Arbeitstitel: Das Heer der Ottonen - Zu Organisation und Motivation von Kriegsdiensten im 10. Jahrhundert.
Beschreibung: Wie wurden Gesellschaften dazu befähigt, Kriegsdienste zu organisieren und Menschen zur Teilnahme am Krieg zu mobilisieren? Am Beispiel des Reiches der ottonischen Dynastie (919–1024) untersucht die Arbeit die sozialen, politischen und kulturellen Voraussetzungen vormoderner Heeresorganisation und leistet damit zugleich einen Beitrag zum Verständnis frühmittelalterlicher Herrschaftspraxis.
Im Zentrum steht die Beobachtung, dass ältere Erklärungsmodelle der Mediävistik – insbesondere das lange dominante Konzept des Lehnswesens – in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend in Frage gestellt worden sind. Ebenso hat das Modell der „konsensualen Herrschaft“ den Blick stark auf symbolische Kommunikation und die Interaktion zwischen König und Eliten gelenkt, während die konkrete Organisation militärischer Gefolgschaften bislang vergleichsweise wenig beachtet wurde. Hier setzt das Projekt an und fragt danach, wie Kriegsdienste im 10. Jahrhundert organisiert wurden, welche Akteure beteiligt waren und welche Motivationen und Verpflichtungsstrukturen ihrem Handeln zugrunde lagen.
Methodisch verfolgt die Dissertation zwei eng miteinander verbundene Zugänge. Zum einen werden die sozialen Bindungen und Verpflichtungsgefüge zwischen Herrschern, Magnaten und militärisch aktiven Gruppen wie den milites untersucht. Ziel ist es, die Vielfalt personaler Beziehungen jenseits schematischer Modelle sichtbar zu machen und ihre konkrete Bedeutung für die Mobilisierung von Waffenträgern herauszuarbeiten. Zum anderen analysiert die Arbeit das zeitgenössische Wissen über Krieg und Militärorganisation: Welche Traditionen wurden aus der Karolingerzeit übernommen, wie wurden antike militärtheoretische Texte rezipiert, und in welchem Verhältnis standen solche Wissensbestände zur militärischen Praxis?
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Perspektive der zeitgenössischen Autoren. Die Schriftsteller des 10. Jahrhunderts waren mit den Werten und Handlungen der bewaffneten Männer ihrer Zeit bestens vertraut; zugleich waren sie häufig selbst Teil dieser Welt. Geistliche Würdenträger unterhielten eigene Gefolge und stellten Truppen für die ottonischen Heere bereit, sodass die kirchliche Sphäre keineswegs von der kriegerischen getrennt war. Dennoch verfolgten die Autoren klare Intentionen: Ihre Chroniken, Viten und Erzählungen sollten politische Führer formen, moralische Orientierung bieten und nicht zuletzt unterhalten. Um wirksam zu sein, entwarfen sie kohärente Narrative, die mit den Normen und Erwartungen ihres Publikums übereinstimmten. Die dargestellten Figuren erscheinen daher häufig als idealisierte Gestalten, deren Handlungen zeitgenössische Vorstellungen der kriegerischen Elite widerspiegeln – aber auch immer wieder die Masse der anonymen Waffenträger aufblitzen lassen.
Gerade diese stilisierten „Tintenkrieger“ eröffnen jedoch einen zentralen Zugang zum Selbstverständnis der ottonischen Gesellschaft. Aufbauend auf neueren kulturhistorischen Ansätzen untersucht die Dissertation, wie Quellen des 10. Jahrhunderts militärische Identität und Motivation konstruieren. Durch die Analyse von Werken etwa Liutprands von Cremona, Widukinds von Corvey, Thietmars von Merseburg sowie des Epos Waltharius wird sichtbar, welche Werte Kriegern zugeschrieben wurden, welche Rollen sie einnahmen und wie sich ihre Identität im Spannungsfeld zwischen kirchlicher Deutung und kriegerischer Praxis formierte.
Neben historiographischen und hagiographischen Werken stützt sich die Untersuchung auch auf die Urkunden der ottonischen Könige sowie auf die uns herabgekommenen Bestände der Klöster von Freising und Salzburg. Durch die Verbindung dieser unterschiedlichen Quellengattungen und Methoden wird es möglich, sowohl übergreifende Strukturen als auch lokale Konstellationen sichtbar zu machen. Ziel ist es, die Organisation von Heeren im ottonischen Reich neu zu beschreiben und zugleich zu zeigen, wie eng Fragen militärischer Mobilisierung mit den grundlegenden Mechanismen frühmittelalterlicher Herrschaft sowie mit zeitgenössischen Vorstellungen von Identität und sozialer Ordnung verflochten waren.