Wann: 24. - 26. März 2026
Wo: Tübinger Forum für Wissenschaftskulturen, Hörsaal (1.Stock)
Doblerstr. 33, 72074 Tübingen
Die gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen erstarrter denn je - ganz gleich, ob wir auf die Zuspitzung sozialer Ungleichheiten, ökologische Krisen oder den Aufstieg autoritärer Politikformen blicken. Angesichts dieser Ausgangslage ist kritische Reflexion auf die Struktur unserer Gesellschaft notwendig. Kritik wirkt dabei als Instrument, um scheinbar Alternativloses infrage zu stellen.
Der interdisziplinäre Workshop „Was ist Kritik?“ geht der Frage nach, wie Kritik als wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Praxis verstanden werden kann. Hier setzten wir an: Was heißt es heute, kritisch zu sein – als Studierende, als Bürger:innen, als Teil der Universität? Wir wollen gemeinsam über die Macht der Infragestellung nachdenken: Verhältnisse als historisch geworden und damit grundsätzlich veränderbar zu begreifen. Wer oder was ist Gegenstand der Kritik? – Im Mittelpunkt stehen das Recht und seine Institutionen sowie Diskurse, Machtverhältnisse und kulturelle Praktiken, die gesellschaftliche Ordnung stabilisieren – oder infrage stellen. Aus welchen theoretischen Traditionen speist sich (legitime) Kritik, und wie verhalten sie sich zueinander?
Das Programm umfasst Workshop-Vorträge und Diskussionsgruppen (vgl. Programm) mit den folgenden Gästen:
Philipp Wissing (LMU München & Leuphana Universität Lüneburg): Was ist Kritik? Überlegungen zu Gesellschaftstheorie und Rechtsstaatlichkeit
Philipp Wissing vermittelt im ersten Vortrag einen kritisch-theoretisch fundierten Zugang zur Frage, was „Kritik“ im gesellschaftstheoretischen Sinn bedeutet. Ausgehend von zentralen Autor*innen der Kritischen Theorie sowie weiterführenden Debatten (wie Adorno, Horkheimer, Becker-Schmidt, Jaeggi, Paschukanis sowie Biskamp, Gruber & Ofenbauer) werden theoretische Grundlagen von Gesellschaftskritik erarbeitet. Im ersten Teil führt der Workshop in zentrale Begriffe wie „Gesellschaftskritik“, „Ideologiekritik“ und „Aufklärung“ ein und diskutiert deren Bedeutung für eine „kritische“ Analyse sozialer Verhältnisse. Darauf aufbauend vertieft der zweite Teil kritisch-theoretische Perspektiven auf Recht und Staat. Ziel des ersten Vortrags ist es, ein reflektiertes Verständnis von Kritik als theoretischer und praktischer Haltung zu entwickeln.
Isabel Feichtner (Julius-Maximilians-Universität Würzburg)
Isabel Feichtner spricht im Workshop über das Verhältnis von Recht und Gemeingütern (Commons): Welche rechtlichen Voraussetzungen braucht Commoning, und wie prägt Recht die Möglichkeiten gemeinsamer Organisation von Ressourcen?
Maximilian Pichl (Frankfurt University of Applied Sciences)
Auf der Grundlage von Walter Benjamins "Zur Kritik der Gewalt" soll dem Verhältnis von Recht und Gewalt nachgespürt werden. Die dort theoretisch ausgearbeitete Kritik der Exekutivgewalt wird auf das Problem der rassistischen Polizeigewalt angewendet. Konkret sollen rechtspolitische Strategien zur Problemlösung diskutiert werden.
Moritz Zeiler (Gesellschaft für kritische Bildung)
Einführend wird das Verhältnis von Staat und Kapitalismus diskutiert. Dabei werden kurze Passagen von Karl Marx: „Das Kapital“ und Eugen Paschukanis: „Allgemeine Rechtslehre und Marxismus" gelesen und besprochen. Themen sind dabei vor allem die Garantie von Eigentum und Vertrag und die Regulation von Arbeitskämpfen. Desweiteren wird die Bedeutung des Rechts im Kapitalismus diskutiert: Bedarf die kapitalistische Produktionsweise einer demokratischen Ordnung und der Herrschaft des Gesetzes? Am Beispiel des Nationalsozialismus wird die Kompatibilität von Kapitalismus und antidemokratischen, autoritäre Ordnungen erörtert. Themen sind dabei die Ablehnung des allgemeinen Rechts und des staatlichen Gewaltmonopols durch die nationalsozialistische Herrschaft. Dazu werden kurze Passagen von Ernst Fraenkel: „Der Doppelstaat“ und Franz Neumann: „Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus“ gelesen und diskutiert.
| Dienstag, 24. März | Mittwoch, 25. März | Donnestag, 26. März |
9:30 – 11:00 Vortrag + Diskussion | 9:00 – 10:30 Vortrag + Diskussion tba | |
11:00 – 11:30 Pause | 11:00 – 11:30 Pause | |
11:30 – 13:00 Isabel Feichtner | 11:00 – 12:30 Moritz Zeiler | |
| 14:00 Willkommen | 13:00 - 14:30 Mittagspause | |
14:30 – 16:00 Vortrag + Diskussion Philipp Wissing Was ist Kritik? Überlegungen zu Gesellschaftstheorie und Rechtsstaatlichkeit | 14:30 – 16:00 Maximilian Pichl | |
| 16:00 – 16:30 Pause | 16:00 – 16:30 Pause | |
| 16:30 – 18:00 Diskussionsgruppe Philipp Wissing | 16:30 – 18:00 Diskussionsgruppe: Defunding und Rechtsstaat — Über die (rechts-) politischen Strategien im Umgang mitrassistischer Polizeigewalt Maximilian Pichl
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| im Anschluss: Abendessen im TFW | 19:30 Gemeinsames Abendessen |
Philipp Wissing (LMU München & Leuphana Universität Lüneburg)
Philipp Wissing lehrt und forscht nach Funktionen als Tutor an der LMU München und als Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg am Lehrstuhl für kuratorische Praxis und Architekturgeschichte der TU München. Außerdem berät er gemeinnützige Organisationen wie Blueprint for Free Speech e.V. bei der Umsetzung innovativer zivilgesellschaftlicher Projekte.
Prof. Dr. Isabel Feichtner (Rechtswissenschaften, Julius-Maximilians-Universität Würzburg)
Prof. Dr. Isabel Feichtner ist Professorin für Öffentliches Recht und Wirtschaftsvölkerrecht an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. In ihrer Forschung verbindet sie Völker- und Wirtschaftsvölkerrecht mit einer Perspektive der Law & Political Economy: Im Mittelpunkt stehen die Verteilungswirkungen von Recht, Fragen demokratischer Gestaltung sowie das Recht der Commons — u. a. in Bereichen wie transnationalem Rohstoffrecht und im Kontext sozial-ökologischer Transformation. In ihrer jüngsten Monographie „Bodenschätze. Über Verwertung und Vergesellschaftung“ (Hamburger Edition, 2025) untersucht Isabel Feichtner, wie Stadt- und Landboden sowie der Meeresboden durch rechtliche und ökonomische Praktiken zu verwertbaren Ressourcen werden. Zugleich arbeitet sie Formen des Widerstands und rechtliche Handlungsoptionen heraus: Wie können „Gegenrechte“ und institutionelle Alternativen dazu beitragen, Boden als Gemeinsames zu schützen und Commons zurückzugewinnen, sodass Fragen der Bewohnbarkeit und demokratischen Gestaltung in den Mittelpunkt rücken.
Prof. Dr. Dr. Maximilian Pichl (Politische Theorie, Frankfurt University of Applied Sciences)
Prof. Dr. Dr. Maximilian Pichl ist Professor für Recht der Sozialen Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences mit den Schwerpunkten Demokratie, Partizipation und Rechtsstaatlichkeit. Seine wissenschaftliche Arbeit ist von einer Perspektive auf Recht als umkämpftes gesellschaftliches Feld geprägt. Ihn interessiert dabei besonders, wie Recht in gesellschaftlichen Konflikten wirkt — als Instrument staatlicher Ordnungspolitik ebenso wie als Ressource für demokratische Gegenmacht, Grund- und Menschenrechte und solidarische Praxis. In seiner Forschung verbindet er daher kritische Rechtstheorie und (rechts-)politische Analysen mit Fragen des Flüchtlings- und Migrationsrechts sowie des Polizeirechts. Zu seinen aktuellen Publikationen zählt Law statt Order. Der Kampf um den Rechtsstaat (Suhrkamp, 2024), in dem er die politische Umdeutung von „Rechtsstaat“ analysiert und an die Tradition juristischer Kämpfe gegen staatliche Willkür anknüpft.
Moritz Zeiler (Politik- und Geschichtswissenschaft, Gesellschaft für kritische Bildung)
Moritz Zeiler ist Politikwissenschaftler und Historiker. In seiner Bildungs- und Publikationstätigkeit arbeitet er zu Fragen kritischer Gesellschaftstheorie – insbesondere marxistischer Theorie, Staats- und Herrschaftstheorie sowie zur Geschichte sozialer Bewegungen und zu Antisemitismus. Ein Schwerpunkt seines akademischen Arbeitens liegt auf der verständlichen Vermittlung materialistischer Theorieansätze in Seminaren, Lektürekursen und Workshops. So war er u. a. wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Initiative (Bremen) im Bereich Veranstaltungsprogramm und ist dort weiterhin in Formaten politischer Bildung präsent. Zu seinen Veröffentlichungen zählt die Textsammlung „Staatsfragen – Einführungen in die materialistische Staatskritik“ und der mit Valeria Bruschi herausgegebene Band „Das Klima des Kapitals. Gesellschaftliche Naturverhältnisse und Ökonomiekritik“. Ergänzend dazu konzipiert er Formate politischer Bildung, in denen Zugänge zu materialistische Theorieansätze gemeinsam erarbeitet werden.
Philipp Wissing | |
| Vortrag | Gruber, Alex; Ofenbauer, Tobias (2003): Der Wert des Souveräns. Zur Staatskritik von Eugen Paschukanis. In: Paschukanis, Eugen: Allgemeine Rechtslehre und Marxismus. Freiburg: ça ira-Verlag, S. 7-26. Becker-Schmidt, Regina (1996): Früher-später; innen-außen: Feministische Überlegungen zum Ideologiebegriff. Zeitschrift für kritische Theorie (ZkT), Bd. 2, Iss. 3: S. 31-56. |
| Diskussionsgruppe | Jaeggi, Rahel (2009): Was ist Ideologiekritik? In: Rahel Jaeggi und Tilo Wesche (Hrsg.). Was ist Kritik? Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 266-295. |
Isabel Feichtner | |
| Vortrag |
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| Diskussionsgruppe | Samour, Nahed; Joyce, Richard; Pahuja, Sundhya (2025): International law, populism and Palestine: an interview with Nahed Samour. London Review of International Law, Volume 13, Iss. 2, pp. 267-284. |
Maximilian Pichl | |
| Vortrag | Benjamin, Walter (1921/1991): Kritik der Gewalt. In: Rolf Tiedemann und Herrmann Schweppenhäuser (Hrsg.): Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, Band II.I. Frankfurt am Main, Suhrkamp, S. 179-204. |
| Diskussionsgruppe | Pichl, Maximilian (2022): Defunding und Rechtsstaat. Kriminologisches Journal, 54. Jg., H. 4, S. 280-297. |
Moritz Zeiler | |
| Vortrag |
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| Diskussionsgruppe | Einführung in die materialistische Staatskritik. Ausgewählte Passagen von Eugen Paschukanis, Karl Marx, Ernst Fraenkel und Franz Neumann |
Bewerben können sich deutschsprachige Studierende, Promovierende und Postdocs aus unterschiedlichen Fachrichtungen.
Bewerbung: Ihre Bewerbung können Sie hier einreichen.
Bewerbungsfrist: 22. Februar 2026
Rückmeldung: bis 28. Februar 2026
Kosten: Reisekosten werden übernommen, Übernachtungskosten können anteilig erstattet werden.
Bei Fragen wenden Sie sich gerne an:
Organisation: Tübinger Forum für Wissenschaftskulturen (TFW), in Kooperation mit dem Arbeitskreis Kritischer Jurist*Innen Tübingen (AKJ).
Über den Arbeitskreis Kritischer Jurist*Innen (AKJ)
Der AKJ Tübingen ist eine studentische Gruppe, die die sozialen Bezüge des Rechts reflektieren und einen kritischen Umgang mit Recht fördern möchte. Wir bieten eine Plattform für kritische Auseinandersetzungen mit dem Studium der Rechtswissenschaften und wollen einen Beitrag zu aktuellen rechtspolitischen Diskussionen leisten. Eines unserer Ziele ist, Studierende dafür zu sensibilisieren, dass das Recht keine Naturerscheinung, sondern Teil der Gesellschaft ist. Das Recht ist daher immer politisch und kann nicht, wie es im Jurastudium oftmals vermittelt wird, getrennt von politischen Fragen verstanden werden.
Weitere Infos über den AKJ finden Sie auf www.akj-tuebingen.de oder auf Instagram unter @akj.tuebingen.