Antifaschistische Ökonomik
Ringvorlesung Sommersemester 2025
Am Tag nach der Wiederwahl von Donald Trump hat die Ökonomin Isabella Weber das Schlagwort der antifaschistischen Ökonomik auf der Plattform X platziert. Damit hat sie eine Debatte befeuert, die beinahe 100 Jahre alt ist: Schon 1935 beschrieb der deutsche Ökonom und Sozialphilosoph Wilhelm Röpke, der als Kritiker der Nazis seine Professur in Marburg verloren hatte und in die USA geflohen war, in der Zeitschrift Economica: “Wir [als Wirtschaftswissenschaftler] müssen aufhören, in unserer hochmütigen Abgehobenheit die Tatsache zu ignorieren, dass die wirtschaftlichen Ideen, die die Zukunft unseres Wirtschaftssystems am ehesten prägen werden, heute stärker außerakademisch geprägt sind als vielleicht je zuvor.”
Die politische Ökonomie des (Anti-)Faschismus wird schon mindestens seit den 1980er Jahren erforscht - vorrangig von Historiker*innen und Politikwissenschaft. Nun schalten sich auch Ökonom*innen in die Debatte ein. Damit ist die Schnittstelle von wirtschaftspolitischen Fragestellungen und Faschismusbekämpfung ein offensichtliches Terrain für Rethinking Economics: Wir wollen Interdisziplinarität in der Wirtschaftswissenschaft fördern, denn wir sind davon überzeugt: Für gute Lösungen braucht es plurale Perspektiven. Deshalb lautet das Rahmenthema für die von uns veranstaltete Ringvorlesung im Sommersemester 2025 “Antifaschistische Ökonomik”.
Hierfür wollen wir verschiedene wissenschaftliche Ansätze vorstellen, interdisziplinäre Perspektiven einnehmen und praktische Einblicke bieten, um möglichst viele Aspekte des Themenkomplexes zu beleuchten. Zunächst scheint es naheliegend und relevant, eine historische Perspektive einnehmen: Wie haben die Ökonom*innen des letzten Jahrhunderts die Wirtschaftspolitik faschistischer Regime, etwa in Deutschland oder Italien, bewertet?
Dann wollen wir den Blick weiten: Welche wirtschaftspolitischen Versprechungen und Ansichten vertreten ultrarechte Parteien im 21. Jahrhundert? Wie entscheidend ist die wirtschaftliche Situation von Menschen tatsächlich für ihre Wahlentscheidung? Passen Demokratie und Kapitalismus überhaupt zusammen? Wie kann eine Diskursverschiebung, in der wissenschaftliche Fakten und populistische Meinungen immer mehr als gleichwertig betrachtet werden, aufgehalten werden? Und was bedeutet antifaschistische Ökonomik letztendlich?
Die Ringvorlesung soll einerseits eine Plattform für den Austausch von Ideen und Raum für Diskussionen sein, auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse. Gleichzeitig wollen wir mit der Ringvorlesung das Thema der antifaschistischen Ökonomik einem größeren Publikum zugänglich machen. Nicht zuletzt soll die Ringvorlesung einen Impuls setzen, plurale Ansätze sowie aktuelle politisch relevante Themen stärker in den Fokus der Lehre an der Universität Tübingen zu rücken.
Die Ringvorlesung soll insgesamt zehn Veranstaltungen umfassen, bei denen ausgewählte Referierende verschiedene Themen an der Schnittstelle von Faschismus(-bekämpfung) und Ökonomik für die Studierenden aufbereiten. Studierende, die bei mindestens acht der Veranstaltungen anwesend sind und am Ende des Semesters einen Essay zu einer vorgegebenen Fragestellung im Themenfeld der Ringvorlesung verfassen, können bis zu drei ECTS-Punkte erlangen.