-Land bzw. in ein Land zu kommen, das sonst normalerweise unter dem Radar von Tübinger Studierenden bleibt. Wir genossen die Begegnung und den intensiven Austausch innerhalb der ganzen Exkursionsgruppe. Es war wunderbar die unterschiedlichen Perspektiven von Kulturwissenschaftler*innen und Historiker*innen kennenzulernen und miteinander sowie voneinander Neues zu lernen. Eines der vielen  Highlights waren gemeinsame Abendessen unter Begleitung der Tamburica-Musik im Restaurant Aqua Doria am Donauufer.

Empfehlenswert ist...

… die Festung Peterwardein mit den angesiedelten Restaurants. Wer sich für Museen interessiert, wird auf der Festung ebenfalls fündig: Das Museum zur Stadtgeschichte hat neben ausgestellten Objekten (Kleider und Möbel) auch zur Geschichte Novi Sads einen guten Überblick. Die Kunstateliers auf der Festung sind ein Geheimtipp, ebenso wie die vielen kleinen Restaurants mit serbischer Küche überall in der Stadt. Der Blick über die Donau wird Sie fesseln! Dieser in Europa so bedeutende Fluss zeigt in Novi Sad viele unterschiedliche Facetten und erzählt dort seine eigene Geschichte von jahrhundertelanger Migration von Menschen und Waren.

Die Stadt ist nicht nur aufgrund ihrer Lage an der Donau, der Festung, der habsburgischen wie modernistischen Architektur und Geschichte besonders. Sie wird noch deutlich vielfältiger und nahbarer, wenn der Kontakt zu den aufgeschlossenen Einwohner*innen aktiv gesucht wird.

Zwischenfazit

In den Gesprächen mit verschiedenen Personen gewannen wir den Eindruck, dass die ausgeprägte Multikulturalität fester Bestandteil des Lebens in Novi Sad ist und so zu der Identität und Kultur der Stadt gehört. Zum anderen stellte sich uns Novi Sad als eine Stadt dar, in welcher diese Vielfältigkeit weniger als europäischer Wert ausgedrückt wird, sondern, dass die Stadt durch das Projekt der europäischen Kulturhauptstadt ihre ganz eigene Kultur und Geschichte inszenierte. Novi Sad ist sicherlich in vielerlei Hinsicht europäisch, ihre Identität besteht aber aus vielen Facetten. Die Identität der Stadt ist und wird sowohl von Studierenden als auch von alteingesessenen Künstler*innen, sowohl von historischen Gebäuden als auch von moderner Kunst und Graffitis und sowohl von nationaler Zugehörigkeit als auch von internationalem Einfluss geprägt.

Dank

Die Studierenden und Lehrenden bedanken sich herzlich für die Förderung der Exkursion bei der Kulturreferentin für den Donauraum im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm, beim Universitätsbund Tübingen e. V. sowie beim Förderverein Geschichte an der Universität Tübingen e.V.